Zeitung Heute : Majestät fürs Blumenbeet

Früher war die Königskerze vor allem Heil- und Nutzpflanze. Heute ist sie eine Zierde in jedem Garten

Gert D. Wolff

Mit ihrer majestätischen Erscheinung wirkt sie auf Schutthalden, Kahlschlägen und an Bahndämmen – wo sie häufig wild vorkommt – meist ein wenig deplatziert. Denn als Aristokratin unter den Blumen kommt die Königskerze erst in entsprechender Pflanzengesellschaft, etwa an sonnigen, trockenen Plätzen in Ziergärten, so richtig zur Geltung. Dann entfaltet sie ihre ganze höfische Pracht. Anders als heute stand allerdings die Schönheit des stattlichen Gewächses mit den goldgelb leuchtenden, wohlriechenden Blüten und dem aufrechten Wuchs früher nicht so sehr im Mittelpunkt des Interesses. Viel wichtiger war den Menschen der praktische Nutzen: Schon seit dem Altertum wurden die verschiedenen Königskerzenarten als Heilpflanzen verwendet. Darüber hinaus besaßen sie Eigenschaften, die sich im menschlichen Alltag als äußerst hilfreich erwiesen.

Welche herausragende Rolle Verbascum – so der Gattungsname des Braunwurzgewächses – im Leben unserer Vorfahren spielte, lassen die zahlreichen volkstümlichen Namen erahnen, unter denen die Königskerze bei uns teilweise auch heute noch bekannt ist: So hieß sie auch Wollkraut, Wollblume, Fackelkraut, Brennkraut, Fischkörnerkerze, Flusswurzel, Wetterkerze, Donner- oder Blitzkraut, Unholdenkerze, Sonnwendblume, Marienkerze, Marienröslein, Frauenkerze oder etwa Himmelbrand. Gemeint waren damit zumeist die bei uns heimische Großblütige und die Kleinblütige Königskerze (Verbascum densiflorum und Verbascum thapsus). Der Gattungsname der filzig behaarten Pflanzen soll vom lateinischen „barbascum“ (barba = Bart) abgeleitet worden sein.

Während heutzutage fast ausschließlich die Blüten der verschiedenen Königskerzenarten noch naturmedizinisch verwendet werden, nutzten die Heilkundigen früherer Zeiten auch Wurzel- und Blattabkochungen in Wein oder Wasser für ihre vielseitigen Anwendungen wie beispielsweise die Wundbehandlung. Über das „Wullkraut“ schreibt Leonhart Fuchs in seinem Kräuterbuch von 1543: „Die bletter in wasser gesotten vnd übergeschlagen / verzeren die kalten geschwulst / vnd andere beulen.“ Und Patienten, denen „ettwas im leib zerrissen oder zerkniitschet ist“ oder die an langwierigem Husten leiden, empfiehlt er, einen Absud aus der Wollkrautwurzel zu trinken. Andere Autoren dieser Zeit erwähnen Wollkrautmittel aus den Blättern und Blüten zur Behandlung von Heiserkeit, Lungenkrankheiten, gegen Gicht, Ruhr und bei Fieber. Und immer wieder wird das daraus gewonnene Pulver als vortreffliches Mittel „wider die Schmertzen und Geschwulst der goldenen Ader“ – so der altertümliche Name für Hämorrhoiden – gerühmt.

Einige dieser Anwendungen kommen auch heute noch in der Naturmedizin vor. Die Pflanze enthält Schleimstoffe, Saponine, Flavonoide, ätherisches Öl und Gerbstoffe. Sie haben eine antibiotische, entzündungshemmende, krampf- und schleimlösende sowie beruhigende Wirkung. Nach wie vor werden heute die getrockneten Blüten gerne als Bestandteil von Teemischungen bei Katarrhen der oberen Luftwege verwendet. Die durch Saponine giftigen und leicht betäubend wirkenden Samen der Königskerze wurden zum Fischfang eingesetzt, so auch von Wilderern, die auf diese Weise heimlich nachts Beute machten.

Eine einzelne Pflanze produziert immerhin bis zu 60 000 Samen. Aus den getrockneten Blättern der Wollblume hat man früher Lampendochte gedreht. In Pech getaucht, diente die mannshohe Pflanze als Fackel, mit Wachs oder Talg überzogen auch als Kerze. Eine Lauge aus den schönen gelben Blüten benutzte man zum Färben von Wolle und Haaren. All diese praktischen Anwendungen der verschiedenen Verbascum-Arten – weltweit zählen heute rund 350 zu dieser Pflanzengattung – sind schon seit der Antike belegt.

Nach altem Volksglauben besaß die Königskerze unheilabwehrende Kräfte. Sie galt als wirksamer Schutz gegen Dämonen, Hexen und bösen Zauber. Und – vielleicht wegen ihres leuchtend gelben Blütenstandes – als Blitzschutz. Für besonders wirksam hielt man die am Johannistag (24. Juni) oder zur Sommersonnenwende ausgegrabene „Sonnwendblume“. Vorausgesetzt, sie hatte zuvor den kirchlichen Segen erhalten: Wie andere traditionelle Heilpflanzen war die Königskerze eine Marienblume und in vielen Gegenden der Mittelpunkt des an Mariä Himmelfahrt geweihten Kräuterbüschels. Teile davon warf man bei herannahenden Unwettern ins Herdfeuer, um den Blitz abzuhalten. Oder man befestigte sie über der Stalltür. Andererseits durfte man nach altem Aberglauben die „Donnerkerze“ nicht abreißen und ungeweiht ins Haus bringen, weil dadurch der Blitz angezogen würde.

In der Konstanzer Gegend trugen Männer und Frauen Teile von Königskerzenwurzeln als Amulett gegen Schlagfluss am Körper. Und auch für verschiedene Wetterorakel zog man die Pflanze früher zu Rate. So bedeuteten beispielsweise tief am Stängel stehende Blüten einen frühen Wintereinbruch mit Schnee, standen sie weit oben am Stängelende, verhieß das ergiebige Schneefälle erst im Frühjahr. Auch für eine Kurzzeitprognose warf man gerne einen Blick auf die „Wetterkerze“: zeigte ihre Spitze nach Westen, war schlechtes Wetter zu erwarten, schönes hingegen, wenn sie sich nach Osten neigte.

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