MÄRCHEN„Slumdog Millionär“ : Schicksalsfrage

Nadine Lange
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Foto: Prokino

Sie rennen, immer und immer wieder. Jamal und Salim flitzen durch die Gassen ihres Slums in Dharavi, Mumbai. Später müssen sie vor einem üblen Kinderausbeuter fliehen und den Touristen entwischen, denen sie die Schuhe gestohlen haben. Die beiden sind Waisen – und Überlebenskünstler. Bei einem ihrer Abenteuer lernen sie Latika kennen, in die sich Jamal, der Jüngere, verliebt. Die drei werden auseinandergerissen, treffen sich wieder und verlieren sich erneut. Diesmal durch einen Verrat des Älteren.

Jamal hat schon viel erlebt, als er mit 18 Jahren auf dem Stuhl der indischen Ausgabe von „Wer wird Millionär“ sitzt. Und eben diese Erlebnisse helfen ihm bei der Lösung der Fragen. Dem Showmaster, der sich selbst aus den Slums hochgearbeitet hat, passt das gar nicht. Es darf keinen Star neben ihm geben. So kommt es, dass Jamal vor der alles entscheidenden Sendung bei der Polizei landet und erklären muss, warum er so viel weiß.

Virtuos schaltet Regisseur Danny Boyle („Trainspotting“, „28 Days Later“) zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her, wobei ein bunter Genremix aus Liebesgeschichte, Coming-of-Age-Story und modernem Märchen entsteht. Am Ende gibt es sogar eine Tanzszene im Bahnhof – ein klassischer Bollywoodfilm ist diese fast ausschließlich mit wenig bis gar nicht bekannten Darstellern besetzte Romanadaption jedoch nicht. Dafür geht es oft zu hart und realitätsnah zu. Einige Szenen erinnern etwa an das brasilianische Slum-Drama „City of God“.

Für seine Darstellung der Armenviertel ist Boyle vielfach angegriffen worden: Slumbewohner fanden, er zeige sie zu negativ. Kritiker warfen ihm vor, er habe einen „Armutsporno“ gedreht, der das Elend ausbeute. Beide Positionen erscheinen etwas übertrieben, zumal nur ein kurzer Teil in den Slums spielt. Dabei ist der Blick weder denunzierend noch voyeuristisch.

Die Produktionsgeschichte von „Slumdog Millionär“ ist im Übrigen fast so abenteuerlich wie Jamals Geschichte, denn zunächst sollte der Film gar nicht ins Kino, sondern nur auf DVD erscheinen. Doch Boyle und sein Team fanden einen neuen Verleihpartner. Dass sie mit einem Preisregen – darunter acht Oscars – belohnt wurden, wirkt wie die positive Bestätigung eines der Leitmotive aus dem Film: „Du weißt nie, was das Schicksal für dich bereithält“. Bunter Feelgoodlfilm. Nadine Lange

„Slumdog Millionär“, UK/USA 2008, 120 Min.,

R: Danny Boyle, D: Dev Patel, Anil Kapoor, Irfran Khan, Freida Pinto

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