Männer und Frauen : Für den Rest ihres Lebens

In den USA sitzen 10 000 Menschen lebenslänglich in Haft, weil sie als Kinder und Jugendliche kriminell wurden. Sie werden nie mehr nachts das Licht löschen können, nie mehr in Ruhe essen, nie eine eigene Familie haben.

Stefan Scheytt
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Drinnen. Courtney Schulhoff (links) und Alicia Lattimore.Foto: Laif

Der Tag ist leer und sinnlos, wie so viele Tage zuvor in Dietrick Mitchells Leben, und er endet in der Katastrophe. Schon seit Mittag fährt Dietrick ziellos durch Denver. 16 Jahre ist er alt, seine Mutter ist crackabhängig. Bierdosen kullern im Fußraum des Wagens, irgendwann steigen seine Freundin und ein Kumpel zu. Es dämmert, als Dietrick im Rückspiegel ein Polizeiauto sieht. Er hat keinen Führerschein, und er ist angetrunken. „Wenn sie mich erwischen, lande ich im Knast“, denkt er und biegt ab. Der Streifenwagen folgt, Dietrick wird nervös, biegt erneut ab, seine Augen kleben am Rückspiegel. Das Polizeiauto fährt weiter, Dietrick atmet auf – und fährt Sekunden später einen 16-Jährigen auf dem Gehweg zu Tode. Das Opfer ist weiß, Dietrick Mitchell schwarz.

Ein Jahr später konstruiert der Staatsanwalt daraus einen Mord im Bandenmilieu. Dietrick Mitchell, 17 Jahre alt, wird zu „Life without parole“ verurteilt, das ist die verschärfte Form einer lebenslänglichen Haftstrafe: Ausdrücklich wird ihm das Recht verwehrt, um vorzeitige Entlassung bitten zu dürfen, auch nicht nach 20, 30, 40 Jahren.

Dietrick Mitchell, so das Urteil, soll das Gefängnis erst wieder als Toter verlassen.

In Amerika ist alles größer als anderswo: die Autos, die Popcornbecher im Kino, die Vorstandsboni. Die Gewalt, ihre Verherrlichung, die Angst vor ihr – und die Erbarmungslosigkeit der Gesetze und Gerichte, um der Gewalt Herr zu werden. Die amerikanische Strafjustiz hat etwas Monströses: Kein Land sperrt seine Bürger in so großer Zahl und für so lange Zeit weg wie die USA, die zwar nur fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen, aber fast ein Viertel der weltweit Inhaftierten – 2,3 Millionen Menschen sitzen in US- Gefängnissen ihre Strafen ab. Auf 100 000 Einwohner kommen in Großbritannien 151, in Deutschland 88, in Japan 63 Häftlinge. In den USA sind es 751.

Mehr als 10 000 Menschen sitzen lebenslange Haftstrafen ab, zu denen sie als Kinder oder Jugendliche verurteilt wurden, in einem Alter also, als sie vor dem Gesetz noch zu jung waren, um Zigaretten zu kaufen, zu wählen, ein Geschäft zu eröffnen. Schlimmer noch: Nach einem Report der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch trägt das Lebenslänglich-Urteil bei fast einem Viertel der Minderjährigen – wie bei Dietrick Mitchell – den Zusatz „without parole“. Als die UN 2006 eine Resolution gegen diese Art der Bestrafung Minderjähriger verabschiedete, stimmten 176 Länder dafür und eines dagegen: die USA.

Im Land der Maßlosigkeit gibt es deshalb Menschen wie Kenneth Young, heute 23, der als 15-Jähriger mit einem zehn Jahre älteren Drogendealer vier Raubüberfälle in Motels in Florida begeht, um die Schulden seiner drogensüchtigen Mutter bei diesem Dealer abzutragen; bei den Überfällen greift Young in die Kasse, während sein Anstifter die Opfer mit einer Waffe in Schach hält; es fällt kein Schuss, niemand wird verletzt, aber der Minderjährige erhält viermal „Life without parole“.

„Lebenslänglich“ auch für Sara Kruzan in Kalifornien, heute 28 Jahre alt, die mit 16 ihren Zuhälter tötet, nachdem er sie jahrelang auf den Strich geschickt und selbst missbraucht hat.

