Männer und Frauen : Sex ist Pflicht

Die Mullers hatten eigentlich alles: nette Kinder, ein Haus, gute Jobs. Nur die Lust aufeinander, die war weg. Da kam Charla eine Idee: Wir müssen es tun – 365 Tage im Jahr!

Verena Friederike Hasel
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Sex nach Terminplan: Brad und Charla Muller.Foto: privat

Wenn ein Mann in einem bürgerlichen amerikanischen Vorort 40 wird, bekommt er von seiner Frau gute Zigarren, eine teure Uhr oder einen exklusiven Golfschläger. Charla Muller jedoch schätzt Originalität. Also schenkte sie ihrem Gatten 365 Tage Sex – natürlich mit ihr selbst.

Als Brad Muller von dem Programm für sein neues Lebensjahr erfuhr, stolperte er erst einmal über das Feuerwehrauto des Sohnes, das auf dem Wohnzimmerboden stand. Und fast schien es, als hätte er es am liebsten zu Hilfe genommen, um den Brand, der da anfing in seinem Haus zu lodern, zu löschen. „Bitte überleg dir das noch einmal ganz genau“, sagte er und ging seiner Wege.

Das sei ihre typische Rollenverteilung, sagt Charla Muller. Sie übernehme den „Wäre es nicht toll, wenn“-Part und er den „Ja, aber“-Part, gerade neulich wieder: Wäre es nicht toll, ein Krocket-Turnier zu organisieren, wäre das nicht lustig, redete sie sich in begeisterte Rage, da hakte er ein: „Aber Charla, du kannst doch gar kein Krocket.“

„Ein berechtigter Einwand“, sagt sie. Beim Sex dagegen gab es keine zwingenden Gegenargumente. Den beherrschte sie. Und trotzdem lehnte er zunächst ab.

„Hätte sich bei diesem Angebot nicht jeder andere Mann sofort splitterfasernackt ausgezogen?“, fragt Charla.

„Ich wollte mir sicher sein, dass du es ernst meinst“, sagt er.

Und sie meinte es ernst, nicht ganz 365 Male, aber immerhin wohl 336 Mal, also an ungefähr 28 Tagen jeden Monat. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte Brad Muller zwischen dem 3. Juli 2006 und dem 3. Juli 2007 mehr Sex als jemals zuvor, mit absoluter Sicherheit hatte er mehr Mitwisser. Denn Charla Muller schrieb ein Buch über das Sex-im-Akkord-Projekt, es wurde ein Bestseller, selbst Oprah Winfrey lud die Mullers ein. Dort saßen sie dann und gaben – er grauhaarig, sie mit ordentlich geföhntem Haar, beide eher rundlich als drahtig – Auskunft über ihr Sexualleben.

Doch warum die Aufregung? „365 Nächte“ stellt dieselbe Frage, die Menschen schon oft gestellt haben, nämlich ob schnelle Lust und lange Liebe zu vereinbaren sind. Meist fällt die Antwort negativ aus; die Ehe sei sexuellen Bedürfnissen generell unangemessen, konstatierte Sigmund Freud nüchtern, und Alex Comfort, Autor des Bestsellers „Joy of Sex“, sah den Ausweg in komplizierten Leder-, Masken- und Fesselarrangements. Charla Muller war nicht nur optimistischer als Freud, sie war auch pragmatischer als Comfort und griff zum Terminplan statt zur Reizwäsche.

Brad und Charla Muller sind seit 13 Jahren ein Paar, seit elf Jahren sind sie verheiratet. Sie haben zwei Kinder. Er arbeitet als Marketingdirektor, sie als PR-Beraterin. Ihr Leben beschreibt Charla Muller als „Wirbelsturm aus Dramen, Tränen, Terminen, E-Mails, Fahrdiensten“. Sex habe jahrelang unten auf der Prioritätenliste gestanden, „unterhalb von den Müll rausbringen und die Spülmaschine ausräumen“, die Frequenz lag bei zwei Mal im Monat.

Mit Brads 40. Geburtstag änderte sich das. Jeden Sonntagabend legte das Paar den Sex-Fahrplan für die Woche fest: Montagabend hatte sie ihren Literaturkreis, er einen Geschäftstermin, dann am besten morgens um sechs Uhr, bevor die Kinder aufstanden? Und am Dienstag um 20 Uhr nach der Eltern-Lehrer-Initiative? Ein Vermerk im Kalender – Codewort: Geschenk – und die Verabredung stand. „Das klingt vielleicht unromantisch“, sagt Charla Muller in ihrer freundlich-verbindlichen Art, die sehr amerikanisch klingt. „Aber warum sollte ich für Sex keinen Termin machen wie für andere wichtige Dinge auch?“

Vielleicht, möchte man antworten, weil die garantierte sexuelle Verfügbarkeit eines anderen in etwa so anregend wirkt wie die Aussicht, eine Überraschungsparty für sich selbst zu organisieren. Begehren ist unvernünftig, es wählt nicht den Weg des geringsten Widerstands, sondern den des höchsten und setzt meist da ein, wo verbotenes oder zumindest steiniges Terrain beginnt.

