Magnus Gäfgen : Zurück zur Schuld

Es ist seine letzte Möglichkeit, freizukommen: Magnus Gäfgen, Kindermörder, zieht vor Gericht. Sein Prozess sei unfair gewesen. Manche sagen, er hat recht. Über eine schwierige Abwägung zwischen Tat und Gesetz

Bernhard von Becker[Schwalmstadt]
Gäfgen
Magnus Gäfgen. -Foto: dpa

Schwalmstadt ist ein kleiner Ort im Nordhessischen, irgendwo zwischen Bad Hersfeld und Marburg an der Lahn. Adrett restaurierte Fachwerkhäuser stehen hier und vermitteln den Eindruck einer dörflichen Idylle. Doch in der Nachbarschaft liegt ein deutsches Gefängnis mit besonders hoher Sicherheitsstufe. In der Justizvollzugsanstalt im Stadtteil Ziegenhain, untergebracht in der ehemaligen landgräflichen Burg, leben etwa dreihundert Häftlinge, die allesamt Langstrafen zu verbüßen haben. Der prominenteste unter ihnen: Magnus Gäfgen. Am 27. September 2002 hatte er den elfjährigen Jakob von Metzler, Sohn einer bekannten Frankfurter Bankiersfamilie, auf dem Weg nach Hause unter einem Vorwand zu sich in die Wohnung gelockt, ihn erstickt und anschließend die Leiche versteckt. Den Eltern täuschte er eine Entführung vor; er wollte Lösegeld erpressen.

Am Haupteingang des Gefängnisses bilden zwei stählerne Schiebetüren eine Kammer. Die Besucher stecken hier einige bange Augenblicke fest, beobachtet vom Wachpersonal durch die verspiegelten Fenster. Die Besucher, das sind Gäfgens Anwalt Michael Heuchemer und der Gast.

Es soll bei dem Treffen um ein Gerichtsverfahren gehen – nur dass diesmal der Häftling vor Gericht zieht.

Denn Magnus Gäfgen hat in Straßburg das letzte Rechtsmittel in seinem Mordverfahren eingelegt: die Anrufung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR). Das Argument: Magnus Gäfgen hält den Prozess, der 2003 mit dem Urteil „lebenslang“ endete, für unfair. Er habe auf Erkenntnissen beruht, die ihm durch unzulässige Vernehmungsmethoden abgepresst worden sind. Durch Folter. Ein beklemmendes Stück deutscher Kriminalgeschichte wird mit der Entscheidung seinen Abschluss finden. Im Juni hatte bereits die Kleine Kammer des EGMR entschieden, dass Gäfgen sich weder auf eine Verletzung des Folterverbots noch auf eine Verletzung des Rechts auf ein faires Verfahren berufen könne. Gäfgen und sein Anwalt haben Berufung eingelegt. Nun wird die Große Kammer entscheiden, vielleicht sogar noch im Dezember.

Der Besuchsabteilungsleiter führt zum Besucherzimmer. Naiv gemalte Landschaften hängen an der Wand und eine Uhr, die stehen geblieben ist. Der Tisch durchtrennt den Raum fast zur Gänze. Plastikstühle stehen drumherum.

Magnus Gäfgen ist bereits da, ein groß gewachsener Mann, heute 33 Jahre alt. Er setzt sich auf die gegenüberliegende Seite des Tisches; die Haare sind kürzer als auf dem einzigen Foto, das es aus der Haft gibt; er hat in einem hartnäckigen Kampf gegen die Gefängnisbürokratie eine Haarschneidemaschine für sich erkämpft, wird er später erzählen. In den vergangenen fünf Jahren hat er die Haftanstalt nur einmal verlassen, vor drei Jahren zur Beerdigung seines Vaters, in Hamburger Fesseln: die rechte Hand in der Hosentasche unsichtbar ans Bein gebunden. Es war möglicherweise das letzte Mal, dass Ausgang genehmigt worden ist. Der hessische Strafvollzug ist seit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Roland Koch einer der strengsten in Deutschland.

Gäfgen reicht seinem Anwalt einen Stapel Briefe über den Tisch. Auf vielen ist sogar der Umschlag mit Text beschrieben. Postalische Hassbekundungen. Heuchemer steckt die Briefe ein, gegen einige Absender wird er juristisch vorgehen.

Das Gespräch beginnt, zögernd, Gäfgen spricht nicht viel. Sein Haftalltag? Die Anstaltsordnung erlaubt den Gefangenen 20 Bücher und 20 Tonträger. Nach der Anstaltsordnung müssen sie arbeiten. Die meisten sind in einem der teilweise auf dem Anstaltsgelände untergebrachten Betriebe beschäftigt. Für Gäfgen wäre das zu gefährlich. Kindermörder rangieren in der Häftlingshierarchie ganz unten. Sein Verteidiger hat deshalb erreicht, dass Gäfgen für sein Büro arbeiten darf, er macht Recherchen, erledigt Schreibarbeiten. Die Hälfte des kleinen Gehalts wird gleich weitergeleitet an den Insolvenzverwalter. Gäfgen hat Privatinsolvenz angemeldet, die Kosten des Mordprozesses, 72 000 Euro, muss er selber tragen.

