Zeitung Heute : Märkischer Friede

Die Gegensätze sind groß – doch Matthias Platzeck und Jörg Schönbohm sind einander nahe wie selten. Sie haben einen neuen Gegner

Michael Mara Thorsten Metzner

Der Spitz heißt Olli, er wird grob am Genick gepackt und auf die Bühne gestoßen. Die Tonleiter des ostdeutschen Protestes auf dem Platz der Befreiung in Schwedt an der Oder wird prompt um eine schrille Note reicher. Im Stakkato kläfft der Spitz wütend Matthias Platzeck an, angefeuert von den Trillerpfeifen aus der Menge und einem älteren Mittfünfziger in verschlissener Hose, der sich keine drei Meter vom Regierungschef entfernt seine ganze Wut aus der Seele schreit: „Du Bonze! Du Wessi! Fass Olli, fass!“ Dann fliegen Eier. Eins zerplatzt an Platzecks Sakko. Eine Schrecksekunde, dann schiebt er die ihm von seinen Bodyguards zum Schutz hingehaltenen Regenschirme zur Seite und fährt scheinbar unbeeindruckt fort: „Ich habe keine Angst vor Eiern. Ich werde mich auch künftig nicht verstecken.“ Kleine Pause. „Aber Eierwerfen löst unsere Probleme nicht.“

In diesem Moment hat er gewonnen. Zum ersten Mal setzt sich Beifall durch gegen die Pfiffe, die Wut, gegen die Buhrufe der jungen Neonazis vom „Märkischen Heimatschutz“. Lange hatten die rund 800 Menschen mit seinen bitteren Wahrheiten gerungen: dass die „eigentlich nicht zumutbaren“ Reformen in Deutschland notwendig seien, dass das verhasste Hartz-IV-Gesetz in Kraft treten werde. In Schwedt ist jeder Dritte arbeitslos. Darüber, wie viele auch die Hoffnung verloren haben, wird keine Statistik geführt. „Dass er sich das traut, dass er den Mut hat und nicht kneift, hätte ich nicht gedacht“, sagt Lothar Riffert, ein Mann aus der Menge, der gerade „wieder einmal“ seinen Job verloren habe und eben noch selbst zu den Protestierern gehörte.

Nach der Kundgebung diskutiert Platzeck, in diesen unruhigen Wochen Frustableiter, Sozialtherapeut, Aufklärer und Mutmacher zugleich, noch lange in der Menge. Sein Auftritt wird am nächsten Tag Stadtgespräch sein. Es ist schon dunkel, als er im bekleckerten Jackett mit einigen Genossen noch beim Türken einkehrt und eine Lage spendiert, er blinzelt vergnügt in die Runde: „Dieser Wahlkampf macht mir richtig Spaß“, sagt er.

Sein konservativer Herausforderer und Innenminister Jörg Schönbohm muss nirgendwo fürchten, mit Eiern oder Tomaten beworfen zu werden. Wie auch? Der einstige General und Berliner Innensenator, der die märkische CDU 1999 noch im offenen Sturmangriff in die Potsdamer Regierung führte, macht in diesen Zeiten des ostdeutschen Volkszorns Wahlkampf aus der Deckung heraus, so wie an diesem Spätsommertag im Fläming: kein großer Bahnhof, keine spektakulären Auftritte. Ob in der ehemaligen LPG Brück, in der Kurpark-Siedlung in Belzig oder in der Mineralwasserfabrik Fläming-Quelle – Jörg Schönbohm trifft an diesem Tag nicht viele Wähler, die er gewinnen könnte. „Ich betrachte Wahlkampf auch als persönliche Weiterbildung“, kommentiert er die ungewöhnliche Taktik, nicht auf die Marktplätze, sondern in Betriebe, Vereine, Altenheime, Tennisklubs zu gehen. „Viele Ölflecke ergeben auch einen Teppich.“

Dass er feige sei, wie SPD-Politiker sagen, weist er zurück: Für große Kundgebungen fehle der CDU das Geld. Und es sei auch schwierig, genügend Leute zusammen zu bekommen. So lädt man lieber, sicher ist sicher, in Hotels, Gaststätten und zu Pressekonferenzen. Schönbohms These: Die Präsenz in den Medien sei wichtiger als Hände schütteln.

