Zeitung Heute : Mal gucken, ob es uns noch gibt

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Man könnte sagen, die New Economy stirbt mit Spaßfaktor. Eine Insolvenz bringt hundert Punkte. Entlassungen, verlorene Aufträge und sonstige mittlere Katastrophen immerhin noch zwanzig. Und wer am Ende der Woche die meisten hat, hat gewonnen.

Die Gerüchteseite www.dotcomtod.de ist nach ihrem Start zur Cebit 2001 schnell zu einer Institution in der Branche geworden. Mitarbeiter und sonstige Brancheninsider beschreiben hier nicht ohne Häme die neuesten Flops der letzten noch vorhandenen Dot-Com-Unternehmen – mit Wut im Bauch, im Bemühen um Transparenz oder auch einfach nur im Kampf um Punkte im seiteninternen Insider-Ranking.

Das Ergebnis liest sich ausgesprochen unterhaltsam: Die Verkündung des Endes von Kirch Media gibt es als mp3-File, letsbuyit.com wird angesichts neuer Pleite-Gerüchte in letsdoitlikekirch.com umgetauft, und im gleichen Forum erkundigt sich ein User ns „owen meany“ fast schon mitfühlend nach dem weiteren Schicksal des selbst ernannten Superhackers „Kimvestor“ Kim Schmitz. Nach der auf der Seite selbst aufgebauten Legende steckt hinter dem Konzept eine gewisse „Lanu“, Hausfrau aus Berlin, deren Gatte den Träumen der New Economy auf den Leim gegangen ist – und nun samt wertloser Aktienoptionen zu Hause auf der Couch sitzt und den Kindern auf die Nerven geht.

In Wirklichkeit stehen hinter dotcomtod drei Menschen mit intensiver Branchen-Sozialisation. „joman“, einer der Gründer etwa ist nach diversen Jobs als Marketing- und Vertriebsmann in der New Economy nun selbstständig und Sprachrohr von dotcomtod.de – und streitet jeden Anflug von Gehässigkeit im Charakter vehement ab: „Letzten Endes hat es zwar alle Unternehmen erwischt, bei denen ich mal gearbeitet habe, und das hat auf der Seite auch stattgefunden. Aber da habe ich mich sehr zurückgehalten.“ Gleichzeitig verweist der 37-Jährige darauf, dass die wenigsten Mitteilungen überhaupt aus Rache von geschassten Mitarbeitern verfasst werden: „Die schreiben dann einmal und nachher nie wieder.“ Deutlich bessere Quellen seien Journalisten mit Blick auf die Branche, die immer wieder neue Informationen aufschnappten.

Meckern und Maulen

Insgesamt gut 20 User gehörten zum ganz harten Kern. „Wir veröffentlichen generell keine Beiträge, in denen nur gemeckert und gemault wird“, betont „joman“. „Wir wollen Fakten haben.“ Mit dem Konzept von dotcomtod.de handelt man sich zwangsläufig Ärger ein: Frogdesign etwa, einstmals renommierte Agentur, versuchte nach einigen Hinweisen bezüglich einer bevorstehenden Insolvenz nicht mit einer akribischen Untersuchung des eigenen Rechnersystems der undichten Stelle auf die Spur zu kommen, sondern bedrohte das Portal zumindest via Medien mit rechtlichen Schritten. „Leider haben wir zu denen keinen Kontakt mehr“, bemerkt „joman“ süffisant dazu: „Wir haben ihnen wirklich unsere Hilfe angeboten. Schließlich haben sie für uns die bisher beste PR-Aktion gemacht.“

Auch bei den Firmencrashs von ID Media in Hamburg und ID TV waren dotcomtod-Leser früher informiert als die Nutzer klassischer Wirtschaftsmedien. Über rechtliche Aspekte und die Gefahr instrumentalisiert zu werden habe man sich am Anfang kaum Gedanken gemacht, so „joman“: „Inzwischen befragen die Medien ja genug Rechtsexperten, so dass wir das nicht mehr tun müssen.“ Für ein Mindestmaß an Sicherheit versucht man dadurch zu sorgen, dass bei neuen Kontakten grundsätzlich nachgefragt wird, woher die Informationen stammen und ob sie belegbar sind. Kommt binnen 24 Stunden keine Antwort, geht der Beitrag nicht online.

Er selbst sei vor allem deshalb dabei, so „joman“, um zu sehen, wie weit man die Idee von dotcomtod mittels geeigneter PR-Maßnahmen treiben könne. Dabei ist die Seite komplett werbefrei. Gerademal T-Shirts mit dem dotcomtod-Logo werden verkauft. Das meiste sei Privatinitiative und privates Geld. Zwar gebe es Sponsoren, doch wollten die aus Rücksicht auf Geschäftskontakte ungenannt bleiben. In Zukunft müsse man sich aber in Sachen Sponsoring doch mal um die Randgebiete der Branche bemühen, „um Pizza-Hersteller oder Brauereien zum Beispiel“. Bleibt die Frage nach der Zukunft von dotcomtod.de: Wird man sich eines Tages als letzter „Boo“ auf der eigenen Seite wiederfinden? „Es ist mir schon unheimlich, dass alle sterben und die Seite, die sich auf das Sterben konzentriert, immer größer wird. Wir hoffen, dass uns diese Grauzone noch lange erhalten bleibt.“Kai Kolwitz

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