Gäfgen hat in der Haft ein Buch geschrieben, „Allein mit Gott. Der Weg zurück“, heißt es, und darin steht, dass ihm das Bild des Jungen, den er getötet hat, stets vor Augen stehe. Dass er sein Leben dafür geben würde, wenn Jakob das seine dafür zurückbekäme. Das klingt pathetisch. Das Pathos ist ihm bei der Begegnung nicht anzumerken, Magnus Gäfgen wirkt ruhig, keine Spur mehr von der „Leere, der Verzweiflung, der Mischung aus Selbsthass und Selbstverachtung“, von der er 2003, gleich nach dem Prozess, in einem Interview mit dem Tagesspiegel spricht. Es ist eine zwiespältige Begegnung. Auf der anderen Seite des Tisches sitzt ein junger Mann, der sympathisch wäre, wäre da nicht immer im Hinterkopf, was er getan hat. Er schaut dem Gast gerade in die Augen, er zeigt einen trockenen Humor, verpackt in freundliches Hessisch. Aber wenn er über den Prozess spricht, dann spricht er über die Tat, als hätte jemand anders sie begangen, fließend und ruhig, keine Gesprächspausen, kein heftiges Atmen, keine fahrigen Bewegungen. Emotional unbeteiligt?

Im Mordurteil steht, dass Gäfgen aus Habgier gehandelt hat – aus einem über die einfache Gewinnsucht hinausgehenden abstoßenden Gewinnstreben. Er hatte das luxuriöse Leben in seinem Freundeskreis weiter führen wollen, gleichzeitig wollte er die Lügen um seine finanziellen Verhältnisse aufrechterhalten. Er wollte behalten, was das Gericht seine „Maske“ genannt hat: Er hatte seine bescheidene Herkunft verbergen wollen.

Wie vereinbart er es mit sich, dass er einerseits, wie er versichert, für seine Schuld bestraft werden will und andererseits mit der Anrufung des Straßburger Gerichts genau diese Bestrafung angreift? Seine Schuld ist ja durch die unzulässige Vernehmung nicht geringer geworden.

Ja, sagt er, „ich will die Strafe, und ich akzeptiere sie. Wogegen ich vorgehe, ist die Art der Vernehmung. So etwas muss unabhängig vom Einzelfall verboten sein.“ Er sagt es öfter, mantrahaft, in diesem Gespräch. „Folter unmöglich machen…“ Vermutlich muss man es so sehen, dass es Magnus Gäfgens Gefängnisexistenz einen Sinn verleiht.

Der Polizeivizepräsident von Frankfurt, Wolfgang Daschner, hatte damals in den frühen Morgenstunden des Tages nach der Festnahme befohlen, Gewalt anzuwenden, um Gäfgen dazu zu bringen, den Aufenthaltsort des Jungen preiszugeben. Vielleicht war der ja noch am Leben, vielleicht in akuter Gefahr. Zunächst sollte Gäfgen nur damit gedroht werden, ihm unter Aufsicht eines Arztes und eines Folterspezialisten Schmerzen zuzufügen, wie er sie noch nie erlebt habe. Für den Fall, dass das nichts half, sollte wirklich gefoltert werden. Das steht schwarz auf weiß in einem Behördenvermerk, den Dasch ner noch am selben Tag angefertigt hat. Es waren schon Vorbereitungen getroffen worden. Der Arzt war ins Präsidium beordert worden, der „besondere Beamte“ wie er im Gerichtsurteil bezeichnet wurde – Anwalt Heuchemer nennt ihn „Folterbeamten“ – sollte mit dem Hubschrauber aus dem Urlaub geholt werden.

Tatsächlich wurde Magnus Gäfgen im Polizeigewahrsam verletzt, an der Brust, am Kopf; wie, bleibt unklar. Gäfgen bekam Angst. Er führte die Beamten zu einem Steg am Birsteiner Weiher etwas außerhalb von Frankfurt; darunter lag Jakob, tot. Für die Ermittler stand bald fest, dass Gäfgen die Tat alleine ausgeführt hatte. Und Gäfgen gestand.

Die beiden Polizeibeamten, die die Drohung angeordnet hatten, sind mittlerweile wegen Nötigung verurteilt worden. Angeschlossen hat sich eine Debatte um das Folterverbot, die das Land gespalten hat wie kaum eine andere. Es ging um die Frage der Relativierbarkeit von Menschenwürde – darum, ob die Menschenwürde einer Abwägung gegen andere Rechtsgüter zugänglich ist oder nicht.

