Malerei : Wie ein Berliner Kommissar den größten deutschen Kunstfälscherskandal enthüllte

"Das Gemälde ist tadellos", sagte Henrik Hanstein, Geschäftsführer des Auktionshauses Lempertz im Juli 2008 über das „Rote Bild mit Pferden“. René Allonge lieferte den Gegenbeweis.

Kommissar René Allonge hat 8000 Seiten Ermittlungsakten gegen Beltracchi zusammengetragen. Das Bild in seiner Hand ist eine Fälschung.
Kommissar René Allonge hat 8000 Seiten Ermittlungsakten gegen Beltracchi zusammengetragen. Das Bild in seiner Hand ist eine...Tsp

René Allonge löst die Paketklebestreifen und schält das Bild aus seiner Luftpolsterverpackung. Obwohl das Bild die 6,2 Millionen US-Dollar nicht mehr wert ist, die der letzte Besitzer dafür gezahlt hat, ist er vorsichtig.

Hier, auf der Rückseite, der Rahmen zum Beispiel: Die Ecken sind stumpf miteinander verbunden, so, wie Rahmen in Frankreich gefertigt werden. Der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi hat sie sich auf den französischen Flohmärkten besorgt, wo er von seinem Haus im Languedoc aus gut hinkam. Dann hat er aber auch einen vermeintlich deutschen Pechstein auf so einem Rahmen gefälscht: Dabei fügen die Deutschen ihre Eckverbindungen auf Gehrung, das heißt im 45-Grad-Winkel zueinander.

So einfach ist es, eine Fälschung zu erkennen?

„Natürlich.“ Der Kommissar lacht. „Das ist so offensichtlich wie alles, was man hinterher weiß.“

Allonge hält den falschen Fernand Léger, „Kubistisches Stillleben“, gegen die Deckenlampe: die Leinwand, extrem dünn und an Stellen durchscheinend, zeigt, dass der Stoff abgeschliffen wurde, um ihn dann neu bemalen zu können. Die Farbe müsste im angegebenen Alter eigentlich gerissen sein. Er weist noch auf einen absichtsvollen Schreibfehler hin, den auch der echte Maler nachweislich einmal gemacht hat: „Das diente der Ablenkung.“ Die ganzen zusätzlichen Notizen und Sammlungsaufkleber, mit denen Beltracchi seine Bilder versehen hat, haben zusammen immer eine gute Geschichte ergeben. Diese Geschichte hat Jahrzehnte die Kunstwelt geblendet.

Als Allonge das Bild auf den Besprechungstisch im Berliner LKA am Tempelhofer Damm sinken lässt, ist Beltracchi entzaubert und die Aura um das vermeintlich alte Bild verflogen. Stattdessen gerät das Understatement aller Behörden wieder in den Blick: die Pinnwand mit Bildern der aktuellen Kunstdiebstähle, die Lebkuchenschale. Nur Kühlschrank und Kaffeemaschine sind antik.

Kriminalhauptkommissar René Allonge, 38, Kommissariat 454, hat im größten Kunstfälscherskandal der deutschen Kriminalgeschichte, im Fall Beltracchi, die Ermittlungen geführt. Er weiß, dass die meisten Kunstexperten Bilder nach ihrer Vorderseite beurteilen, dass aber die Lösung für den Fall Beltracchi auf deren Rückseite zu finden war. Er hat 8000 Seiten Ermittlungsakten plus Unterordner zusammengetragen und 168 Zeugen ermittelt, er hat 53 fragliche Bilder bis Singapur, Spanien und Japan verfolgt und Beltracchi im Gefängnis besucht, um ihm eine Speichelprobe zu entnehmen, weil sie auf einem seiner Bilder ein menschliches Haar gefunden hatten, das mit der Farbe verstrichen war. Er hat seine Leute nach Andorra geschickt, wo Beltracchi sich in einer angemieteten Wohnung so sicher gefühlt hatte, dass er Quittungen über Millionenbeträge herumliegen ließ. Wenn überhaupt einer die Summe aller Irrtümer von Experten und Privatleuten beurteilen kann, dann ist es Allonge.

Der schließt das Bild wieder in seine Asservatenkammer ein, Abteilung „Kunstdelikte“, die er leitet. Hinter der Doppeltür werden Bilder aus dem Fall Beltracchi neben zwei gefälschten Kippenbergern und diversen anderen Fälschungen aufbewahrt.

Nur drei solcher spezialisierter Dienststellen ermitteln in Deutschland in diesem extrem diskreten Markt: München, Stuttgart und Berlin. „ Alle sind einander bekannt“, sagt Allonge: die Galeristen, die Geschädigten, die Händler, die Auktionshäuser, die Sammler, die Experten und die Ermittler. Sie wechseln nur die Rollen von Käufern zu Verkäufern, von Getäuschten zu Täuschern, von Geschädigten zu Schuldigen.

Allonge, optisch auch als Galerist denkbar, vom Wesen gewinnend, hat nie Kunstgeschichte studiert. Und war deshalb auch nie darauf angewiesen, Bilder zu beschreiben und Pinselstriche zu interpretieren. Dafür ist er dankbar. Der Diplomverwaltungswirt, seit 19 Jahren bei der Kripo im Dienst, sagt: „Man reduziert sich.“ So ohne Kunststudium. Und zwar auf die Fakten.

