MaireWERT : Teilen statt haben

Christophe F. Maire,
Christophe F. Maire,

In dieser Kolumne soll es um die digitale Wirtschaft Berlins gehen. Es gibt viel zu berichten, schließlich wird in der Hauptstadt alle 20 Stunden ein Internet-Unternehmen gegründet. Wo also anfangen? Vielleicht am besten mit dem, was mich zurzeit beschäftigt.

Ab Ende November kann man über die Online-Plattform Campanda Wohnwagen mieten – nicht aber von einem zentralen Vermieter, sondern von unzähligen Privatbesitzern rund um die Welt. Als mir mein Partner von seiner Idee erzählte, war ich sofort begeistert. Ein Wohnwagen wird im Schnitt nur vier Wochen pro Jahr genutzt. Wieso also nicht einfach den Rest des Jahres vermieten?

Sharing Economy heißt dieser Trend, der im Frühjahr dieses Jahres sogar auf der weltgrößten Computermesse Cebit das zentrale Thema war. Um ungenutzte Ressourcen effizienter einzusetzen, wird immer mehr geteilt. Auf neuartigen Online-Marktplätzen werden nicht nur Wohnmobile, sondern auch Autos, Dienstleistungen oder sogar Wohnungen vermittelt. Immer weniger geht es darum, Dinge zu besitzen, sondern sie flexibel zu nutzen. Im Englischen spricht man deswegen schon von einer sogenannten Asset-Light-Generation. Zugriff statt Eigentum.

Zwar gab es Sharing-Modelle wie Airbnb schon vor gut zehn Jahren, doch fehlte es damals noch an den nötigen Rahmenbedingungen. Dass es heute deutlich besser klappt, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen hat der größte Teil der Bevölkerung inzwischen seine Berührungsängste mit dem Medium Internet verloren. Zum anderen ermöglichen soziale Netzwerke wie Facebook eine neue Form der Vertrauensbildung. Wenn ich meine Wohnung auf Airbnb zur Zwischenmiete inseriere, möchte ich natürlich wissen, wer es sich bei mir bequem macht. Über eine Facebook-Verknüpfung kann ich mir das soziale Profil des Interessenten anschauen und so einschätzen, ob ich mir einen Hooligan oder einen netten Urlauber ins Haus hole.

Der Hotellerie gefällt dieses Teilen von Wohnungen freilich ganz und gar nicht. Mit einer starken Lobby kämpft man für die Hotels und gegen die digitalen Marktplätze. In Städten wie Paris, New York oder auch hier in Berlin gibt es bereits erste Versuche, die Sharing Economy zu bremsen. Die Mietpreise würden kaputtgemacht, so heißt es. Aber leiden die nicht auch beim Bau eines neuen Hotels? Leider wird Fortschritt oft gebremst, Innovation hat eben keine Lobby. Schade für den wirtschaftlichen Nutzen des Teilens: Alleine in Berlin werden via Airbnb jedes Jahr 100 Millionen Euro umgesetzt und mehr als 3000 „Arbeitsplätze“ geschaffen.

Der ökologische Mehrwert wird vor allem am Beispiel des Autos deutlich. In Großstädten stellt das Unternehmen Car2Go Tausende von Fahrzeugen zum Minutenpreis bereit. Beim Berliner Start-up carzapp kann man in Zukunft sogar das eigene Auto vermieten und per Smartphone Zugriff auf den eigenen Wagen gewähren. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Die App Shpock bringt den Flohmarkt aufs Smartphone, auf Vestiare Collective wird ungenutzte Designerware gehandelt und bei Whyownit wird sogar kostenlos geteilt. Die Nutzer werden fürs Teilen mit Punkten belohnt, die sie später für Gutscheine einlösen können. Das Zeitalter der Sharing Economy hat gerade erst begonnen.

Ab der heutigen Ausgabe werde ich meine Erfahrungen mit Innovationen innerhalb der digitalen Wirtschaft mit Ihnen teilen. Ich hoffe, Sie sehen einen MaireWert.

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