Zeitung Heute : „Make Rugs not War“ ist sein Motto und das tuftet er auch auf einen Teppich

Oben: „Fujisan“ aus der Serie „Origins“.
Oben: „Fujisan“ aus der Serie „Origins“.

Er kommt gerade aus Asien zurück und ist wieder auf dem Sprung nach Riga, wo er zur Eröffnung des Art Museum Riga Brouse seine neusten Arbeiten zeigen kann. Dann reist er aber gleich nach Moskau weiter, um auch dort seine Werke zu präsentieren. Mit 20 russischen Architekten und Designern geht es schließlich noch nach Kathmandu. Und die Kunst reist immer mit. Seine Werke zieren die Wände des Museums und überzeugen – wie Kunstwerke eben. Aber Jan Kath reist nicht etwa mit und wegen Malerei rund um die Welt, sondern wegen seiner Teppiche. Er hat dem klassischen Perser in den letzten Jahren international den entscheidenden Impuls gegeben, in dem er es verstand, Design, Innovation, Tradition und Knowhow auf eine neuartige Art und Weise zusammenzuführen.

Basis dieser Teppichrevolution ist seit 2007 eine 100 Jahre alte Werkhalle in Bochum, wo etwa 20 junge Mitarbeiter am Computer sitzen, die Logistik managen und neue Entwürfe in die Tat umsetzen. Wer ein Exemplar von Jan Kath gesehen hat, lernt das Wort Teppich neu zu buchstabieren.

Dabei ist er zu dieser Karriere gekommen wie die Jungfrau zum Kinde, wie er selbst bescheiden einräumt. Wenngleich das Thema Teppich durchaus in der Familie lag. Schon sein Großvater und sein Vater hatten mit Teppichen gehandelt und auch kleine Produktionen in Auftrag gegeben. Der Großvater arbeitete bei dem renommierten Teppichhaus Bursch am Alexanderplatz in Berlin und gründete den Laden nach dem Krieg in Bochum, wo dank der Montanindustrie und des Wirtschaftswunders ein großer Bedarf an schönen Dingen für die eigenen vier Wände bestand. Der Vater Martin führte den Laden fort, der zur Institution über Bochum hinaus wurde. „Ich war es als Kind gewohnt, dass bei uns am Frühstückstisch Partner aus Persien, Ägypten und Afghanistan saßen. Ohne Geschäftspartner geht nichts in diesen Ländern. Es sind vertrauensvolle Beziehungen, die über Jahre aufgebaut werden und oft über Generationen halten. Unser Mann in Beirut ist der Sohn des libanesischen Lieferanten meines Großvaters. Diese Welt ist sehr klein, sehr international – eine Handvoll von Familien ist in dieser Branche unterwegs.“

Jan Kath wollte aber anfangs von diesem Geschäft gar nichts wissen. Er distanzierte sich von der Arbeit der Eltern, war in alternativen Kreisen unterwegs und reiste nach der Schule nach Indien. „Ich war eineinhalb Jahre in Indien und habe gute Erfahrungen gemacht. Einmal war ich natürlich in einem Ashram, habe aber auch Techno in Goa genossen. Doch irgendwann war mein Geld alle. Das war in Kathmandu, Anfang der 90er Jahre. Was nun?“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Die Frühstückszeiten mit Gästen aus aller Welt zahlten sich plötzlich aus. Er traf damals in Kathmandu einen deutschen Lieferanten seines Vaters, der in Nepal eine Teppichmanufaktur unterhielt und dort auch produzierte. „Er meckerte typisch deutsch über die Qualität und dass er alle zwei Wochen nach Kathmandu reisen müsse, um alles zu kontrollieren. Ich habe ihn dann überzeugen können, dass ich für ihn die Qualitätskontrolle übernehmen könnte“, erzählt Kath. Schließlich hatte er eine kaufmännische Lehre im Elternhaus absolviert. Kath ist hart im Nehmen. Er machte noch einmal einen Crashkurs bei seinem Vater, wichtig war es vor allem, die Technik zu verstehen, um in Nepal bestehen zu können.

In deutschen Importeurskreisen sprach sich herum, dass der junge Kath in Kathmandu seine Dienste anbietet und so wechselte er nach eineinhalb Jahren die Firma. Sein neuer Chef versetzte ihn Mitte der 90er Jahre in die Mongolei. „Selbst nach zweieinhalb Jahren Aufenthalt in Asien war die Mongolei ein Kulturschock für mich. Mein Chef hatte mich nach Moskau geschickt, um von dort aus in sieben Tagen mit dem Zug in der Mongolei anzukommen. So gewöhnt man sich an die Veränderung, man kommt an. Ich kannte das brodelnde Indien und Nepal, doch hier fuhr der Zug tagelang durch die Steppe, durch das Nichts, die Zeit verschiebt sich wie Kaugummi. Im Zug wurde wild geschmuggelt“, erzählt Kath und man merkt ihm die Freude am damaligen Abenteuer noch an. Von der Mongolei hatte er keine Vorstellung. „Ich sah immer nur die Steppe und dann komme ich dort an und sehe nur Plattenbauten. Das war ein Schock. Und dann dachten die anfangs noch, ich sei Russe..“ Jan Kaths Aufgabe war es, herauszufinden, wie die Teppichindustrie funktionierte, wie es um die traditionelle Textilkunst stand und mit wem man zusammenarbeiten könnte. Er sollte eine kleine Produktion aufbauen. „In der Zeit entstanden erste Ideen, wir produzierten für den russischen Markt in einem Stil und einer Qualität, die im Westen keine Chance hatten.“