Sein Handwerkszeug sind die Ausstellungs- und Auktionskataloge, Abhörprotokolle, Kontoauszüge, Mietverträge, Unterschriften. „Provenienz ist was zum Anfassen und Überprüfen.“ Provenienzforschung bedeutet die Klärung der Herkunftsverhältnisse. Mit „gesamter Stärke“, also neun Ermittlern plus deren Überstunden, haben sie eine Liste von 53 Bildern zusammengestellt, die Wolfgang Beltracchi gefälscht haben soll. Und sie kamen damit weiter als die Experten.

 Am 17. Juni 2010 erstattete ein Firmenkonsortium Anzeige, das 2006 für das „Rote Bild mit Pferden“ des Expressionisten Heinrich Campendonk 2,8 Millionen Euro an das Auktionshaus Lempertz gezahlt hatte. Farbuntersuchungen hatten das Bild als Fälschung entlarvt. Am 25. August wurden mehrere Wohnungen durchsucht, zwei Tage später das Ehepaar Beltracchi verhaftet. „Dazwischen haben Beltracchi und sein Helfer Schulte-Kellinghaus angefangen, immenses Vermögen zu verschleiern.“ Am 16. September war ein Kollege aus Berlin mit der Gendarmerie in Südfrankreich. Ende Oktober waren sie in Andorra. Aus dem abgehörten Telefonat Beltracchis mit seinem Sohn in Freiburg, („Bring den Rechner raus!“) konnten sie die deutsche Adresse ermitteln.

Allonge, der in der vierten Klasse für ein blau gemaltes Pferd eine Fünf bekommen hat, lehrt jetzt die Fälscher das Fürchten. Als unabdingbare Fähigkeiten nennt er das Erkennen von Zusammenhängen, die Gabe, daraus Schlüsse zu ziehen, das Abschätzen von Plausibilitäten und das konsequente Anhäufen eines Erfahrungsschatzes: Sonst erkenne man einen bedeutenden Fund gar nicht. Außerdem interessieren ihn Naturwissenschaften. „Mit viel Freizeit und Privatvermögen“, samt einer Jahreskarte für die Berliner Museen, hält Allonge sich auf dem Stand.

„Solange wir nicht da sind“, sagt Allonge und meint das LKA, laufe das System Kunstwelt hervorragend. Solange niemand von außen eine Fälschung nachweist, funktioniert ein wertsteigernder Kreislauf aus Echtheitsexpertisen, Auktionen, Leihgaben für Museen und weiteren Verkäufen.

Warum aber haben die Experten nicht früher Alarm geschlagen? Einige Fälschungen wurden ja erkannt. „Mal angenommen, man ist Experte. Man hat über Jahre Bilder positiv bewertet. Es gibt keinen Protest. Der Künstler ist tot.“ Würde man nicht mit der Entlarvung einer Fälschung auch seinen Ruf aufs Spiel setzen?

Solange es keiner weiß, haben alle nur Vorteile, erst wenn eine Fälschung bekannt wird, muss eine Kette von Verkäufen rückabgewickelt werden.

Es war eine Ironie der Geschichte, dass die Sympathien im nur neuntägigen Prozess in diesem Jahr auf der Seite des Fälschers lagen. Zeitungen forderten einen Platz im Museum für seine Bilder. Beltracchis Beitrag zum Diskurs um das künstlerische „Original“ sei nicht zu unterschätzen. Außerdem habe er nicht nur kopiert, sondern im Stile des jeweiligen Malers „Originale“ komplett dazuerfunden. Es war geradezu, als hätte Beltracchi eine Beweisführung unternommen, nämlich die, dass der Kunstmarkt korrupt, geldgeil und zugleich uninteressiert und ahnungslos ist. War nicht er derjenige, der etwas entlarvte?

Trotzdem, sagt Allonge, sind ja 35 Millionen Euro Schaden entstanden. „Und das ist erst der Teil, den wir kennen.“ Allonge glaubt, seine Verantwortung bestehe auch darin, die Täuschung von Museumsbesuchern zu verhindern.

Das Beweisfeuerwerk, bestehend aus Kontoauszügen, Katalogen und Abhörprotokollen, das Allonge vorbereitet hatte, wurde vor Gericht nicht gezündet. Unberührt standen da die Akten im Hintergrund, während der Deal durchgebracht wurde, auf den man sich vorher verständigt hatte: Der Fälscher gesteht das schwer nachzuweisende Verbrechen des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, dafür wird er nur für die Bilder bestraft, die in diesem Verfahren zur Debatte stehen.

Alle Beteiligten hatten sich ein letztes Mal für die Erzählung entschieden. Sie wollten lieber die Geschichte aus dem Mund des Betrügers selbst hören, als die dürren Fakten. Beltracchi hat sechs Jahre gekriegt, seine Frau Helene vier. Auf den Aktendeckeln der Berliner Behörde kann man tatsächlich ankreuzen: Geschichtlich wertvoll Ja/Nein.

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