Zeitung Heute : Mahnmal, aber für wen?

Von Harald Martenstein

Die Nazis haben bekanntlich die verschiedensten Personengruppen auf die verschiedensten Arten verfolgt, unterdrückt oder diskriminiert. Deshalb beginnt in wenigen Tagen, nicht weit vom Reichstag, wieder einmal der Bau eines Mahnmals. Dieses Mahnmal besitzt leider eine tragikomische Komponente, denn selbstverständlich trägt das Mahnmal eine Inschrift, nur darf in der Inschrift der Name der verfolgten Personengruppe nicht genannt werden. Der eine Teil des betreffenden Volkes nennt sich „Sinti und Roma“, ein anderer Teil nennt sich „Zigeuner“. Beide Gruppen erklären, dass sie den jeweils anderen Namen als diskriminierend empfinden. Die korrekte Inschrift auf dem Mahnmal müsste lauten: „Gewidmet einem Volk, von dem nicht ganz klar ist, ob es Sinti und Roma oder Zigeuner heißt.“ So etwas ist in der Praxis nicht umsetzbar.

Im Berliner Tiergarten wird demnächst das Mahnmal für die ermordeten Homosexuellen enthüllt, es zeigt ein sich küssendes Paar. Ursprünglich waren dies zwei Männer, nun werden auf einem Monitor abwechselnd sich küssende Männer und Frauen gezeigt. Es ist allerdings so, dass die Nazis die Lesben zwar nicht gerne gesehen haben, sie haben auch ihre Zeitschriften verboten und ihre Treffpunkte geschlossen, von einer systematischen Verfolgung dieser Gruppe aber kann nicht die Rede sein. Aus sexualpsychologischen Gründen gehasst haben die Nazis nur die Schwulen. Der Paragraph 175 galt nur für Männer. Zwar sind auch Lesben im KZ gequält worden, aber fast immer aus anderen Gründen, etwa, weil sie Jüdinnen waren, oder Kommunistinnen, oder weil sie, wie Elsa Conrad, öffentlich erklärten, dass Rudolf Hess der Geliebte von Adolf Hitler sei. Dafür wären auch Heterosexuelle ins KZ gekommen.

Schwieriger als für die Lesben ist die Lage für die so genannten Asozialen oder Arbeitsscheuen gewesen, die voraussichtlich kein Mahnmal bekommen, denn diese Eigenschaft wird auch heute nicht gerne gesehen. Den Lesben ging es so ähnlich wie der Bevölkerungsgruppe der Prostituierten, wenn man unauffällig blieb, kam man durch. Die Prostituierten werden voraussichtlich auch kein Mahnmal bekommen.

Um ein Mahnmal zu kriegen, musst du offenbar zu einer Gruppe gehören, die heute gesellschaftlich akzeptiert wird und die eine Lobby hat. Wie sehr du damals verfolgt worden bist, scheint dagegen von zweitrangiger Bedeutung zu sein. Nicht, dass ich irgendetwas vergleichen würde, das ist ja streng verboten. Ich erlaube mir lediglich den Hinweis, dass ein Feindbild der Nazis auch die rauchenden Frauen gewesen sind. Auf Plakaten hieß es: Eine deutsche Frau raucht nicht! Ein Mahnmal für die deutschen Raucherinnen wäre also historisch durchaus begründbar. Mehr sag’ ich ja gar nicht.

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