Malerei : Mein Leben in Acryl

Im Keller entstehen ihre Landschaftsbilder, der Rest des Hauses dient als Galerie. Margit Meister malt ihre Naturwelten nach der Fantasie. Dafür muss sie nicht vor die Tür. Ein Hausbesuch

Deike Diening

Als sei ein Bild vor allem ein Einfall des Lichts, bestehen Künstler auf ihren Reisen ins Blaue: Gauguin fuhr in die Südsee, Monet, Pissaro und Cézanne tüpfelten unter dem freien Himmel der Normandie, Matisse, Seurat, Picasso und Renoir fuhren an die Côte d’Azur, wo das Licht bekanntlich blauer ist als anderswo. Sie trafen sich an der Küste und huldigten ihrer Farbe. Institute legten Stipendien auf, um mittelarme Künstler an die Strände des Lichts zu bringen.
Margit Meister, Malerin aus Hamburg, steht in ihrem Ausstellungs- und Verkaufsraum, und die Bilder werfen viel Blau zurück in den Raum. Bei jedem Wimpernschlag blitzt blauer Schatten auf ihrem Lid. Und um dieses Blau zu malen, muss Meister ihr Haus gar nicht verlassen. Sie malt unten im Keller, wo ihr Atelier liegt. Ohne Fotovorlagen, aus Innerlichkeit und Farbe, entstehen Landschaften, Bergpanoramen, Meeresstimmungen und Wasserwelten. Topografien, die es nur in ihrer Fantasie gibt, und die sie „Naturkonstruktionen“ genannt hat.
Es ist Meisters ganz spezielles Insourcing. Vor gut zwei Jahren hat sie es gewagt: Sie mietete diese großzügigen Räume, für die sie noch gar nicht genug Bilder hatte. Es sollte nun möglich sein, an einem Ort mit den Bildern zu leben, sie dort zu malen, zu hängen und sie dort auch auszustellen und zu verkaufen. Eine physische Einheit von Leben, Arbeit und Werk.
Meister, aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie, hat dieses Streben nach Unabhängigkeit im Blut. Sie mag autarkes Wirtschaften. Es deckt sich mit einem Streben nach künstlerischer Autonomie. Es ist das Ideal des freien Künstlers, der sein eigener Kosmos ist, seine eigene Welt. Sie hatte bis dahin immer frei gearbeitet als Grafikerin – und keine Angst davor, mal drei Monate nichts zu verdienen. Im Verhältnis zu anderen Leuten schien ihr ihre Existenzangst zähmbar. Es war der große William Turner, der in England 1804 als erster seine eigene Galerie an sein Haus anbaute, sagt Meister.
Damit sie selbst überhaupt genug Bilder haben würde für dieses gewagte Vorhaben, nutzte sie die Inspiration einer Bewegung aus den USA: „A painting a day“ – sie würde sich selbst verpflichten, jeden Tag ein Bild zu malen und dies im Netz zu veröffentlichen und in ihrer Galerie auszuhängen.
Dann ist das heutige Bild an der Reihe: 13x18, Acryl. Im Keller, zwei Fenster zum Hof, aber das meiste Mittagslicht entströmt zwei Neonröhren. Die Heizung rauscht, als wäre kein Sommer, aber hier unten ist es so kalt, dass Meister immer ihren wollenen Malmantel trägt. Sie steckt die Linke in die Manteltasche, und die Rechte malt: zwei Bäume, Himmel und Wolken, deren Echo im Teich. Dann wird aus dem Teich ein Weg, ein Strom.
Gibt es einen Ausdruck ohne Eindruck?
Jazz läuft. Beim Malen hört sie Hörbücher, zuletzt Klaus Mann, „Der Wendepunkt“. Sie malt zwischen einer halben und mehreren Stunden. Tatsächlich ist es wohl so, dass ihre Eindrücke nur weiter zurück liegen, sich in ihrem Innern anhäuften. Sie stammen aus ihrer Kindheit, sechs Wochen mit ihren beiden älteren Brüdern sommers an der Nordsee. Sie stammen von einer Alpenüberquerung, bei der sie gefrorene Hänge auf dem Hosenboden herunterrutschte. Bei Radtouren und Spaziergängen addieren und überlagern sich immer neue Naturszenen.