„Life without parole“ auch für Courtney Schulhoff, 21 Jahre, 1,54 Meter klein und 44 Kilo leicht, Porzellanhaut, ihr Händedruck sagt: „Mich gibt es gar nicht.“

Courtney Schulhoff, Insassennummer 154495, sitzt im Besucherraum des Lowell-Frauengefängnisses in Ocala, Florida. Ihre Uniform ist taubenblau, sie hat Tränen in den Augen. „Vor ein paar Tagen habe ich ein Gedicht geschrieben, wie sehr ich meinen Dad vermisse.“ Sie stockt, schluchzt, schluckt, sagt mit dünner Stimme: „Ich vermisse alles, meinen Dad, eine Familie zu haben, geliebt zu werden. Es tut alles so weh, es ist ein furchtbares Auf und Ab an Wut, Angst und Selbsthass. Ich habe keine Ahnung, wie ich das durchstehen soll.“ Sie legt ihren Kopf an die Brust ihrer Freundin Alicia Lattimore. Auch deren Urteil lautete auf „life without parole“. „Wir werden hierdrin sterben“, sagt Alicia.

Courtney Schulhoffs Geschichte nimmt ihre finale Wendung an einem Abend Anfang 2004. Sie ist gerade 16 geworden und wartet mit ihrem Hund vor dem Haus in Altamonte Springs, Florida. Drinnen erschlägt ihr 20-jähriger Freund ihren schlafenden Vater mit einem Baseballschläger.

Das Paar glaubt, damit ein Problem aus der Welt zu schaffen. Ein Problem, das seit Jahren gewachsen ist, seit Courtneys Familie zu zerbrechen begann.

Courtneys Eltern sind Mormonen, die strenge Regeln hochhalten – kein Kaffee, kein Alkohol, kein Sex ohne Trauschein – aber gegen alle Regeln selbst verstoßen.

Courtney, der Teenager, reagiert mit Depressionen und Auflehnung, sie raucht, trinkt, zieht sich schwarz an, erzählt vom Sex mit ihrem Freund. „Meine Mutter steckte mich in eine Benimmschule, damit ich nicht mit einem Null-Bock-Gesicht in die Kirche gehe“, sagt sie.

Ihr tiefgläubiger Stiefbruder bricht mit ihr, weil sie ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe „verschenkt“ habe. Dann die Affäre der Mutter und ihr Abgang zu dem anderen Mann. Courtney leidet mit ihrem Vater, er ist jetzt ihr letzter Verbündeter, aber nach dem ersten Trennungsschmerz macht er plötzlich „Dinge, die ein Vater bei seiner Tochter normalerweise nicht macht.“ Zweimal. „Ich ekelte mich so. Wenn er nach Hause kam, ging ich. Ich konnte seine Gegenwart nicht ertragen.“ Er trinkt, bringt eine Frau nach Hause, die Courtney nicht mag, es gibt nur noch Streit, sie klaut ihm Schecks, er zeigt sie an, ein paar Tage sitzt sie dafür im Gefängnis.

Irgendwann glaubt das junge Paar, es sei besser, der Vater wäre tot. Heute verbindet die beiden nur noch die gleiche Strafe: lebenslänglich ohne Möglichkeit zur vorzeitigen Entlassung – sie als „mastermind“ des Mordplans, wie es der Staatsanwalt damals sah, ihr volljähriger Freund als Ausführender.

Die 27-jährige Rebecca Falcon, geboren an Heiligabend, lebt schon mehr als doppelt so lange hinter Gittern wie Courtney Schulhoff, sie ist jetzt in ihrem zwölften Jahr: „Die erste Zeit bin ich ständig ausgerastet, war aggressiv, ließ mich in Streit verwickeln.“ Wochenlang saß sie deshalb in Einzelhaft, 23 Stunden am Tag. Sie zeigt ihren Unterarm: „Ich habe mich selbst verletzt, mit Rasierklingen, Nägeln, Fingernägeln.“ Sie lächelt. „Ich habe eine gute Haut, meine Narben verschwinden. Ich verletze mich nicht mehr, seit ich gerettet wurde.“

Rebecca Falcon hat zum Glauben gefunden, und vielleicht bleibt einem nicht viel anderes übrig, wenn man ein „Lebenslänglich“ aushalten soll: das Gewecktwerden durch schreiendes Gefängnispersonal um 5 Uhr 30, für den Rest des Lebens; nie mehr alleine duschen, nie mehr länger Mittagessen als 20 Minuten; Regeln, die vorgeben, wie man die Socken zu tragen hat und welche Lidschattenfarben erlaubt sind.

