Mäuse und Ratten : Von Mäusen und Menschen

Eigentlich käme ich nie auf die Idee, mich gegen „wilde Kleintiere im Haushalt“ zu versichern. Unlängst aber entdeckte ich im Kleingedruckten meiner Haftpflichtversicherung, dass diese keine wilden Kleintiere im Haushalt umfasst, wie zum Beispiel Spinnen.

Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-MatweyFoto: Mike Wolfff

Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber folgendes Szenario wäre ja denkbar: Eine fette eklige haarige Spinne krabbelt unserer Putzfrau just in dem Moment über den Arm, in dem sie nach dem einzigen wertvollen Gegenstand in unserer Wohnung greift, das Teil fällt herunter, geht kaputt, der Wert ist hin, vom ideellen Schmerz ganz zu schweigen – und niemand zahlt, weil ein leichtfertig unversichertes wildes Kleintier die Ursache ist. Wahrscheinlich gibt es Spezialhaftpflichtzusatzversicherungen für Spinnen und ähnliches Gezücht, und alle haben so etwas.

Für Mäuse und Ratten gibt es solche Zusätze mal ganz sicher, nur meine Freundin B. und ich wissen nichts davon. B. wurde vor einiger Zeit von einer Mäuseplage heimgesucht. Comics seien nichts dagegen, berichtete sie, dünn wie Papier könnten sich die putzigen Nager machen, bedenkenlos verschwänden sie unter geschlossenen Türen und in Dielenritzen. Nachdem alle netteren Modelle erfolglos durchgespielt waren, von der friedlichen Koexistenz bis zur lukrativen Lebendbelieferung nordkoreanischer Großküchen, riet der Kammerjäger zu Antikoagulantien. Wenn er sich jemals umbringen sollte, seufzte er, würde er es mit Antikoagulantien tun. Mehr als eine warme wohlige Müdigkeit überkäme die Tierchen beim inneren Verbluten nämlich nicht.

Kammerjäger müssen ein empathisches Verhältnis zu ihrer Beute haben, sonst könnten sie ihren Beruf wahrscheinlich gar nicht ausüben.

Die etwas weitläufiger bekannte Familie R. hingegen hatte gerade eine Ratte. Eine tote Ratte, schlimmer noch: eine frisch verendete, ergo verwesende und entsprechend bestialisch stinkende Ratte. Die Familie R. hat zwei kleine Kinder und wohnt in einem großen alten Haus, d. h. sie ist restlos gegen alles versichert, was es gibt. Vom gemeinen Holzbock und dem noch gemeineren Trotzkopf oben im Dachstuhl über den echten Haus- und/oder braunen Warzenschwamm unten im Keller bis hin zu allen möglichen oder unmöglichen Infektionskrankheiten. Bei der Suche nach der Ratte half ihnen das gar nichts. Zuerst wurden Mutter und Kinder evakuiert, nach Westdeutschland. Am nächsten Tag kam der Kammerjäger, stellte eine Geruchsdiagnose und gab zu bedenken, dass eine Ratte erstens selten allein kommt und zweitens gern durch die Kanalisation (Vorsicht beim Toilettengang!). Dann rückten die Handwerker an. Trockenbauer sägten Löcher in Wände, Maurer entfernten Ziegelsteine, Parkettleger brachen Böden auf. Nichts. Kein Kadaver, nirgends. Es stank weiter.

Kurz bevor die Villa vollends abgetragen wurde und Herr R. zum familieneigenen Antikoagulantien-Depot griff, fand sich das Nagetier in der Kellerdecke. Friedlich habe es da gelegen, ein rostiger Nagel steckte ihm in der Pfote. Wie gekreuzigt, meinte der Kammerjäger mitfühlend.

Ich fasse zusammen: Ratten kreuzigen sich neuerdings selbst, Mäuse sind traditionell die idealen Selbstmörder, Spinnen hatten schon immer einen miserablen Ruf, unser liebes fuchsrotes Eichhörnchen wird gerade vom eingeschleppten amerikanischen Grauhörnchen verdrängt (hält keinen Winterschlaf, ist trotzdem doppelt so groß), sogar der Taubenbestand in Berlin ist nicht mehr das, was er noch vor fünf Jahren war – in der Kleintierwelt geht es also auch nicht gerade lustig zu. Da könnte die eine oder andere Kleintierzusatzspeziallebensversicherung sicher nicht schaden. Ich rufe gleich mal an.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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