Kath muss umdenken, etwas entwickeln, was er in Europa verkaufen könnte. „Dazu musste ich die Leute wieder vom Spinnen mit der Hand überzeugen, die hielten mich deswegen für komplett verrückt“, erzählt er. Überlebt hat er dank einer sehr jungen Dolmetscherin, die mit 19 Jahren mit Englisch gerade fertig war, „sie gehörte zur ersten Generation von Mongolen, die überhaupt Englisch sprach. Sie wurde meine spätere Frau.“ Sie lebt heute in Ulan Bator und arbeitet dort beim Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD, ihre zwei Kinder leben in Deutschland und der Mongolei.

Ein Anruf aus Nepal lenkte seinen weiteren Weg. Der tibetische Vater seines ehemaligen Chefs bat ihn um Übernahme des Betriebs, der Ex-Chef hatte gekündigt. 500 Arbeitsplätze standen auf dem Spiel. „Ich habe mich mit meinem Vater beraten und nach dem Motto ,denn sie wissen nicht, was sie tun’ selbstständig gemacht – Jan Kath Design war geboren.“

Ein Abenteuer – aus heutiger Sicht. „Ich war naiv, hatte die Dimensionen nicht überblickt und hatte auch keine Mittel, um einen Designer zu finanzieren. Ich hatte ein kleines Budget für das erste Projekt und auch etwas Geld für Messestände. Das war mir immer sehr wichtig. Aus der Not heraus musste ich mir dann Dinge selber überlegen. Ich orientierte mich am Markt, ohne zu kopieren, aber es lief nicht so gut. Dann habe ich mich entschlossen, wirklich mein eigenes Ding zu machen, aber diametral entgegengesetzt zu dem, was ich bisher tat.“

Jan Kath strahlt eine ruhige Energie aus, wenn er in seinem Sessel in der alten Fabrikhalle sitzt und erzählt, als sei alles das erst gestern geschehen. „Es kann nur funktionieren, wenn man das macht, was technisch möglich ist. Ferner muss man verschiedene eigene Handschriften anbieten und gleichzeitig die Fahne der Qualität hochhalten.“ Kath besann sich auf das, was er zu Hause und in Asien gelernt hatte.

„Andere Hersteller bieten handgeknüpfte Ware an, aber mit maschinenversponnener Neuseelandwolle. Da wird aus einer Schafherde ein feines gleichmäßiges Garn gesponnen. Handgesponnene tibetische Wolle ist aber etwas ganz anderes. Da wird erst die Wolle von nur einem Tier gekämmt und gesponnen. Dann kommt das nächste dran. So ist der Wollfaden mal dünner, mal dicker, mal fester, mal lockerer gedreht. Wenn man nun die Wolle in die Naturfarbe gibt, spielt das eine entscheidende Rolle. Die Wolle nimmt die Farbe unterschiedlich auf, je nachdem, wie fest oder locker der Faden verzwirnt ist. In feste Wolle geht die Farbe nicht so tief. Es entsteht ein Farbsprung, der sogenannte Abrasch“, klärt Jan Kath auf, und plötzlich sieht man auch seinen eigenen Teppich mit diesen Unregelmäßigkeiten mit ganz anderen Augen.

Der Teppich sieht nicht wie gedruckt aus und bekommt mehr Tiefgang. „Wer diese Zusammenhänge als Designer oder Hersteller nicht kennt, bleibt eben draußen vor der Tür“, sagt Kath. Sein Unternehmen ist von der Menge her der siebtgrößte Importeur aus Nepal, von der Qualität her die Nummer eins. Er zahlt zudem die zweithöchsten fairen Löhne. „Wir zahlen hohe Preise, um diese Qualität zu bekommen. Andere machen Kompromisse im Material. Qualität ist bei uns Qualität fürs Leben.“

Die Herausforderung ist es nun für Jan Kath als Designer, unter Verwendung zeitgenössischen Materials, ohne modisch zu sein, den Klassiker von morgen zu schaffen, der ein Leben lang hält und gefällt. „Es wäre mein Wunsch, als jemand wahrgenommen zu werden, der etwas Grundlegendes zu leisten vermag“, sagt Kath. Er weiß, was er kann. Zum Beispiel Sari-Teppiche entwerfen.