„Gott hat mich in ein produktives Umfeld gebracht, ich bin den ganzen Tag beschäftigt“, sagt Rebecca Falcon. Sie macht Büroarbeit in der Gefängnisgemeinde, organisiert Bibelstunden und Gottesdienste. Ihr Engagement hat ihr geholfen, eine Doppelzelle zu bekommen, wo sie immerhin ein eigenes Licht am Bett hat und eine gewisse Privatheit, anders als in den Sälen mit 100, 150 Frauen, die nachts in ihren Stockbetten weinen, schnarchen, streiten, albträumen, die sich das T-Shirt übers Gesicht legen gegen das nie völlig gelöschte Licht.

Die Zugehörigkeit zur christlichen Ersatzfamilie hilft ihr auch halbwegs zu ertragen, dass sie kaum noch Kontakt zu ihrer eigenen Familie hat. „In den letzten zwei Jahren habe ich meine Mutter drei Stunden gesehen, sie kann sich die weite Fahrt kaum leisten.“ Und vielleicht zieht sie aus ihrem Glauben sogar einen Sinn dafür, dass sie nie mehr einen Menschen umarmen oder küssen darf, allenfalls Besucher zur Begrüßung und zum Abschied, und dass sie ihre Sexualität unterdrücken soll für den Rest ihrer Zeit.

Ganz sicher aber gibt ihr der Glaube Hoffnung. Es ist die Hoffnung auf einen Lottogewinn. „Gott vollbringt Wunder. Jeden Morgen wache ich mit dem Gedanken auf, dass ich ausgerufen werde: ,Rebecca Falcon, Sie können gehen, Ihre Daten sind aus dem Computer verschwunden.‘ Ich glaube daran, dass Gott mir eine zweite Chance gibt.“

Ihre erste Chance jenseits der Mauern ist keine echte Chance gewesen. Als sie sechs ist, fummelt der Verlobte ihrer Mutter an ihr herum, und als sie ihrer Mutter und Großmutter davon erzählt, glauben die es nicht. Mit 13 wird sie von fünf Bekannten vergewaltigt, mit 14 gerät sie an einen Freund, der sie zum Sex zwingt. „Ich wagte es nicht, nein zu sagen. Ich dachte, ich liebte ihn. Dabei mochte ich mich selbst nicht“, erzählt sie. Schon damals schneidet sie sich die Unterarme auf, beginnt sie zu trinken wie ihre Mutter und schluckt deren Schmerztabletten; mit 15 macht sie einen Selbstmordversuch. Aber Mutter und Stiefvater fällt nur ein, Rebecca zur Großmutter zu schicken, weit weg nach Florida, wo alles besser werden soll.

Es wird nur schlimmer. Wieder gerät sie in eine Clique älterer Jungs. „Ich wollte nicht mehr verletzt werden, deshalb machte ich mich hart. Ich trank, hörte Rap.“ Und so sitzt sie, 15 Jahre jung, in einer Novembernacht 1997 mit ihrem 18-jährigen Freund in einem Taxi, sie ist angetrunken, er hat eine Pistole dabei, und weil keiner Angst zeigen will, ziehen sie ihre Idee durch, den Fahrer auszurauben.

Der Mann stirbt durch eine Kugel. Wer sie abfeuerte, wird vor Gericht nicht geklärt.

„Life without parole“ – 17 Jahre ist es her, dass Dietrick Mitchell diesen Satz bei der Urteilsverkündung ungläubig hörte. Jetzt ist er 34 und sitzt noch immer hinter Gittern, sechs Jahre davon in Einzelhaft in einem Hochsicherheitsgefängnis.

Er ist ein hochgewachsener Mann, dessen kindliches Gemüt nichts davon verrät, was er in 17 Jahren Gefängnis erlebt hat. Er lacht viel und laut, erzählt davon, wie er sich beim Fernsehen in Freiheit träumt, manchmal sitzt er dann bei lauter Musik in einem Jaguar XJ 12, oder er unternimmt Reisen in Länder mit bizarren Schlössern.

Irgendwann rutscht Mitchell das Wort Selbstmord heraus, aber er verschluckt es gleich wieder und erzählt, dass seine Strafe wegen eines Formfehlers vor wenigen Jahren geändert worden sei: 2031, er wird dann 56 sein, darf er zum ersten Mal um vorzeitige Entlassung bitten.

„Seither sehe ich wieder Licht am Ende des Tunnels“, sagt Mitchell, und sein Lachen klingt, als lache er über sich selbst. Auch im Jahr 2031 werden Mitchells Chancen lächerlich gering sein.

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