Das also soll Jörg Schönbohm sein? Es sind ziemlich defensive Töne für diesen Mann, der die Christdemokraten bei früheren Wahlkämpfen darauf einschwor, den „Kampfanzug“ anzuziehen. Der im letzten Herbst nach dem Sieg der Union bei den Kommunalwahlen ankündigte, als nächstes den 17 Jahre jüngeren Platzeck vom Thron stoßen und selbst Ministerpräsident werden zu wollen: „Brandenburg ist nicht gottgegeben ein SPD-regiertes Land“, sagte er damals. Und der auch heute auf Großplakaten überall im Land mit dem Satz wirbt: „Schwere Zeiten erfordern starke Führung.“

Der christdemokratische Spitzenmann macht nicht den Eindruck, als ob er noch an seinen Sieg glaubt. Wie auch, nach den niederschmetternden Umfragen: Seine Union immer abgeschlagen auf Platz drei hinter PDS und SPD. Das Wahlziel 35 Prozent plus X hat Schönbohm bereits öffentlich aufgegeben.

Natürlich versucht der preußische Pflichtmensch, die verunsicherte Partei zu motivieren, so wie jüngst 70 Anhänger im Hinterzimmer „Hans Albers“ eines Potsdamer Hotels: „Wir können es noch schaffen, stärkste Partei zu werden. Seid nicht hasenfüßig!“ Doch in kleinen Runden gesteht er ein: „Es müsste schon ein Wunder passieren.“ Unter dem Schock der ersten Hiobs-Umfrage hat der 67-Jährige sogar ans Aufhören gedacht, aber nur für einen Moment. Der Aufmunterung seines zu Besuch weilenden Sohnes hätte es also gar nicht bedurft: „Vater, das kannst Du nicht machen.“ Aber Schönbohm ist enttäuscht, mehr als er sich anmerken lässt: Er wollte Ministerpräsident werden, das Land „umbauen“. Doch selbst jeder dritte CDU-Anhänger hätte lieber Platzeck als Regierungschef.

Schönbohm hat als Innenminister wie kein anderer Reformen durchgesetzt. Aber es wird nicht honoriert. Dieses Brandenburg ist offenbar selbst für einen Konservativen wie ihn zu resistent gegen Veränderung. Er leidet darunter, dass vom nötigen Mentalitätswechsel wenig zu spüren ist. Es nervt ihn, den redlichen Patrioten, dass Matthias Platzeck die Ossi-Karte gegen ihn gezogen hat, dass auf den SPD-Wahlplakaten steht: „Einer von uns“, eine Anspielung auf ihn, den aus dem Westen in sein Geburtsland zurückgekehrten Schönbohm. „Wenn wir die einen gegen die anderen ausspielen, können wir Brandenburg nicht voranbringen“, sagt er. Da schwingt Bitterkeit mit. Über die Ost-Denke, über Platzeck.

Eberswalde, der erste Septembersonnabend, es ist „Brandenburg-Tag“, das Landesfest. Mehr als 100000 Menschen kommen bei Kaiserwetter auf das ehemalige Landesgartenschaugelände – eine ideale Arena für Wahlkämpfer. Der Ministerpräsident und sein Vize treffen sich kurz auf der Hauptbühne, um dann schnell getrennte Wege zu gehen. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Platzeck ist meist von Menschen umringt, wird ständig angesprochen, schüttelt unzählige Hände, lässt keinen Stand aus. Als er beim Heimatverein Friedrichswalde auftaucht, kreischen ein Dutzend Trachtenfrauen begeistert auf, ziehen ihn in ihre Mitte: „Ein Foto bitte!“ Das würde Jörg Schönbohm nie passieren. Man wahrt zu ihm Distanz. Liegt es an seiner kühlen Aura? Manche bleiben stehen, erkennen ihn, aber nur selten wird er angesprochen, nur selten geht er selbst auf Leute zu. Man merkt, das ist für ihn kein Lustprogramm. Am Stand der Handwerksinnung, im Gespräch mit Unternehmern blüht Schönbohm auf, ist er in seinem Element: „Ja, wir brauchen mehr Freiraum, weniger Bürokratie“, sagt er. Später besucht Platzeck den gleichen Stand. Auch er spricht mit den Chefs, geht dann aber noch zu den Lehrlingen, hier ein Scherz, da ein Lächeln.

