Zeitung Heute : „Mama, ich brauche eine Frau“

Dieser Wunsch hat sich für Matthias Schweighöfer zum Glück erfüllt. Für seine Freundin haut er Kartoffeln in die Pfanne, Gedichte schreibt er allein in Paris.

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Matthias Schweighöfer, 24, wuchs in Chemnitz auf. Seine Kindheit verbrachte er im Theater, die Eltern sind Schauspieler. Mit 16 drehte er seinen ersten Film, Regie führte Andreas Dresen. Dieses Jahr bekam Schweighöfer, der in Berlin lebt, den Bayerischen Filmpreis. In der ARD ist er am 4. Mai als Schiller zu sehen.

Interview: Stefanie Flamm und Annabel Wahba Herr Schweighöfer, wie würden Sie sich einem Blinden beschreiben?

Tja, ich würde sagen: Ich habe blonde Locken und Sommersprossen. Mehr muss der gar nicht wissen. Sommersprossen, das erklärt schon vieles.

Was erklären Sommersprossen?

Sie symbolisieren Sensibilität.

Interessant. Sensiblen Männern sagt man nach, dass sie gerne Gedichte schreiben.

Ich habe wirklich schon viele Gedichte geschrieben. Allerdings nie in Deutschland, sondern nur, wenn ich in Paris bin. Da sitze ich im Park, um mich herum 80 Leute, und ich verstehe kein Wort. So kann ich mich richtig konzentrieren. Ich finde es unheimlich schön, nicht immer diesen Austausch durch die eigene Sprache zu haben.

Warum in Paris?

Paris hat so eine angenehme Art von Arroganz. Ich werde nie vergessen, wie ich dort mit meiner Mutter mal in einem Café war und am Nebentisch dieses Mädchen saß. Sie war um die 16, trank schon um 14 Uhr ihr erstes Glas Wein, rauchte und hatte dabei so eine Grandezza. Die kennt wahrscheinlich alle Käsesorten beim Namen, die sitzt einfach da und erzählt dir Geschichten. Die Franzosen sind halt Franzosen. Berlin ist mittlerweile eine Kopie seiner selbst: Kreuzberg und all die alternativen Bezirke sind unheimlich nett, aber ich kann das nicht mehr sehen: H&M-Röcke über der Jeans, bei Ali vorbei auf ’nen Döner und danach auf Club-Tour – das ist nicht meins.

Sie mögen Arroganz.

Nein, Berlin ist eine tolle Stadt. Aber Paris ist mein Zufluchtsort. Das letzte Mal war ich kurz nach der Berlinale dort. Nach dem ganzen Trubel mit Pressekonferenzen und Filmpartys ging es mir gar nicht gut, ich hatte Probleme mit mir selbst. Vielleicht war es auch nur der Winter, jedenfalls dachte ich mir, ich muss jetzt nach Paris, meine Freunde dort sehen und schreiben. Ich reise dann meistens mit dem Zug, lasse Deutschland langsam hinter mir. Und wenn ich am Gare du Nord ankomme, wartet schon mein Freund auf mich. In den nächsten Tagen setze ich mich dann irgendwo in die Stadt, denke nach und schreibe.

Was schreiben Sie dann?

Das packe ich hier nicht aus. Ich schreibe Gedichte, um mich mir selbst zu erklären. Das ist eine gute Form, meine Depressivität zu bewältigen.

Sie wirken nicht gerade depressiv.

Bin ich heute auch nicht. Aber es gibt Tage, an denen ich einfach dasitze und mir so viel einfällt, diese Gedanken halte ich fest. Später, wenn ich dann eine euphorische Phase erlebe, lese ich das nach. Das ermahnt mich, und umso mehr schätze ich die glückliche Zeit.

Das klingt ja sehr erwachsen. Was haben Sie überhaupt mit anderen Mittzwanzigern gemeinsam?

