Zeitung Heute : „Mafiabosse luden mich nach Hause ein“

Wunderland Indien: Aussteiger finden Erleuchtung, Computerfirmen Spezialisten. Der Autor Vikram Chandra sagt, wer hier überleben will, braucht vor allem Humor.

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Vikram Chandra, 45, ist mit Bollywood aufgewachsen. Seine Mutter ist Drehbuchautorin, seine Schwester Regisseurin. Bevor er als Schriftsteller gefeiert wurde, arbeitete er in den USA als ComputerSpezialist. Sein Roman „Der Gott von Bombay“ (Aufbau) gilt als spannendster indischer Titel des Herbstes.

Interview: Verena Mayer und Jens Mühling Foto: Birgit Kleber Herr Chandra, Sie verbringen Ihr Leben zwischen Indien und Kalifornien, wo Sie kreatives Schreiben unterrichten. Wo ist es anstrengender?

Schwer zu sagen. Mein erster Gedanke, wenn ich in Kalifornien den Flughafen verlasse, ist: Wo sind bloß die ganzen Menschen hin, warum ist es so leer hier? Wenn ich dann in Indien bin, fällt mir sofort wieder auf, was für ein hartes Pflaster Bombay ist: Mit jemandem Mittag essen zu gehen, das ist eine Expedition. Man kann auch nicht einfach mal spazieren gehen, man hat nirgendwo Platz, es gibt keine Parks, die Luft ist dreckig, überall sind Autos.

Gewöhnt man sich an den Kulturschock?

Geht so. Mit 19, als ich zum ersten Mal Indien verließ, war es ein Schock für mich, dass Dinge, von denen ich glaubte, sie seien universal, in Wirklichkeit sehr ortsgebunden sind. Das betrifft oft Kleinigkeiten wie Verpflichtungen zwischen Bekannten. Ich habe zum Beispiel eine sehr, sehr gute Freundin in Kalifornien, die ich irgendwann mal fragte, ob sie mich zum Flughafen bringen könne. Sie sagte Nein. In Indien könnte man in so einer Situation niemals Nein sagen, höchstens, wenn gerade jemand im Sterben liegt.

In Amerika haben Sie ein absolutes Indien-Klischee erfüllt: Sie haben als Computerspezialist gearbeitet.

Ja, als ich in Houston ein Stipendium hatte, um mein erstes Buch zu schreiben, haben mich Freunde auf einen Buchladen aufmerksam gemacht, der auch Computer verkaufte. Sie sagten, ich könne dort gutes Geld verdienen, wenn ich ihnen die Computer einrichte, also habe ich das gemacht und hatte später auch andere Kunden – darunter den örtlichen Zoo.

Hier in Deutschland gab es mal einen groß angelegten Versuch, indische Computerspezialisten ins Land zu holen. Leider ist kaum jemand gekommen …

Ich bin nicht mit den Details vertraut. Aber was ich so höre, ist, dass die IT-Industrie in Indien in erster Linie aus Amateur-Hackern besteht, die man in Deutschland nicht braucht, während die wirklich kreativen Leute hervorragend in Indien verdienen oder in Silicon Valley arbeiten.

In Ihrem Roman „Der Gott von Bombay“ heißt es: „In dieser Stadt gab es Raum für die Reichen, wenig Raum für die Mittelschicht und gar keinen für die Armen.“

In den vergangenen 15 Jahren hat sich Indien sehr entwickelt. Die Frage ist, ob das auf eine faire Art geschieht. In den letzten Wahlkampf zog die BJP-Partei mit dem Slogan „Shining India“, weil angeblich alles großartig ist und eine glorreiche Zukunft vor uns liegt. Sie wurde abgewählt. Viele haben nicht teil am Wirtschaftsboom der Städte und der IT-Industrie. Dazu kommen Korruption und Egoismus – all das führt zu viel Zorn.

Und nicht zuletzt zu Terroranschlägen: Im Juli explodierten in Bombay wieder Bomben.

Der Zorn wird mitunter zur Brücke für neue faschistische Bewegungen. Die Sehnsucht nach radikalen Lösungen ist sehr präsent: Brennt alles nieder, dann wird es besser. Dieser Wunsch nach Zerstörung steckt hinter vielen Ideologien, religiösen wie weltlichen. Was einem allerdings Hoffnung macht, ist, dass die Demokratie in Indien noch funktioniert und dass es eine freie Presse gibt.

