Zeitung Heute : Majakowski

Entenbrust mit Spielplatz

Bernd Matthies

VON TISCH ZU TISCH

Der städtische Esser verhält sich gern irrational. Kaum zwitschern die Vögel in den Bäumen, will er allen zivilisatorischen Errrungenschaften zum Trotz draußen sitzen, wo ihn die Mücken stechen und allerhand Sämereien vom Baum in die Suppe fallen. Die Speisen werden auf dem langen Weg von der Küche kalt, dafür kochen Wein und Gast. Im Ernst: Wäre es nicht viel schlauer, in einem klimatisierten Restaurant kühlen Kopf zu behalten?

Schon gut. War ja nur so ein Gedanke. Also bitte: Neues für Draußensitzer mit einem gewissen Anspruch, so lange die Sommersonne scheint. Kaum eine Berliner Gegend bietet sich dafür dringender an als das alte Pankower Diplomatenviertel, das Ost-Berliner Gegenstück zu Dahlem. Nur ein paar Schritte hinter dem Rathaus tun sich Gärten auf, Villen prunken und protzen; das neue „Majakowski“ nimmt sich mit der Selbstbezichtigung, es sei ein „Gasthaus“, darin recht bescheiden aus. Draußen Biertische, ein großer Buddelkasten mit Spielzeug – das ist vor allem erst einmal eine Oase für Familien mit Kindern, die hier Eisbecher serviert kriegen und alles andere, was einem zu diesem Thema so einfällt. Auch drinnen wieder Spielzeug, Zeitungsberge, lebhaftes Gewusel. Wer also ein Gourmet-Restaurant erwartet, liegt schief. Dennoch arbeitet die Küche mit merklichem Ehrgeiz, der in einer winzigen, nur abends gültigen Tageskarte gipfelt.

Die Flaggen der kulinarischen Sorgfalt sind gehisst, es ist die Rede von Neuland-Fleisch und Gatower Kugeln, und auch die Italien-Abteilung kommt vor, und zwar in Gestalt eines toskanischen Brotsalats, der recht stilvoll mit Sardellen und allerhand Würzig-Saurem angerichtet war; das Ciabatta, das wir im Korb zäh fanden, gewann durch die Vinaigrette sehr an Essbarkeit. Würzige Blutwurst, recht süßlich gebraten, passte gut zu den Gatower Radis, das Felchenfilet räkelte sich auf einer sorgfältig zusammengestellten Gemüsemischung, und die zarte Entenbrust fügte sich aufs angenehmste einem flachen Karottenkuchen, der freilich kaum frisch gebacken war, aber das wäre bei den schlanken Preisen (Hauptgerichte um 15 Euro) auch zu viel verlangt.

Beim Dessert ging der Küche dann die Puste aus. Das bombastisch als „Limetten-Champagner-Sorbet mit Erdbeeren und Pfirsichgranité" angekündigte Kunstwerk war im Glas geschmolzen und hätte allenfalls noch lauwarme Pfirsichsuppe mit Erdbeeren heißen dürfen. Doch das nimmt man hin in der sympathischen, gutherzigen Atmosphäre, die von einer kundigen und redegewandten Chefin dominiert wird – und beschließt, dann beim nächsten Mal eben kein Dessert zu bestellen. Zusammen mit der kleinen, anständig sortierten Weinkarte ergibt sich das Gesamturteil: Empfehlenswert. Draußen im Brandenburgischen, wo sich ja generell wenig bewegt, hat das „Schilfhaus" in Wendisch Rietz viele Stammgäste gefunden, ein Zeichen für die Zuneigung der Eingeborenen zur Küche der 60er Jahre mit flambiertem Pfeffersteak und Tomatensuppe. Das Haus wurde nach einem Brand erst im April mit neuem Reetdach wieder eröffnet, und hinten werkelt ein Koch, der lange mit Kurt Jäger in Hubertushöhe, gleich um die Ecke, gearbeitet hat. Doch entweder kann er nicht so, wie er will, oder er will nicht so, wie er kann. Aus Jägers dezenten Kräuter-Senf-Bohnen wird hier ein quietschsüßer Senfsaucen-See, der dem Lammfilet obendrauf keine Chance lässt, und auch die rabiat verkrusteten Kalbsleberwürfel zum Feldsalat überleben nur dank ihrer leidensfähigen Konsistenz. Gelungen fanden wir das Lachsforellenfilet auf Spargel mit einem vanille-angehauchten Kartoffelpüree, banal den Spargelsalat mit gebratenen Garnelen, anständig die Hähnchenbrust mit Rosmarinkartoffeln und Spargel, deren auf der Tafel angekündigter Curryschaum sich wundersam in Nussbutter verwandelt hatte. Sehr gute Rote Grütze, sehr gutes Limetten-Buttermilchmousse; das Fabrikvanilleeis dazu - geschenkt. Hier kämpfen offenbar zwei Epochen miteinander, die Sechziger Jahre und die Gegenwart. Eine wird gewinnen. Aber welche? Und wann?

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