Zeitung Heute : Malta: Mehr als nur eine achäologische Tragödie

Anne-Kathrein Teubner

Manchmal fallen Frauen beim Anblick des "Allerheiligsten" in Ohnmacht. Das hat Joseph Farrugia, Fremdenführer im maltesischen Untergrund-Heiligtum Hypogäum schon erlebt, und er sieht die weiblichen Mitglieder der Gruppe erwartungsvoll an, ob vielleicht eine von uns dem Zauber dieses Ortes erliegt und umkippt. Hier, auf der zweiten, wie Joseph sagt, "weiblichen" Ebene des vor etwa 5600 Jahren über drei Etagen und über zehn Meter tief in Kalkstein gehauenen, unterirdischen Labyrinths zweifelt kaum einer daran, dass es nicht nur eine Begräbnisstätte barg. Vielleicht doch ein der Erdmutter geheiligter Tempel mit "Orakelraum"? Welchen Sinn hatten die in Ocker an die Wand gemalten Spiralen? War die Nische rechts ein Opferraum, ein Ort ritueller Reinigung? Wurden in einer tiefen Grube Schlangen gehalten? "Viele Geheimnisse werden wohl nie gelöst", resümiert unser Begleiter. Was er während des Rundgangs erzählt, ist eine Mixtur aus eigenen Überlegungen und Hypothesen der Archäologen, die bis heute über die Bedeutung des Hypogäums rätseln.

Auch für Anthony Bonanno bleiben "viele unbeantwortete Fragen". Sicher sei die unterirdische Anlage aus der Jungsteinzeit ein Friedhof gewesen, darauf deuteten etwa 7000 Skelette hin, die gefunden wurden. "Aber es gibt auch Teile, die an Tempelarchitektur erinnern", sagt der Archäologieprofessor an der Universität von Malta. Das Gespräch findet in seinem Büro in einem traditionellen, restaurierten Bauernhaus statt - weitab von den modernen Gebäuden des Campus. Unten, im weinumrankten Innenhof sortieren Studenten Funde der jüngsten Ausgrabungen.

"Unglücklicherweise wurde das Hypogäum etwas zu früh entdeckt, ein oder zwei Jahrzehnte später hätte man professioneller und sorgfältiger ausgegraben und die Funde, wie etwa bei den Tarxien-Tempeln, sorgfältig registriert", sagt der Wissenschaftler. Aus heutiger Sicht mutet die Entdeckung des auf der Welt einzigartigen, urgeschichtlichen Höhlenlabyrinths also wie eine archäologische Tragödie an. Nachdem ein Arbeiter im Jahr 1902 beim Bau einer Zisterne im Wohnviertel Hal Saflieni zufällig die unterirdische Anlage entdeckte, dirigierte ein Kirchenmann namens Father Magri die Ausgrabungen. Seine unwissenschaftliche Methode schmerzt Experten noch heute. So hat Magri keinerlei schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen. "Wir haben herrliche Funde, aber wir wissen nicht, wo sie lagen. Nicht einmal der Fundort der weltberühmten Sleeping Lady ist bekannt." Das Tonfigürchen könne eine Göttin oder Priesterin darstellen, von seiner Größe her - es ist zwölf Zentimeter lang und kann in Originalgröße auf einer Postkarte abgebildet werden - handele es sich aber eher um eine Grabbeigabe, "vielleicht für ein Kind". Unbeantwortet bleibt für den Archäologieprofessor auch die Frage, ob alle Artefakte geborgen wurden: "Alles, was wir wissen, ist, dass Father Magri am Ende eines Ausgrabungstages den Arbeitern sagte, was sie aufheben und was sie zerstören sollen." Was übrig blieb, ist heute im Archäologischen Museum in der Hauptstadt La Valletta zu bestaunen.

Erst 1991 wurde das Hypogäum, neun Jahre zuvor von der Unesco zum Weltkulturerbe deklariert und im Zuge des Massentourismus zum Besuchermagnet avanciert, für die dringend notwendige Restaurierung geschlossen. Algen hatten sich auf den Wänden ausgebreitet und drohten die ockerfarbenen Ornamente zu zerstören. Doch das war nicht der einzige Grund. Mit Schaudern erinnert sich Fremdenführer Joseph Farrugia daran, wie damals "ganze Busladungen Touristen durchgeschleust wurden, manche in die Ecken urinierten und die Dekorationen an den Wänden beschädigten." Damit hat es nun ein Ende.

