MAL FAULENZEN UND NICHTSTUN : Mein Fenster zum Hof

Von meinem Arbeitszimmer aus habe ich eine wirklich tolle Aussicht. Ich sehe viel Himmel, einige sehr schöne Häuser und eine Einfahrt mit einem bunkerartigen Niedrighaus und anschließendem Hinterhof.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Dieser Hinterhof ist für mich nicht nur unversiegbarer Quell der Inspiration, sondern auch plumper prokrastinationsdienlicher Zeitvertreib. Manchmal muss ich mich zusammenreißen, mir kein Kissen zu holen, um meine Unterarme darauf abzulegen, wenn ich am Fenster Posten bezogen habe.

Was ich dort sehe?

Eine etwa 20-köpfige Großfamilie, die sich nicht so gut versteht und deren Verwandtschaftsgrad zuweilen völlig undurchsichtig ist. Dazu besitzen sie einen filzigen, winzigen Köter und diverse Hauskatzen, die von Zeit zu Zeit am Küchenfenster auftauchen. Wenn die Familie sich nicht gerade ganz laut im Hof streitet oder die pubertierenden Kinder sich unter authentischen Bedingungen im Lucha Libre üben, dann grillen sie zu jeder Jahreszeit riesige Würstchenbatterien im Hof oder denunzieren sich gegenseitig bei jeweils älteren Familienmitgliedern für nichtige Vergehen wie dem Urinieren in den Blumenkübel.

Wenn die wüssten, dass oben am Fenster jemand sitzt, der weiß, dass der Thomas dort hineingepinkelt hat und der Toto nun völlig unverschuldet drei Tage Spüldienst macht ...

Neulich dann das unbestrittene Highlight im Hinterhofhaus. Als ich mit meinem Kaffee ans Arbeitszimmerfenster trat, türmten sich im Hinterhof mannshohe Berge an Müll, zerschlissene alte Sofas, zerstörte Elektrogeräte.

Wahnsinn, denke ich. Jetzt wird ein Messi-Nest ausgehoben. Ich schaute mich hektisch um und suchte RTL-Fee Tine Wittler, die mopsfidel aus einer Ecke hopst, Deko-Blumen und selbst gebastelte Kerzenvasen dabei hat und die 20-köpfige Familie sofort in ihren „allerersten!“ Urlaub an die türkische Riviera schickt, von wo sie erst zurück dürfen, wenn alles im neuen Heim mit pastellfarbenen Wandpaneelen ausgestattet ist.

Meine Vermutung wesentlich untermauernd: Kameras wurden gebracht und überall standen Menschen mit Headsets herum, ein paar mit Fernsehvokabeln um sich Werfende bedienten sich an einem eigens angekarrten Catering und wie immer galt die klare Regel: Je niedriger der berufliche Status, desto größenwahnsinniger das eigene Auftreten. Dies wurde mir spätestens klar, als ich ruppig zum Gehen aufgefordert wurde, nur weil ich einige Sekunden (vermutlich mit langem Hals im Bild) stehen blieb, um das Ausmaß der Verwüstung auch mal von der Seite anstatt immer nur von oben zu sehen. Vielleicht der verweste Kadaver einer Hauskatze? Lebensmittelkonserven, deren Verzehrempfehlungen schon so lange abgelaufen sind, dass giftige Fäulnisgase die Dosen gesprengt haben?

Ein paar Nachbarn am Rand, die betroffen schauen und sagen würden, dass man nicht gewusst habe, was sich hinter den maroden Mauern des Hauses abspielt, wären der Sendung sicher zuträglich gewesen. Klar, im Nachhinein fällt schon auf, dass die Familie einen nie hereinbat, wenn man mal eine Zwiebel leihen wollte, aber auf so was kommt man ja nicht. Man könnte vielleicht sogar hier und da mit spitzen Fingern etwas mittragen und auf diese Fernsehbilder würde man texten, dass die ganze Nachbarschaft nun mit anpackt, damit so etwas nie wieder in ihrer Mitte passieren kann.

Es stellte sich dann heraus, dass es sich bei der Großfamilie nicht um Messis handelt, sondern dass ein „Tatort“ gedreht wurde. Für Thomas und Toto habe ich mich sehr gefreut, für mich selber fand ich es ein bisschen schade.

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