Wie eine Untersuchung im vergangenen Jahr ergab, sank die Orgasmushäufigkeit, sobald Paare verheiratet waren – ganz so als raube schon der Trauschein und die damit verbriefte Zugehörigkeit des anderen die Lust. „Liebe braucht Nähe, Erotik braucht Distanz“, sagt die amerikanische Psychotherapeutin Esther Perel, und der deutsche Sexualforscher Gunter Schmidt rät, sich im Dienste der Lust wieder fremd zu werden, etwa mittels einer langen örtlichen Trennung oder eines gehörigen Streits.

Anders klingt das beim Ehepaar Muller: „Hör mal, wir müssen um sieben bei den Fullers sein, und die Kinder kommen gleich von ihren Verabredungen nach Hause. Ich falte schnell die Wäsche zusammen, danach lass uns Liebe machen“, sagt Charla dann etwa zu ihrem Mann.

Ihr Anliegen ist im Kern konservativ, das zeigt schon ihre Wortwahl, selten spricht sie von Lust, schon gar nicht von Geilheit, sie benutzt lieber das Wort „Intimität“, und auf die Geschenkidee kam sie während des Bibelkurses. Dort lasen sie eines Abends den Brief des Paulus an die Galater. Der Geist Gottes bringe im Leben „Freundlichkeit, Güte und Treue, Besonnenheit und Selbstbeherrschung“ hervor, stand da, und für die meisten Menschen wäre es ein weiter Weg von diesen Worten zum Sexbeschluss, nicht so für Charla Muller. „Ich wandte diesen Ausspruch auf meine Ehe an und erkannte, dass ich es an Verbundenheit mit meinem Mann fehlen ließ.“

Details, wie sie diese – Achtung, Synonym für Sex! – Verbundenheit dann doch auf den Weg brachte, gibt sie auch im persönlichen Gespräch kaum preis, nur so viel zur Ausführung: Alles war erlaubt, gesetzt den Fall, beide waren wach, meist war Sex gleichbedeutend mit Penetration, Telefonsex fand nicht statt. Beim Vorliegen schwerwiegender Gründe durften beide absagen, Kopfschmerzen zählten nicht. Und ja, es gab Absagen. Von Brad kam die erste, aber erst einen Monat vor Ende der 365-Tage-Kür.

Und über das erste der vielen Male verrät Charla Muller nur das, was in einem Theaterstück unter Regieanweisungen zu finden wäre: Es war im Haus ihrer Eltern in den Bergen, auf einem Familienurlaub, sie und Brad übernachteten in ihrem alten Zimmer, wo noch das Nachthemd aus Schulzeiten lag, mit einer riesigen rosa Eiswaffel und der Aufschrift: „Morgen fange ich an zu fasten.“ Und damit ist Muller auch schon bei den Themen, die ihr viel mehr liegen als Sex – nämlich bei all dem, was Sex verhindert. Der eigene Körper („Meinen letzten Bikini trug ich mit fünf Jahren“), Fernsehsucht („Ich sah selbst Shows, in denen Menschen mit nichts als einer Büroklammer bewaffnet in den Everglades überleben sollen“), die Kinder.

Vor allem die Kinder.

Charla war gerade erst 90 Tage verheiratet, da verspürte sie bei der Arbeit das übermächtige Bedürfnis, sich zwischendurch zum Nickerchen auf die Toilette zu verziehen. Sie machte einen Schwangerschaftstest. Positiv. Sie bekamen eine Tochter, 23 Monate später kam ihr Sohn auf die Welt.