Wie müssen wir uns einen jungen indischen Stadtbewohner vorstellen? Welche Hoffnungen, welche Ziele hat so jemand?

Es ist auf jeden Fall jemand mit sehr, sehr viel Ehrgeiz. Er sieht Möglichkeiten, die seine Eltern noch nicht hatten, Karriere, Geld, Reisen. Gleichzeitig ist diese Generation ganz schön zynisch. Gerade in den Städten erfordert das Leben eine große Portion Durchhaltevermögen – und nicht zuletzt Humor.

Worüber macht man denn in Indien so Witze?

Na, über unser nationales Talent für Korruption. Ein beliebtes Sujet ist der Bundesstaat Bihar, der als sehr zurückgeblieben gilt. Also: Kommt eine japanische Delegation zum Ministerpräsidenten von Bihar und sagt: „Gebt uns drei Jahre, und wir machen aus Bihar das neue Japan.“ Antwortet der Ministerpräsident von Bihar: „Gebt mir drei Tage, und ich mache aus Japan das neue Bihar.“

Der Westen ist trotz allem sehr fasziniert von Indien. Woher kommt das?

Es gibt dieses Bild von Indien als einem aufregenden, aber auch bedrohlichen Land. Oft wird das in eine Weiblichkeitsmetapher verpackt, besonders in der britischen Literatur: Da findet man Anfang des 20. Jahrhunderts oft die Figur des englischen Offiziers, der eine wunderschöne indische Frau kennenlernt, die sich dann als böse Verführerin entpuppt. Viele Reisende lassen sich von den neuen Farben, Düften und Geräuschen überwältigen. Andere finden genau das abschreckend.

Was halten Sie von bekifften Rucksack-Touristen aus Bayern, die in Indien nach Erleuchtung suchen?

Na ja, das ist genau so albern oder amüsant wie die Vorstellungen, die wir Inder uns mitunter vom Westen machen. Ich halte wenig vom Kult der Authentizität. Nehmen wir zum Beispiel Los Angeles, die Welthauptstadt des Yoga – viele sagen ja, dort werde kein indisches Yoga betrieben. Aber wenn man sich ansieht, was man heute in Indien unter Yoga versteht, ist das auch nur eine wiederbelebte Version des 19. Jahrhunderts. Ich glaube, dass Kultur durch Anpassung überlebt und durch all die komischen neuen Dinge, die man mit ihr anstellt.

Im Westen gibt es auch ein sehr deterministisches Indien-Bild: das Indien der Kasten.

Die Kastenzugehörigkeit ist heute etwas sehr Paradoxes, sie ist einerseits unwichtiger und andererseits wichtiger geworden. Wenn man einen Abschluss hat, reich und mächtig ist und in der Stadt lebt, spielt die Herkunft keine große Rolle. Gleichzeitig haben in den letzten zehn Jahren kleinere Lokalparteien, die ihre Politik auf Kastenzugehörigkeit ausrichten, an Macht gewonnen. Und wenn man sich indische Partnervermittlungsseiten im Internet ansieht, gibt es da bei den Wunschvorstellungen so ein Drop-Down-Menü, in dem 300 Kasten verzeichnet sind. Trotzdem ist es meist so, dass Eltern, die früher ausgerastet wären, wenn ihnen ein Bräutigam nicht passte, sich heute den Wünschen ihrer Kinder fügen.

Sie selbst gehören zur privilegierten Kaste der Brahmanen, richtig?

Ja. Aber in meiner Familie verwenden wir unseren Nachnamen nicht mehr, mein Vater hat ihn aufgegeben, um nicht mit seiner Kaste identifiziert zu werden. Chandra ist eigentlich eine Art Mittelname. Ältere Menschen fragen manchmal: Was ist denn Ihr richtiger Nachname?

Und was ist Ihr richtiger Nachname?

Parasery. Aber der stand nie in irgendeinem Dokument. Mein Name ist Chandra.

Welche Sprache hat Ihre Familie gesprochen?

Englisch und Hindi. Als Kind konnte ich auch fließend Gujarathi, das habe ich verlernt. Ich verstehe ein bisschen Punjabi und Bruchstücke anderer Sprachen. Wenn ich in Bombay aus dem Haus gehe, höre ich fünf Sprachen, bevor ich das Ende der Straße erreicht habe.

