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fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Vitamine – wie viel ist wirklich gesund?

Hartmut Wewetzer

Viele Leute glauben, dass man gar nicht genug Vitamine einnehmen kann. Sie schlucken sie gleich grammweise und hoffen auf ein Wunder. Aber viel hilft selten viel – auch bei Vitaminen gilt es deshalb, das rechte Maß zu finden. In Wirklichkeit benötigt der Körper Vitamine und Mineralstoffe nicht en masse, sondern in kleinen, stetigen Mengen für sein normales Wachstum, die Körperfunktionen und die Gesundheit. Sie werden deshalb auch als „Mikronährstoffe“ bezeichnet, während Eiweiße, Kohlenhydrate und Fette „Makronährstoffe“ sind.

Umgekehrt heißt das, dass man auch bei Vitaminen des Guten zu viel tun kann. Während überschüssige wasserlösliche Vitamine (B, C) nämlich meist ohne große Probleme vom Körper wieder ausgeschieden werden, lagern sich fettlösliche (D, E, K, A) im Gewebe ab und können in hohen Dosen zu Gesundheitsschäden führen.

Wer sich vielseitig ernährt und häufig Obst, Gemüse und Vollkornprodukte auf dem Speiseplan hat, nimmt auch genügend Vitamine zu sich. Vor allem aber enthalten Obst und Gemüse einen einzigartigen Mix aus Vitaminen, Mineralien, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Diese gesunde Kombination kann keine Pille nachahmen.

Trotzdem gibt es Situationen, in denen die Einnahme eines Vitaminpräparats sinnvoll sein kann. Ältere Menschen zum Beispiel können unter einem Vitamin-D-Mangel leiden, Schwangere sollten vor allem in den ersten Monaten Folsäure einnehmen. Wer unsicher ist, ob er eine Vitamin-Tablette einnehmen sollte, holt sich am besten Rat bei seinem Arzt.

Apropos Folsäure. Dieses Vitamin aus der B-Gruppe hat in letzter Zeit eine ziemlich gute Presse. Es verringert nicht nur das Risiko eines offenen Rückens beim Ungeborenen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass es das Risiko für Herzkrankheiten senkt. Deshalb denken einige Ernährungsfachleute darüber nach, Folsäure dem Mehl zuzusetzen. Andere sind noch skeptisch. Schon heute gibt es Speisesalz, das zusätzlich Folsäure enthält – zusammen mit Jod für die Schilddrüse und Fluorid für die Zähne.

Aber was ist eigentlich mit Menschen, die nicht regelmäßig Obst und Gemüse essen? Ernährungsexperten der amerikanischen Harvard-Universität raten zur täglichen Einnahme eines Standard-Multivitamin-Präparats. Damit kann man zwar eine ungesunde Ernährung nicht ausgleichen, aber zumindest eine Art Sicherheitsnetz spannen, mit dem die ärgsten Defizite vermieden werden. Folsäure und die Vitamine B6, B12, D und E sollten enthalten sein.

Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Rehbrücke hält dagegen nicht viel von solchen Empfehlungen. „Es gibt keine stichhaltigen Hinweise darauf, dass man mit einem Multivitamin-Präparat sein Erkrankungsrisiko senken kann“, sagt Boeing. „Aber man könnte sich in falscher Sicherheit wiegen.“ Wer wirklich etwas für seine Gesundheit tun will, kommt also um Obst & Gemüse doch nicht herum.

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