Zeitung Heute : Mainzer Tage der Fernsehkritik erneuern den Kosovo-Konflikt

Michael Burucker

Wieder einmal das Ritual der Selbstermahnung zur journalistischen Ethik in Zeiten harter Konkurrenz ums spektakuläre Bild versprach das Einleitungsreferat des ZDF-Hausherrn, Intendant Dieter Stolte. Auf den 33. Mainzer Tagen der Fernsehkritik jedoch, ansonsten eine eher unterkühlte Veranstaltung, ging es diesmal mitunter so emotional zu wie auf einem Parteitag der Grünen. Die Tagung, deren Titel "Krieg mit Bildern" eigentlich die Kriegsberichterstattung im Fernsehen generell meinte, wurde nicht nur zur Bilanz der Berichterstattung über den Kosovo-Krieg, sondern zur Wiederauflage der Diskussion über dessen Rechtfertigung, wobei die Mehrheit der rund 400 Medienexperten auf Seiten der Kriegsgegner zu stehen schien. Da stieß Pavel Kohout mit seinem Appell zur wehrhaften Demokratie, die sich notfalls auch mit Raketen verteidigen müsse, auf herzliches Unverständnis. Der tschechische Dramatiker zeigte der deutschen Tradition des Pazifismus die kalte Schulter: Eine Kontinuität des "Wunschdenkens", das das Warten des Ostens auf die Freiheit "um Jahre" verlängert hätte, sah er von den Ostermärschen über den Protest gegen die Nachrüstung bis hin zu den Demonstrationen gegen den Golfkrieg. Das Fernsehen lobte der "leidenschaftliche Zuschauer" als Kunstform, dessen Bilder, richtig gedeutet, die Demokratie gegen die Milosevics und Saddams zu verteidigen im Stande sind: Fernsehen im alten Sinne als Medium der Aufklärung und Erziehung.

Wie um seine Einschätzung der von ihm als "rechthaberisch" gescholtenen Intellektuellen zu bestätigen, kam deren Reaktion prompt. Bekannte Argumente, untermauert durch jüngste Erkenntnisse über die korrigierte Trefferquote der Nato, wurden erneuert: Nato-Hörigkeit und antiserbische Vorurteile wurden der Berichterstattung nachträglich vorgeworfen. Gerügt wurde, wobei Nachricht und Kommentar kurzerhand gleichgesetzt wurde, dass die Fernsehjournalisten ungeprüft und zu bereitwillig die Terminologie des Verteidigungsministeriums von "Völkermord" und "Massakern" übernommen hätten. Von den Serben als "Opfer zweiter Klasse" (ARD-Korrespondentin Sonia Mikich) wurde da gesprochen, obwohl die Kritiker, die zwischen Fernsehen und Regierung kaum noch Unterschiede sehen wollten, ihre eigene Leichenbilanz aufmachten: Darf man bei hundert "vorwiegend in Einzelgräbern" gefundenen Leichen, so ein Friedensforscher, der sich über seinen TV-Maulkorb beschwerte, statt der behaupteten tausend in Massengräbern Verscharrten von einem Massaker sprechen?

So berechtigt Kritik an der dem Aktualitätsdruck geschuldeten Oberflächlichkeit des Fernsehens auch sein mag, solch Leichenzählen nahm sich aus, als wolle man Milosevic und nicht seinen Opfern zu Hilfe eilen. Sonia Mikich etwa, selbst Kriegsreporterin, empörte, dass Norbert Winterstein, Bosnien-Beauftragter des Landes Hessen, sich gegen die Übernahme von Bildern des serbischen Fernsehens aussprach. Obgleich ein Belgrader dpa-Journalist klarstellte, dass dessen TV-Bilder eigens zum Zwecke der Auslands-Propaganda hergestellt werden, setzte die Deutsche, die im Übrigen dafür warb, ihre eigenen Bilder in Frage zu stellen, beide Quellen gleich: Wer Nato-Bilder übernehme, müsse auch das serbische Fernsehen berücksichtigen. Ähnliche Vergleiche, auf angeblich wissenschaftlicher Basis, auf der das Bild nur als "Zeichen" gedeutet werden sollte, stellte der Medienforscher Karl Prümm an. Abgesehen davon, dass es kaum möglich ist, einen mörderischen Diktator wie Milosevic in ein Abstraktum zu verwandeln und auf sein Bild zu reduzieren, stellte er die Staatssymbolik eines demokratisch gewählten Bundeskanzlers mit den Ansprachen Milosevics auf eine Stufe. "Korpsgeist" zwischen den TV-Journalisten und der Politik sah er am Werk, der den Krieg als Vorwand genutzt habe, die Regierenden wie Schröder, Scharping und Fischer ins rechte Licht zu rücken.

Im Gegenteil, wehrten sich Peter Frey (ZDF) und Sigmund Gottlieb (ARD), rar wie nie zuvor hätten sich die deutschen Minister gemacht, was, wer die Berichterstattung verfolgt hat, nur bestätigen kann. Auch mit anderen Fakten nahm der Forscher es nicht so genau. Keine Sendung sei ausgefallen, das Fernsehen habe den Krieg "normalisiert". Wahr ist, dass etliche Sendungen, sehr zum Ärger eines von "Brennpunkten" übersättigten Publikums, ausfielen. "Kritisch hinterfragen" statt aktueller Kurzinformation hieß das Allheilmittel der Medientheoretiker, was Praktiker wie Gottlieb und Frey nur abwinken ließ: Bei Hintergrundberichten, die länger als ein ARD-Brennpunkt sind, wird abgeschaltet. Nach dem emotionalen ersten Tag, an dem sich selbst ZDF-Autoren öffentlich entzweiten, erschien am zweiten Tag der vielgescholtene Verteidigungsminister zum Kreuzverhör: Im Interview mit ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender schlug sich Scharping mit seiner Mischung aus Sachlichkeit und verhaltener Emotionalität beachtlich. Neue Fakten sah er nicht - anders als seine Kritiker, die die Existenz des "Hufeisenplans" und serbische Massaker an der kosovarischen Zivilbevölkerung bereits als widerlegt ansahen. Plastisch beschrieb er jüngste Eindrücke von ausgebrannten Häusern, aus deren Schutt Skelette ragten. Wer, wie in der angeschlossenen Diskussion, den Politiker hier der "Selbstinszenierung" zeiht, gerät selbst in Gefahr, zynisch zu werden.

Die Kritik an Scharpings Emotionalität geschieht wohl, wie es ZDF-Mitarbeiter Ruprecht Eser formulierte, aus Verwirrung: Stellung zu beziehen und Emotionen zu zeigen ist eigentlich die Domäne des Journalisten. Sich dabei im Bunde zu sehen mit Politikern, ist ihm suspekt. Aber dass niemand aus der in Mainz versammelten Medienzunft sich im Stand sah, Milosevic zu geißeln, irritierte dann doch.

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