Ihre Bücher schreiben Sie auf Englisch – wofür Sie mitunter Kritik einstecken müssen.

Wenn man auf Englisch über Indien schreibt, wird man immer kritisiert. Das ist eine deprimierende, postkoloniale Furcht vor dem Westen, und ich hoffe, dass wir sie irgendwann überwinden. Seit der Unabhängigkeit Indiens, seit der legendären Staatsgründung um Mitternacht, 1947, stellen wir uns permanent die Frage, wer wir eigentlich sind, was unsere Kultur ist. Für die Generation meines Vaters war die Frage nach der Sprache noch viel politisierter als für meine Generation. Für uns ist Englisch einfach die gemeinsame Sprache, in der Menschen aus verschiedenen Landesteilen miteinander reden. Gleichzeitig ist Englisch in Indien die Sprache des sozialen Aufstiegs, selbst der Ärmste weiß: Wenn dein Kind eine Chance haben soll, dann muss es Englisch lernen. Inder, die auf Englisch schreiben, finden ein größeres Publikum: Leser aus der Mittelschicht kaufen meist englische Bücher.

Ihr jüngster Roman, ein Mafia-Epos, hat in der deutschen Ausgabe 1346 Seiten. Die indischen Bollywood-Filme sind gerne mal drei bis vier Stunden lang. Sind Inder ausdauernder als wir?

Wahrscheinlich hat das mit den indischen Epen zu tun: Das „Mahabaratha“ ist 17 Mal so lang wie das Alte und das Neue Testament zusammen. Auch folgt die traditionelle indische Literatur nicht dem westlichen Prinzip der Katharsis, die ja immer ein Ende beinhaltet. Die indische Ästhetik beruht darauf, eine Emotion bis zu einem bestimmten Punkt zu steigern und sich dann der nächsten zuzuwenden. Wie beim indischen Essen, wo sich alle möglichen Geschmäcke auf einem Teller befinden, oder wie beim Bollywood-Film, wo tragische Szenen unmittelbar von komischen abgelöst werden. Das ergibt aus europäischer Sicht keinen Sinn, weil es die Stimmung bricht, aber genau das ist eben der Sinn.

Bevor Sie Schriftsteller wurden, haben Sie eine Filmschule besucht und Drehbücher verfasst.

Ich wollte etwas Bodenständiges machen. Ich habe immer schon geschrieben, aber nach der Schule dachte ich mir, beim Film kann man in Indien immer Geld verdienen, mit Literatur nicht.

Das hat sich geändert: Für den „Gott von Bombay“ haben Sie eine Million Dollar Vorschuss kassiert.

Ja, aber das konnte ich nicht ahnen. Außerdem ist fast meine ganze Familie mit Bollywood verbunden, eine meiner Schwestern ist Filmkritikerin, die andere Regisseurin, meine Mutter ist eine bekannte Drehbuchautorin, mein Schwager Regisseur. Beeindruckt haben mich damals vor allem die Schecks, die meine Mutter bekommen hat: ein kleines Stück fürs Fernsehen und sie hatte 20 Rupien in der Hand, das war damals verrückt.

Mitunter liest sich Ihr Roman wie das Drehbuch eines Bollywood-Films. Es geht um den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen einem Polizisten und einem Mafia-Boss. Es gibt Hunderte von Charakteren und immer, wenn man glaubt, jetzt könne nichts mehr kommen, tauchen noch ein Agent, eine Bombe oder eine verlorene Tochter auf.

Ich schätze die Dramaturgie des indischen Films sehr. Wie dort Emotionen arrangiert und Charaktere ausgebildet werden, ist von einem erzählerischen Standpunkt her „wahrer“, weil es näher an der Realität ist, in der ich lebe. Wenn man in einer Welt lebt, in der man sich als Teil eines größeren Ganzen sieht, als Teil eines epischen Universums – wie kann ein realistischer Roman das abbilden?

Der berühmte indische Filmproduzent Yash Chopra hat gesagt: Im Westen gibt es Filme und Musicals, in Indien ist jeder Film auch ein Musical.

