Märklin und Schiesser : Abschied von alten Bekannten

Helmut Schümann

Eine der grausamsten Launen der Natur war die Feinripp mit Eingriff, es gab sie in der kurzen Version und in lang. Schiesser Feinripp mit Eingriff in lang, das war, selbst als noch keine Mädchen zugegen waren, im Winter beim Umkleiden für den Sportunterricht eigentlich ein Fall für die Menschenrechtskonvention. Später, als Mädchen zugegen waren, waren sie alle eingemottet, die kurzen wie die langen Feinripps, auch oder gerade, weil sich Schiesser so schön auf Spießer reimt. Ein anderer Grund? Laut Umfragen sollen Frauen beim Anblick der Feinripp schreiend davonlaufen, vielleicht weil sie dem Schiesser-Träger, diesem auf die Wärme und Sicherheit der Rippenstruktur setzenden Manne, kein Abenteuer zutrauen. Feinripper, womöglich noch mit Achselhemd aus gleichem Material sammeln auch Briefmarken, rülpsen bei der „Sportschau“ laut vor dem Fernseher, spielen mit der Modelleisenbahn und parken im Schatten. So die Legende, und womöglich musste der grundsolide Unterwäschehersteller vom Bodensee mit der langen Tradition seit 1875 auch deswegen nun Insolvenz beantragen.

Muss man da nicht wehmütig werden, trotz grausamer Kindheitserinnerungen und möglichem Imageverlust? Weil wieder etwas geht, was auf irgendeine Art zum Leben dazugehörte, zumindest zu einem Leben in Deutschland.

Vor ein paar Tagen war es Märklin, auch so ein Wegbegleiter, selbst wenn man kein aktiver Modelleisenbahnfahrer war. Aber in den Bahnhöfen, da, wo die großen Modelle in Glaskästen stehen, hat man schon auch ein paar Groschen investiert, damit die Märklin durch die Miniaturlandschaft rattert. Alte Bekannte, die sich verabschieden sind dies. So alte Bekannte wie Brandt, der Zwieback, der immer dann auf den Tisch kam zusammen mit Pfefferminztee, wenn der Magen verdorben war. Wie Dr. Oetker und sein Backpulver, wie das erste eigene Tonbandgerät von Grundig, wie Tempo und Tesa. Tempo bleibt bei der Grippewelle und dem Wetter krisenfest (so hat auch das sein Gutes), und Tesa brauchen wir auch weiterhin, weil wir doch alle in diesen schweren Zeiten zusammenhalten müssen. So vertraut sind sie uns alle, dass etwa Tempo und Tesa nicht nur Produkte made in Germany sind, sondern Gattungsnamen wurden.Und wenn solche gehen, wird man ein wenig wehmütig. Man muss nur mal aus dem Fenster schauen: In diesen kalten Tagen wäre eine Schiesser Feinripp, lang, durchaus angenehm. Helmut Schümann

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