„Es ist das, was ich wollte“, sagt Charla Muller. „Oder das, von dem ich dachte, dass ich es wollte, als Abstraktum.“ Konkret bedeutete es: „Im ersten Jahr nach der Geburt unserer Tochter konnte man die Male, die wir Sex hatten, an den Fingern und Zehen abzählen, wahrscheinlich sogar nur an den Fingern.“

Wie die Untersuchung „Paare werden Eltern“ des Münchner Familienforschers Wassilios Fthenakis ergab, führt das erste Kind bei 80 Prozent aller Paare zu einer Verschlechterung der Beziehung. Mit der Geburt wird die Zeit der fürsorglichen Liebe eingeleitet, die leidenschaftliche ist vorbei, man lebt nicht mehr in den Tag hinein, sondern entlang der Still- und Schlafenszeiten. Darüber hinaus fühlte sich Charla Muller wie eine Verwandlungskünstlerin, die stets das falsche Kostüm anhatte – bei der Arbeit dachte sie an ihre Kinder, bei ihren Kindern an die Arbeit und beim Sex an Tiefschlaf. Und wenn sie mal kein anderer Gedanke plagte, dann hatte sie ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht mehr Lust auf Sex mit ihrem Mann verspürte.

In Zeiten des professionalisierten Seitensprungs mithilfe von Agenturen erscheinen solche Gewissensbisse fast wie ein Anachronismus, schließlich gibt es genug Menschen, deren Lust nicht zu Hause wohnt.

Genau genommen ist Charla Muller mit ihrem Beharren darauf, dass Sex und Liebe zusammengehören, aber ein Kind der Neuzeit: Bis ins 18. Jahrhundert hinein gab es in Deutschland keinen Begriff für die biologische Familie, das Wort meinte immer das ganze Haus, eine Produktionseinheit, die zusammen lebte und arbeitete und zu der auch Knechte und Mägde gehörten. Mit der Industrialisierung zerfiel diese Hausgemeinschaft, die Arbeit vollzog sich nun in Fabriken, man musste andere Bindemittel als wirtschaftliche Erwägungen finden und erfand die romantische Liebe, mit Leidenschaft als wichtiger Zutat. Damit einher geht ein hoher Anspruch – man will Sex, bitte schön explosiv, und das ein Leben lang mit demselben Partner. „Das ist die Quadratur des Kreises“, sagt der Sexualforscher Gunter Schmidt.

Charla Muller fand für dieses Dilemma eigentlich eine sehr originelle Lösung: den mittelmäßigen Sex. Oft hätten sie und Brad einfach „routinierten Basis-Sex“ gehabt, sagt sie. Eine große Erleichterung gegenüber den Zeiten, in denen sie so selten miteinander schliefen, dass jede Lustbekundung einem Naturereignis gleichkam und eine Erwartungshaltung schürte, die keiner erfüllen konnte. „Dabei ist es bei Sex wie immer im Leben: Man muss sich durchwursteln“, sagt Charla Muller. Das sei eine der Lehren, die sie aus dem Jahr gezogen habe.

Einjahresexperimente in Buchform haben schon seit einiger Zeit Konjunktur im angelsächsischen Raum, bislang ging es aber meist um Weltverbesserungsmaßnahmen: Sara Bongiorni boykottierte ein Jahr lang die Globalisierung, Alisa Smith ernährte sich von Regionalerzeugnissen, Leo Hickman wollte ethisch korrekt leben. Die neuesten Bemühungen konzentrieren sich aufs eigene Schlafzimmer: „Just do it“ heißt ein Buch, das etwa zeitgleich mit Mullers Buch erschien, darin beschreibt Douglas Brown, wie er an 101 aufeinanderfolgenden Tagen Sex mit seiner Frau hatte – in einem Meditationszentrum, in knapp 3000 Metern Höhe, in einem Schaukelstuhl, die Gleitcreme stets dabei. Solche Enthüllungen könnte sich Muller nicht vorstellen, schon die Entscheidung, ein Buch zu schreiben, sei heikel genug gewesen. „Ich wusste, dass du eines Tages ein Kinderbuch schreiben würdest!“, rief die Mutter, als Charla Muller ihr am Telefon erzählte, da deute sich ein Buchprojekt an. Und Charla Muller erklärte, den Hörer unters Kinn geklemmt, das Bügeleisen in der Hand, dass das Thema Kinder zwar vorkomme, ja, es aber nicht wirklich das sei, was man unter einem Kinderbuch verstehe.

Inzwischen ist das Jahr des Geschenks, wie Brad und Charla es keusch und andächtig nennen, vorbei. Der Sex jedoch nicht: Sie haben sich bei sechs, sieben Malen im Monat eingependelt, noch immer trägt Charla Muller mögliche Gelegenheiten in ihren Kalender ein, damit sie und ihr Mann, wie Charla es formuliert, auch „dranbleiben“. Tatsächlich zu Ende ist die Zeit der Superlativgeschenke. Neulich, zu seinem 43. Geburtstag, hat Brad Muller den Golfschläger bekommen.

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