Oh ja! Geht man eine Straße in Bombay entlang, hört man einen Filmsong. Filmmusik hat in Indien dieselbe Rolle wie Rockmusik im Westen, und der Film ist für uns so etwas wie das Medium der kollektiven Wahrnehmung. Die Mafia-Leute zum Beispiel sehen sich sehr genau an, wie sie im Film dargestellt werden. Es gab mal einen Bollywood-Film, in dem der Polizeichef von Gangstern ermordet wurde. Da protestierten dann die echten Mafia-Leute: Moment mal – das haben wir doch noch gar nicht gemacht.

Sie kennen sich gut in der Mafia-Szene aus?

Die Recherche war gar nicht so schwierig. Die Mafia-Bosse in Indien benehmen sich wie die Vorstände multinationaler Konzerne. Sie sind sehr medienbewusst, man kann sie sogar in ihren Häusern aufsuchen. Da sitzen dann lauter Leute, die alle etwas vom Boss wollen, Mütter zum Beispiel, die Jobs für ihre Söhne suchen. Man gibt einfach seine Karte ab und wird irgendwann vorgelassen. Schwieriger war es bei den unteren Chargen, die große Angst vor der Polizei haben. Da musste ich in der Regel an irgendeiner Straßenecke warten, bis ein Junge kam, der mich zur nächsten Ecke führte, wo mich dann jemand anders in Empfang nahm, und so weiter.

Francis Ford Coppolas Film „Der Pate“ war so einflussreich, dass die italienischen Gangster in Amerika anfingen, den Hauptdarsteller Al Pacino zu kopieren. Könnte Ihr Buch ähnliche Effekte haben?

Mein Pate Ganesh Gaitonde ist ja keine besonders attraktive Figur. Aber es stimmt, dass die indischen Gangster oft ein Narrativ für ihr Leben suchen, sie haben ein großes Bedürfnis, ihre Motive zu erklären. Einer der Bombayer Mafia-Bosse trat vor ein paar Jahren als Kandidat bei den Regionalwahlen an, und er stellte sich dabei als eine Art Sozialrevolutionär dar, der nie eine Wahl gehabt hatte, weil er und seine Leute von der Gesellschaft so unfair behandelt worden waren.

Und was passiert, wenn sich die Bombayer Unterwelt in Ihrem Buch unfair behandelt fühlt?

Da klopfe ich auf Holz. Aber es ist ja nicht nur ein Buch über Bombay. Mir wurde beim Schreiben schnell klar, dass Dinge, die zunächst lokal aussehen, oft nur Teil eines größeren Bildes sind. Ich habe einmal mit einem Polizisten über den Mord an einem Scharfschützen gesprochen, und er sagte zu mir: Ich kann dir die Hintergründe erzählen, aber wenn du wirklich wissen willst, was passiert ist, dann musst du nach Delhi, da sitzen die wichtigen Leute. Wenn man über Politik in Indien spricht, muss man immer auch über religiöse Kräfte sprechen und über die Bewegung von Geld und Waffen. Daher auch die Struktur des Buchs: Die Individuen kennen oft die Kräfte nicht, die ihr Leben bewegen. Es ist wie bei einem Mandala: Es gibt unzählige Nebenstränge, die alle miteinander zusammenhängen, auch wenn wir nicht wissen, wie.

Der Held Ihres Buchs wundert sich an einer Stelle über einen Zeitungsartikel, in dem es heißt, dass die indische Kricketmannschaft „endlich einen gewissen Killerinstinkt“ entwickelt habe. Braucht man in Indien einen Killerinstinkt?

Das ist zumindest das Gefühl, das die Leute seit den 90er-Jahren haben, dass eine bestimmte Art von Rücksichtslosigkeit nützlich ist. Ich selbst hoffe ja, dass mein Roman hoffnungsvoll ist. Ganz am Ende des Buchs kehrt der Held nach Bombay zurück und nimmt seine Arbeit wieder auf, und er merkt, dass er den Gestank der Autos und die Massen vermisst hat und denkt sich: Ich muss verrückt sein. Dieses Durchhaltevermögen bewundere ich an den Menschen in Bombay. Sie führen ein unglaublich hartes Leben, ohne sich viel darauf einzubilden, dass sie das durchhalten. Es gibt so eine Art alltägliches Heldentum, das den Menschen meist gar nicht bewusst ist.

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