Im Studium hat sie auch mal draußen gemalt. Aber draußen, sagt Meister, fühlt sie sich der Realität zu sehr verpflichtet. Da fühlt sie sich nicht frei genug, Dinge einfach wegzulassen. Es geht ihr um das Wegnehmen, darum, was man alles nicht braucht und den freien Blick, den man dabei gewinnt. Sie malt eine Hafenansicht, übermalt sie, Berge, die sie wieder übermalt. Sie nimmt auch das weg, was sie vorher selbst hingemalt hat. Margit Meister ist dann, so vertieft, in jedem Sinne bei sich. Und zugleich bei sich zu Hause. Hinter dem Heizungsrohr klemmt die Rosenschere. „Es geht um Geborgenheit“, sagt sie. Wenn jemand ihr sagt, „ich bin gerade in deinem Bild spazieren gegangen“, fühlt sie sich erkannt. Sie ist keine von denen, die sich vor Festlegung fürchten oder vor Ritualen. Im Gegenteil. Rituale, feste Wurzeln sind kein Zeichen davon, dass einer stehen bleibt, sondern dafür, dass einer seinen Platz gefunden hat. „Ich bin ganz oldschool“, sagt sie. Kein Fernseher, kein Blog. Stattdessen ein Zuhause in 3-D.
Die Bilder wandern nun, real geworden, durch ihr Leben und Wohnen: Sie entstehen unten im Atelier, kleinere Sachen auch mal oben in der Wohnung. Dann hängt sie sie an ihre Wände, lebt ein bisschen mit ihnen, verändert sie wieder, übermalt etwas, hängt sie in den Ausstellungsraum und verändert manchmal nach einem halben Jahr noch etwas. „Richtig fertig sind sie erst, wenn sie ausgeliefert sind.“
Auch das macht sie selbst. Sie packt sie in ihren Kangoo und fährt sie zu den Kunden. „Anders als Künstler, die einen Galeristen haben, kenne ich meine Kunden alle persönlich.“ Sie kennt die Wohnlandschaft, in die sich ihre Landschaft nun einfügt. Sie weiß, wo ihre Bilder perspektivischer Fluchtpunkt einer städtischen Sofaecke sind. Wenn sie jetzt durch Hamburg fährt, sagt sie: Dort oben hängt die Bergszene. Und hier der „Seeblick auf der Reise nach Föhr“.
Dass auf diese Weise auch die Stadt ihr Zuhause wird, diese enge Verflechtung von Leben und Arbeiten, Stadt und Wohnen, das ist ihr Ideal. „Dieser Ort hat mehrere Wünsche auf einmal befriedigt“, sagt sie. Weil sie zum Beispiel immer schon fand, dass es im städtischen Raum zu wenig Bänke gebe, hat sie erst mal eine vor ihren Ausstellungsraum gestellt, da sitzt sie dann und wird ihrerseits Teil der städtischen Landschaft, Hamburg-Hoheluft Ost, Grenze zu Eppendorf.
Und sie sieht: Ein Patient der Psychotherapeutin nebenan raucht vor seinem Termin immer draußen eine Zigarette. Angestellte Mädchen reißen sich in sonnigen Mittagspausen die Blusen vom Leib. Gegenüber lagert eine Familie abends auf der Treppe vor ihrer Tür. Sie ist oft genug daheim, um zu wissen, auf wie viele Arten das Licht über den Tag durch ihre Wohnung wandert.
Manchmal trauen sich Leute nicht in ihre Galerie. Manchmal sehen sie ihre Bilder und interpretieren ihre Verfassung an dem Tag, als es gemalt wurde. Manche sagen: Sie malen Landschaften? Sie sind doch noch so jung... Meister weiß dann gar nicht, ob 43 jung ist.
Margit Meister schließt jetzt jeden Abend sieben Türen ab. Die zur Galerie, die zur Wohnung, die zum Atelier, die zu den Balkonen und zum Garten. Ihre Wohnlandschaft führt über Treppen hinauf und hinunter. Das Licht bestimmt sie selbst. Aus der Malweise ist eine Lebensweise geworden.

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