Zeitung Heute : Malzeit

F.W. Bernstein

I. Bäume Ja, Bäume, SEINE Bäume, sie werden in der Pracht ihres Laubwerks anrauschen, einzeln und in großartigen Wäldern, IHM zu gratulieren. Denn siehe: Michael Sowa wird 60. Und wenn er nicht selber feiert, wird er gefeiert, nicht zu knapp. Unter Bäumen, auf hoher See, im Gebirg oder in grünlichen Stuben – wo auch immer. Denn all dies und viel mehr hat er erschaffen und es ist wohlgetan.

Über Bäume will ich reden, ihn zu ehren, über das wildbewegte Meer und das felsige Gebirg, eins nach dem andern.

„Bilder aus zwei Jahrhunderten“ hieß ein früher üppiger Bildband. Im Vorwort von Robert Gernhardt ist die Rede vom „sehr persönlichen Geheimrezept“ nicht nur der „Frühen Bilder“: jener „Mischung von Realistik, Romantik, Phantastik, Drastik und Komik…“ Und Gernhardt, der Bewunderer, zitiert seinerseits aus einem Brief Sowas: „… früher habe ich oft mit Himmel und Horizont begonnen; stimmte erst mal das eine, würde sich das andere schon finden... z.B. eine Baumgruppe, eine Wiese, ein bestimmtes Tageslicht oder was auch immer. Es waren (und sind noch immer) erfundene Landschaften, inszenierte Bühnen, auf denen sich was abspielen sollte…, die Darsteller mussten noch gefunden werden. Beispiele: Schwein auf Floß, Ehepaar mit Hund auf der Wiese, Mädchen mit Gorilla im Ruderboot.“

Bäume. Ganz in Licht und Duft und Dämmerungen gehüllt auf der Bühne seiner Landschaften. Er tüpfelt sie in Grünstufen, legt Lasuren drunter und darüberhin, tüpfelt, lasiert… Tiefe leuchtende Dunkelheiten, blinkende Glanzlichter – all das in Acryl. Robert Gernhardt, kompetenter Kenner und Kollege: „… unübersehbar ihre Herkunft aus der Kunstgeschichte – Ruisdael mag da Pate gestanden haben, vielleicht auch Elsheimer –, und zugleich bezaubert dieses Kunstgebilde durch eine kalkulierte Natürlichkeit, die nicht ganz von dieser Zeit ist. Denn während noch Auge und Kopf das Abgeleitete der Landschaft registrieren und das Gutgemachte kennerhaft würdigen… derweil sind Herz und Bauch dem Sog des Dargestellten bereits erlegen, ohne sich groß darum zu kümmern, ob man heute noch so malen kann…“

Wer kann, der kann! Und ich darf damit renommieren, dass ich vor Jahren zusammen mit Michael Sowa in der Galerie am Chamissoplatz ausgestellt habe, und wir haben für den Prospekt zusammen ein Blatt gemacht: ich ein Theaterinterieur, Blick vom Rang auf Parkett und auf die offene leere Bühne stellt ER – richtig! – einen Baum. Das Publikum applaudiert.

Applaus auch in Japan, dieser Tage erst kommt Sowa zurück: große Ausstellung in Kyoto. Was für eine Schau! Bilder, Bilder, Bilder sowieso. Realistik, Romantik, Phantastik, Drastik und Komik. Und dazu, daneben und drüber hat der Japaner Sowas Bühnenbilder einer Frankfurter Zauberflöten-Inszenierung nachgebaut und das Zimmer des französischen „Amelie“-Films mit seinen Figuren. Welch wunderbarer Kult!

II. Meer Wasser, Wogen, Sturm – die Ursubstanz schlägt Wellen, und die See geht hoch. Das Meer malen? Die Niederländer verstanden sich auf die Marinemalerei, ja sie haben dieses Element auf Bildern neu erfunden in der Goldenen Ära ihrer Weltherrschaft. Seestücke waren die edelste Gattung und gar Seeschlachten, Schiffbruch, flaschengrüne Wogenpracht, schaumgekrönt, Deckweißgischt.

Nicht einfach zu malen, und gerade deshalb kann es Sowa. Ohne schützenden Vordergrund – kein Strand, kein Deich –, stellt er den Betrachter vor Naturgewalten. Ozean, Du Ungeheuer. Und ungerührt setzt er winzige Figuren den drohenden Gefahren aus – doch sicher sind sie in Sowas Hand auf seinen Bildern, gebannt in funkelnde Malerei, immer wieder:

Arche, ein offenes überfülltes Boot, am Mast der Buntspecht; „Überfahrt“, eine einsame Sau auf dem Floß; „Last Minute“, 17 Eulen auf des Totenmanns Kiste, hoch auf dem Wogenkamm, hoiho…; „Ausflug“, im Ruderbötchen das Mädchen, und der Gorilla legt sich in die Riemen; nochmals die beiden im Abendlicht bei ruhiger See.

Und schließlich unser Bild: „Seemannslos“ – die vier Schäferhunde im Boot, ohne Steuermann, ohne Mast, ohne Ruder in der Dünung. Unaufgeregt blicken sie aus der Bildmitte auf den Betrachter. Doch mir will scheinen, dass auch ohne seine Bühnendarsteller – allesamt wunderbare Fehlbesetzungen – das leere wildbewegte Meer voller Sensationen wär. Nix als flaschengrüne Wogenpracht.

III. Hochgebirge Wir blicken hinauf, ja, wir erheben unsere Augen zu den Bergen, doch keine Hilfe kommt von dort oben, nur unerwarteter herzstärkender Unfug.

Oberhalb der Baumgrenze, in der dünnen Luft reiner Malerei setzt Sowa eine Pointe auf den höchsten Gipfel. Drei Pointen, um genau zu sein. Drei Hühner gackern auf dem Hühnerkogel, dem Gackerhorn, dem Kilimanchicken. „In den Karpaten“ lokalisiert er sein Gebirg. Und wieder ohne Vordergrund, ohne Barrieren stehen, ja schweben wir über der Finsternis des Abgrunds, und die Spitzenhühner kommen uns schon nicht mehr unerwartet vor. Bergbauer Sowa garniert seine Karpaten mit dem Reiz des Unmöglichen – das ist des Malers Macht.

Und wie er das vollbringt: In erdfarbenen Tönen aus „Böhmischer Erde“ errichtet er eine Steilwand, ein Massiv kolossaler Brocken. Rechts reißt der Himmel auf, in gleißende Ferne geht der Blick. Und golden im Licht die Drei. Von zweien siehst du nur die Köpfe mit den roten Kämmen, das Dritte schaut dumm in die Tiefe. Kinderfingernagelgroß diese Genreszene, die ihre Wirkung nicht verfehlt.

Aber das Hochgebirge, das Licht, das Milieu in gut dreitausend Meter Höh – das muss einer können in scheinbar verlässlicher Naturtreue. Und diese Credibility bringt Michael Sowa. Bäume, Meer und Hochgebirg – da macht ihm keiner was vor. Aber er uns!

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