Zeitung Heute : Mal richtig lüften

Helmut Schümann

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Paul schläft. Paul schläft lange, weiß Gott. Als der Vater schon nicht mehr Pubertist war, begrüßte ein Radiosprecher seine Hörer mit den Worten: „Guten Tag, meine Damen und Herren, guten Morgen, liebe Studenten.“ Das war das Signal für den Vater, aufzustehen. Dem Vater ist also nicht ganz fremd, was Paul derzeit erschläft.

Wenngleich Paul übertreibt. Es sind Ferien, Paul ist mit dem Vater und der Mutter auf dem Acker mit Ruine, aus dem inzwischen eine Wiese mit Hütte geworden ist und mal ein Garten mit Haus werden soll. Paul hat gesagt, er hilft beim Bauen. Aber wenn Paul aufwacht, ist Mittagspause im Dorf, und es darf kein Lärm gemacht werden. „Ich würde ja gerne“, sagt Paul dann. „Mhngmanney“, sagt der Vater.

So geht das seit Tagen. Nun, da der Sommer endlich gekommen ist, bleibt Paul auch in seinem Zimmer. Das Zimmer hat Fenster. Die könnte man öffnen. Paul tut das nicht. Entsprechend riecht es im Zimmer. „Paul“, sagt die Mutter, „die Sonne scheint, es ist Sommer, es ist warm draußen.“ Aber das nützt nichts. Paul schläft. Warum tut er das?

Wahrscheinlich träumt Paul. Vor kurzem war mal was mit Babette. Das ist vorbei. Der Vater hatte gleich gesagt, mit dem Namen ginge eigentlich nichts. „Ha, ha“, hatte Paul gesagt, „war da nicht mal was in deinem Vorleben mit einer Frau, die Bilder aus Salzgebäck an der Wand hatte?“ Ja, ja, hatte der Vater gesagt, das ging auch nicht. „Männergespräche gehen auch nicht“, hatte die Mutter gesagt, „erst recht nicht, wenn die Sonne den Herren das Hirn aufgeweicht hat.“ Paul protestierte. „Na, hör mal, was würdest du sagen, wenn Papa kurze Hosen anhätte, Sandalen und Söckchen?“, rief er. „Dann wäre er nicht dein Vater“, sagte die Mutter. „Na, also“, sagte Paul, „geht auch nicht.“ Worauf Paul hinaus wollte, blieb unklar. Wahrscheinlich darauf, dass er möglichst lange im Bett bleiben müsse, um keine kurzen Hosen sehen zu müssen. So ein Pubertist findet ja die absonderlichsten Gründe für seine Faulheit.

Dann ist die Mittagspause vorbei und Paul könnte Lärm machen. „Aber doch nicht am Wochenende“, sagt Paul. Der Vater stöhnt.

„Na gut", sagt Paul, „wenn es dir so wichtig ist, komme ich halt raus und lege mich im Freien in den Liegestuhl.“

Raus, an die Luft, solange sie trocken ist.

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