Malle bleibt Malle : Gentrifizierung des Ballermanns

Ich war noch nie am Ballermann. Und plane auch nicht, mir dort jemals die Kante zu geben. Ballermann-Ignoranten kann es eigentlich egal sein, dass der Ballermann gentrifiziert werden soll. Darauf läuft es hinaus, wenn umgesetzt wird, was der Vizebürgermeister von El Arenal, Alvaro Gijon, sich wünscht: Luxushotels, Spielcasinos, exklusive Strände sollen die Saufgelage austrocknen, sollen anderes, reiches Publikum anlocken. Das trinkt vielleicht nicht mit Strohhalmen aus einem Eimer für alle, aber ob das auch weniger schlürft?

Die vermeintliche Aufwertung des Ballermanns wird alle Jahre wieder diskutiert, mindestens seit Jürgen Drews dort den Affen und König von Mallorca macht. Das macht er ungefähr seit hundert Jahren. Dabei wäre Mallorca schon ein bedeutsames Stück geholfen, wenn man Drews mal Zepter, Hermelin und vor allen Dingen das Mikrofon wegsperren würde. Will sagen: Ein bisschen Gentrifizierung könnten El Arenal und Balneario 6 schon vertragen. Auch wer, wie ich, noch nie am Ballermann war und auch nicht vorhat, daran etwas zu ändern, rutscht doch bei Bildern von dort umgehend ins Fremd-Schämen.

Vielleicht ist das etwas schnöselig all denen gegenüber, die es superaffengeil finden, Sangria aus Kübeln bis zum Stillstand der Augen zu saugen und dabei zu grölen, bis die Stimmbänder versagen, aber den Vorwurf nehme ich hin.

Das sind ja nicht wenige. Und „Bild“, das Fachblatt für den sanften Insel-Tourismus, hat schon mal einige am Strand gefunden, für die Malle ohne Eimer nicht mehr Malle ist und die dann woanders hinfahren. Wohin steht noch nicht fest. Von anderen Gentrifizierungsprojekten weiß man, wie solche Sachen ablaufen. Erst kommen die Kreativen. Die besetzen Wohnungen, in diesem Fall dürften es Appartements sein, die für den gewöhnlichen Malletrinker unbezahlbar werden. Dann hocken sie in den Cafés rum, in denen die Getränkekarte aufgehübscht wird durch Spritz Aperol. Den trinkt man nicht aus Eimern. Und wenn doch, auch die Kreativen wollen mal die Sau rauslassen, dürfte er reichlich teuer sein. Ob der Vizebürgermeister von El Arenal all diese Folgen wirklich bedacht hat? Am Ende solcher Umgestaltungs- und Aufwertungsprozesse ist die neue Klientel da. Man kennt es aus Eppendorf, Schwabing, Prenzlauer Berg, und man erkennt seine Vertreter an Wohnwagen für die Kinder hinterm Fahrrad. Spätestens dann wird der Vizebürgermeister von El Arenal sagen, dass er doch nur ein Sommerloch hatte füllen wollen.Helmut Schümann

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