Das Landgericht Frankfurt am Main hatte bereits am ersten Tag der Hauptverhandlung entschieden, dass wegen der rechtswidrigen Gewaltanwendung im ersten Verhör alle bis zum Beginn der Hauptverhandlung abgegebenen Geständnisse nicht verwertet werden durften. Die nach jenem Verhör gefundenen Beweismittel, besonders die Leiche des Jungen sowie Reifenspuren, hielt das Gericht dagegen sehr wohl für verwertbar. Es kam zu einer Abwägung: der Eingriff in die Rechte des Angeklagten gegen seine Tat – es war eine Abwägung, die nur zu Lasten von Gäfgen ausfallen konnte. Im Sommer 2003 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Revision beim Bundesgerichtshof und die Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht blieben erfolglos.

Wie sieht er nun diesem neuen Verfahren entgegen? Gäfgen wird still. Er wirkt fast ängstlich. „Jede Form der Berichterstattung führt dazu, dass die Stimmung hier gegen mich umkippt“, sagt er. „Ich versuche dann, mich zurückzuziehen. Noch mehr als sonst. Durch das Zellenfenster höre ich dann vom Hof Rufe wie ,Gäfgen, wir schlitzen dich auf!’“

Man muss sich zwingen, die über den Einzelfall hinausreichende Bedeutung dieses Verfahrens zu sehen – ihm aus juristischer Sicht eine Berechtigung zuzugestehen. Im Kern geht es um die Frage, ob in einem Verfahren Beweismittel verwendet werden dürfen, die durch gravierend unzulässige Vernehmungsmethoden erlangt wurden. Bisher gibt es keine Rechtsprechung dazu. Dieser Fall ist die erste und womöglich für lange Zeit letzte Gelegenheit, dass sich ein europäisches Gericht mit dem Folterverbot befasst.

Das Urteil der kleinen Kammer des EGMR vom Juni war mit sechs zu eins Stimmen gegen Magnus Gäfgen ergangen. Zwar waren sich die Richter einig, dass gegen das Folterverbot verstoßen worden sei. Der Angeklagte habe aber schon Genugtuung erhalten. In den deutschen Urteilen sei die Rechtswidrigkeit der Folter ausdrücklich betont worden.

Eine Richterin jedoch, die Bulgarin Zdravka Kalaydjieva, hatte vehement widersprochen. Die Verwertung von durch Zwang erlangten Beweismitteln habe das Verfahren insgesamt unfair gemacht! Sie habe gegen das grundsätzliche Privileg verstoßen, dass der Angeklagte sich nicht selbst belasten muss. Und auch die Güterabwägung der Richter am Frankfurter Landgericht zwischen Schwere der Tat und Schwere des Foltervorwurfs verstoße gegen die Absolutheit des Folterverbots. Ein Verstoß gegen das Verbot müsse härtere Folgen für das anschließende Verfahren haben. Sonst sei es durch die Bestrafung eines Beamten leicht umgehbar, relativiert – und letztlich wertlos.

Gäfgens jungem Anwalt fällt es schwer, neutral zu berichten. Er scheint restlos identifiziert mit diesem einen Fall. Presse, Gerichte, die Gesellschaft – man hat manchmal den Eindruck, er betrachte sie alle als Feinde. Dieser Eindruck speist sich für ihn nicht nur aus dem Hass, der seinem Klienten entgegenschlägt. Auch er selber wird bedroht, weil er Gäfgen vertritt. Vermutlich kann man so etwas nur durchhalten, wenn man sich auf eine harte Position stellt.

Und er ist erfolgreich. Er hat erreicht, dass das Land Hessen nun in einen Schmerzensgeldprozess verwickelt wird, ein Amtshaftungsverfahren. Bis zum Bundesverfassungsgericht war Heuchemer vorgedrungen, um zwei vorinstanzliche Urteile aufheben zu lassen. Dass die Foltervorwürfe nun auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt werden, ist ebenfalls eine Leistung. 90 Prozent aller Ersuche werden dort gar nicht erst angenommen.

Warum macht er das? Sicher nicht aus finanziellen Gründen. Allein die Fahrten nach Schwalmstadt kosten ihn mehr als er für das gesamte Folterverfahren an Gebühren bekommen hat. Er sagt: „Dieses Verfahren stellt den Lackmustest für unseren Rechtsstaat dar.“ Es gehe ihm um die Frage, ob eine Gesellschaft in der Lage ist, auch jemandem wie Gäfgen, der eines der schlimmsten Verbrechen begangen hat, die man sich vorstellen kann, Gehör zu verschaffen. Aber längst ist durch die gemeinsame Außenseiterposition auch eine persönliche Bindung entstanden.

Die Zeit ist um. Um vier Uhr bekommen die Gefangenen bereits ihr Abendessen, das gleichzeitig Frühstück ist, sie müssen es sich aufteilen, Brot, Wurst, Käse. Gäfgen geht durch die Tür, durch die er gekommen ist. Man wird ihn von Kopf bis Fuß durchsuchen, bevor er in seine Zelle zurückkehrt.

Der Autor ist Rechtsanwalt in München. Heute Abend um 21 Uhr sendet die ARD in der Reihe „Kriminalfälle des Jahrhunderts“ den Film „Jakob von Metzler – Tod eines Bankiersohns“.

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