„Die kräftigen Farben der indischen Saris in Rajasthan haben mich so angemacht, dass ich mich auf das Wagnis eingelassen habe. Wegen der heftigen Farben könnte es ein kurzfristiges Projekt sein, aber sicher bin ich mir da auch nicht.“ Die Farben dieser Teppiche springen einen an, tiefviolett, purpur, türkisblau, tiefes Blau, es ist wirklich ein Farbrausch, ohne einfach nur bunt zu wirken. Die Teppiche fühlen sich wunderbar an, haben Flor, und man glaubt es kaum: Der 2,5 mal drei Meter große Teppich besteht wirklich nur aus gebrauchten Saris – und damit aus reiner Seide. „Ich nenne das Up-Cycling, ich möchte aus dem alten Sari etwas machen, das mindestens so hochwertig ist, wie es der alte Sari war.“

Auf dem Secondhand-Kleidermarkt von Bangalore kauft Jan Kath lastwagenweise Seidensaris auf, die er nach Agra transportieren lässt, der einstigen Hauptstadt der Moguln, wo der persische Einfluss unverkennbar ist. Agra ist das Know-how-Zentrum der Teppichknüpfkultur. Die Saris werden dort mit einem gittarreähnlichen Instrument in circa 25cm lange dünne Stoffstreifen zerfetzt und anschließend nach Farben sortiert, mit all den Einschüssen, Goldfäden und Restfarben. Ganz fein säuberlich lassen sich die Farben nicht mehr trennen. Aus diesen dünnen Streifen wird von Hand ein neues Garn gesponnen, aus dem dann Teppiche geknüpft werden. „Bei diesen Teppichen ist der Abrasch viel deutlicher zu sehen und oft blitzt auch hier und da ein ehemals eingewebter Goldfaden hervor, das macht genau den Reiz dieser Teppiche aus.“ Wer solch einen Sari-Teppich sieht, vermag sich nicht vorzustellen, dass er aus gebrauchter Kleidung „upgecycelt“ wurde.

Eine andere Up-Cycling-Serie nennt er „Pimp my Rug“. Rund 500 klassische Perserteppiche aus einem Freilager im Hamburger Hafen wurden günstig ersteigert, mit Wasserstoffperoxyd gebleicht und dann in ein Farbbecken gegeben. „Es ist dabei immer ein Stück Zufall im Spiel, man weiß nicht, was dabei herauskommt“, sagt er. Man erkennt die alten Muster, aber die neue Grundfarbe Grün oder Pink oder Violett dominiert und bricht sich in den alten Farben.

Andere Teppiche sehen so aus, als hätte Jan Kath ihnen noch übler mitgespielt, sie mit Säure verätzt oder geschoren oder sonst wie traktiert. Muster brechen weg, fransen aus. Aber das, was nach Verschleiß und Zerstörung aussieht, ist handgeknüpfte Teppichkunst, Knoten für Knoten. Die Muster entstehen am Computer und werden peinlich genau auf den sogenannten Graphen übertragen, nach dem die Knüpfer arbeiten. Sie sehen den Knoten und die gewünschte Farbe und knüpfen das, was vorgegeben ist, ohne groß über das Muster nachzudenken. „Ein normaler Teppich ist symmetrisch, die Knüpfer müssen nur ein Viertel des gesamten Musters verstehen, um die anderen drei zu wiederholen. Bei dieser Serie müssen sie jedes Viertel genau knüpfen, da es keine Symmetrie gibt. Das macht uns im Moment in der Türkei Probleme, wir suchen gerade nach Alternativen in Afghanistan. Viele andere produzieren heute auch unsymmetrische Muster, aber dass wir die ,Erased Heritage Collection’ singen lassen, ist unique“. Der Vorabreiter singt dabei den Knüpfern die Knoten vor.

Mit dieser Technik ist Kath internationale Avantgarde, da ist er sicher. Und je nach dem, von wo aus man den Teppich betrachtet, ob gegen oder mit dem Flor, erscheint er dunkler oder heller. „Er vibriert“, sagt Kath.

An Ideen fehlt es ihm nicht. Er lässt in einer anderen Serie Teppiche neu knüpfen und so behandeln, dass sie am Ende gebraucht aussehen. Dann bekommen sie mit der Tuft-Pistole eine weitere Ebene, neue Muster werden draufgetagged. So steht beispielsweise Kaths Motto „Make Rugs not War“ in Pink fortlaufend auf einem scheinbar alten Teppich, der so Dreidimensionalität erlangt.

Woher kommen nur die ganzen Ideen? Manchmal sind es die alten Wachstuchdecken und Blechschüsseln der Russen mit ihren knalligen Blumenmustern, die ihn zur farbenfrohen Serie „From Russia with Love“ inspirierten. Auch bei diesen Teppichen gibt es „Störungen“, geknüpfte Linien, die wie eingefräst aussehen und die Symmetrie irritieren.

In einem Büro liegen ein paar quadratische Tücher aus Patchwork und mit grellbunten Fransen. „Die habe ich gerade aus Thailand mitgebracht, das kann noch etwas werden“, sagt er und lächelt wissend. Wahrscheinlich sieht er den Teppich zumindest in Ansätzen schon vor seinem geistigen Auge.

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