Nach der lange währenden Restaurierung, die umgerechnet zehn Millionen Mark kostete, wurde das Höhlenlabyrinth kürzlich für das Publikum wieder eröffnet. Heute dürfen nur maximal zehn Besucher pro Rundgang auf der festgelegten Route teilnehmen. Mehr als 200 Menschen pro Tag sollen es keinesfalls sein, heißt es. Um Schäden durch menschliche Ausdünstungen und erneutem Algenbefall vorzubeugen, wurden eine Klimaanlage installiert, die für eine konstante Temperatur von 19 Grad Celsius sorgt, und eine computergesteuerte Lichtanlage eingebaut.

Für Anthony Bonanno ist die Rettung des Hypogäums erst ein Anfang, denn es gebe noch eine Menge zu tun, um das "archäologische Paradies Malta" mit seinen zahlreichen Kulturschätzen auch späterer Epochen zu retten. Besorgt beobachtet er die ungehemmte Bautätigkeit vor allem auf der Hauptinsel, über die sich der Löwenanteil von jährlich 1,2 Millionen Urlaubern ergießt. Mit zwei Fahrzeugen pro drei Einwohner hat die Verkehrsdichte Schrecken erregende Ausmaße erreicht. Nur ein Viertel aller Gebäude sind an ein Kanalisationsnetz angeschlossen. Wilde Müllkippen verschandeln die Natur und machen sich bereits in Wohngebieten breit. "So, jetzt muss Schluss sein", fordert der Professor. "Wir zerstören die Quelle unseres Tourismus."

Als Präsident der Nichtregierungsorganisation Din l-Art Helwa kämpft er mit deren tausend Mitgliedern um die Bewahrung des nationalen Erbes. Obwohl die NGO (Non-Government Organization - regierungs-unabhängige Organisation) seit ihrer Gründung im Jahr 1965 schon 18 historische Bauten, wie den mittelalterlichen Wignacourt-Turm, vor dem Verfall retten konnte, gab es seitens der Regierung bisher kaum Anerkennung, klagt Bonanno. Sie räume Din l-Art Helwa keinen Rechtsanspruch auf Objekte ein und behindere die Aktivitäten der NGO durch eine unglaubliche Bürokratie. "Wir fordern kein Geld, sondern ganz einfach die Genehmigung zu arbeiten", zitierte ihn kürzlich die auf Malta erscheinende "Times". Anlass des Interviews war die Gründung des Tourism Industry Heritage Fund auf Initiative von Din l-Art Helwa.

Mit von der Partie ist auch die maltesische Tourismusbehörde, die zum Auftakt ganze 200 Maltesische Pfund (tausend Mark) spendierte. Vielleicht macht ja die Tourismusindustrie, die zwecks Bau von Hotel- und Appartementanlagen offensichtlich weniger bürokratische Hürden überwinden muss als engagierte Bürger für die Rettung historischer Bauten, ihren Einfluss geltend.

Ins Visier genommen haben die Denkmalschützer schon die vom Verfall bedrohten Römischen Bäder in Ghajn Tuffieha und die Church of Victory auf Malta, den weithin sichtbaren mittelalterlichen Wachtturm auf Comino sowie den prähistorischen Tempelkomplex von Hagar Qim, Heimstatt der kopflosen "Venus von Malta". Die Megalith-Tempel von Hagar Qim, herrlich auf einer Anhöhe zwischen Feldern und Meer im Südwesten Maltas gelegen, wurden etwa 3000 Jahre vor Christus in einer Technik gebaut, die tausend Jahre später in Mykene angewendet wurde. Noch ist Hagar Qim, wie andere urgeschichtliche Tempel - etwa der von Tarxien - von hässlichem Maschendraht umgeben. Bleibt zu hoffen, dass die Malteser ihre einzigartigen Kulturdenkmäler bald attraktiver präsentieren.

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