So groß die politischen Gegensätze sein mögen, die persönlichen Verletzungen und Verstimmungen, der drohende Wahlsieg der PDS hat beide einander wieder näher gebracht. Platzeck greift seinen früheren Angstgegner nicht direkt an, und auch der gern polarisierende Schönbohm hält sich öffentlich zurück. Beide gehen davon aus, dass sie nach dem Wahltag wohl weiter aufeinander angewiesen sein werden. „Dass die große Koalition fortgesetzt wird, ist sicher, wenn die PDS gewinnt, und relativ sicher, wenn die SPD stärkste Partei wird“, sagt ein Platzeck-Vertrauter. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der sensible Regierungschef die PDS wegen ihres Klassenkampfes gegen Hartz IV nicht mehr für seriös hält.

Ja, auch der poltrige Schönbohm ging ihm früher wegen manch ideologisch gefärbter Attacken auf die Nerven. Aber Platzeck weiß, dass nur dessen Autorität die Union auf Kurs halten und die zu erwartenden Debatten um eine Neuausrichtung der Partei nach einer Wahlniederlage unterbinden kann. „Ich will eine stabile Regierung“, sagt Platzeck.

„Platzeck kommt“, diesmal nach Prenzlau: Selbst hier, im Herzen der Uckermark, wo man seit Jahrhunderten den Ärger lieber in Hochprozentigem ersäuft anstatt ihn auf dem Marktplatz herauszuschreien, liegt Spannung in der Luft. In dem grauen Plattenbau-Gebäude gleich neben der Bühne hat sich die Staatsmacht in einer leer stehenden Wohnung einquartiert. Ein uniformierter Polizist filmt vom Balkon aus vorsorglich das unberechenbare Volk. Es ist Alert von Arnim, Schönbohms Kandidat für diesen Wahlkreis, der bei Platzecks Plädoyer für die Reformen als Erster spontan Beifall klatscht und nach der Kundgebung voller Respekt sagt: Er könne nur den Hut ziehen „vor unserem Ministerpräsidenten“.

Abend für Abend tritt der Regierungschef nun schon seit mehr als drei Wochen auf den Marktplätzen auf. Der einst in der SPD als Hoffnungsträger Gepriesene, dessen Karriere jetzt an einem dünnen Faden hängt, dem man zutrauen muss, dass er bei einer Wahlniederlage nächsten Sonntag noch am Abend seinen Rücktritt erklärt, spürt es als Erster: Kaum merklich bessert sich die Stimmung, schwindet die Aggressivität. „Die Leute reden wieder.“ Eier und Tomaten fliegen nicht mehr. In Teltow zum Beispiel bleiben auch die Pfiffe aus. Dort ist es mucksmäuschenstill, als Platzeck spricht.

Jetzt endlich die lang erhoffte Nachricht: Die SPD liegt erstmals in einer Umfrage wieder vor der PDS. Die Trendwende? Die Strategen in seiner Partei sehen das so, denken schon längst weiter: Wenn Platzeck es tatsächlich schafft, den Sozialdemokraten nach ihrer langen Kette von Wahlniederlagen den ersten Sieg zu bescheren, sagt einer, „dann wäre er der neue Held“. So wie damals beim Oderhochwasser, oder in Potsdam, als er Oberbürgermeister wurde, um die PDS zu stoppen. Diesmal wäre er der Retter nicht nur für Brandenburgs SPD, sondern für die geschundene Mutterpartei, vielleicht auch für den Kanzler. Klar, dass seine politische Rolle, sein Einfluss in der Bundespolitik schlagartig wachsen würden. Er wäre die starke Stimme des Ostens, sagen seine Berater.

Aber noch ist Matthias Platzeck vorsichtig, das hat er von Manfred Stolpe, seinem Vorgänger, gelernt. Der Vorsprung ist hauchdünn. Er weiß nach der harten Prüfung auf den Marktplätzen wie kein anderer, wie labil, wie unberechenbar die Stimmung ist. „Ein falsches Wort von Gerhard Schröder oder Wolfgang Clement kann noch alles kaputtmachen.“

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