Ich grenze mich da nicht ab, aber ich bin eben anders, weil ich ein anderes Leben führe als, sagen wir, ein Student. Meine Verantwortung gegenüber meinem Beruf ist größer. Und den kann ich nie ablegen. Wenn ich irgendwo Leute sehe, ist das für mich schon wie Hausaufgaben machen: Ich studiere, wie die sich bewegen, wie die reden. Und ich werde ja auch wahrgenommen als Schauspieler. Es gibt gewisse Partys, wo ich mir dann irgendwann sage, so, jetzt ist es besser, nach Hause zu gehen.

Damit keiner sieht, wie Sie sich danebenbenehmen?

Ja, ich stehe eben oft unter Beobachtung.

Schmeichelt Ihnen das nicht?

Es wäre gelogen, wenn ich nein sagen würde. Aber an den Tagen, wo ich mich selber nicht fühle, nervt es. Da schreibt zum Beispiel ein Magazin, ich sei ein „Womanizer“ – was ja eine rein äußerliche Beurteilung ist – und ich gucke morgens in den Spiegel und denke mir: Mann, wärst du mal lieber Friseur geworden, das ist doch ein cooler Job. Und ein anständiger Haarschnitt wäre auch mal wieder gut.

Das sind ja Sorgen! Wissen Sie was das ist, Zukunftsangst?

Aber natürlich. Auch ich mache mir Gedanken, was passiert, wenn mal keine Rollenangebote kommen. Ich habe keinen geregelten Job, also auch kein geregeltes Einkommen. Fernsehfilme wie „Baal“ oder „Schiller“…

…der jetzt zu sehen ist mit Ihnen in der Hauptrolle…

…sind ja keine Großprojekte. Da bekommst du relativ wenig Geld.

Schiller gehört zu den Autoren, die vielen in der Schule gründlich verleidet wurden.

Mich hat das im Deutschunterricht wahnsinnig genervt, wie die bei der Stückinterpretation immer an ihrem Lehrbuch hingen. Ich habe den Schiller auch nicht gespielt, weil er für mich der größte Dichter war. Ich fand den Menschen einfach toll, ein cooler Typ. Dass es der reine Wahnsinn ist, was der geschrieben hat, habe ich erst bei den Dreharbeiten begriffen.

Sie sagten einmal über Schiller, er sei der James Dean des 18. Jahrhunderts.

James Dean hat auf seine Art sehr bewusst gelebt. Er wusste, dass er sich Dinge zufügt, die nicht gerade lebensfördernd sind und dass er womöglich nicht viel Zeit hat auf Erden. So war das bei Schiller auch. Der hat irrsinnig viel Schnupftabak genommen und bis zur totalen Erschöpfung gearbeitet. Nach dem Motto: einfach leben und gucken, wie lange der Körper durchhält.

Was halten Sie von diesem Motto?

Natürlich habe ich Phasen, da lote ich gerne meine Grenzen aus. Ich trinke und feiere und frage mich: Wann fällst du um? Aber es ist erstaunlich, wie viel Energie so ein Körper hat. Beim Joggen ist das auch so, da will man immer über sich selbst hinaus. Die letzten zehn Tage habe ich keinen Tag Pause gemacht. Jeden Tag eine Stunde 20 Minuten.

Läufer sagen, der Endorphinrausch sei schöner als jedes Drogenerlebnis. Wann kommt der bei Ihnen?

Bei einer Stunde 25. Nee, im Ernst, wirklich gerne mache ich das nicht. Ich erlebe da auch keinen Rausch. Am liebsten laufe ich in Potsdam. Alleine durch den Wald, keine Autos, keine Menschen. Atmen und rennen, Kopf abschalten. An meinem Geburtstag am 11. März ist mir was Komisches passiert. Ich renne in der Früh in Potsdam los, noch ein bisschen müde. Auf einmal zieht ein kleiner Mann mit seinem Hund an mir vorbei und ruft in akkuratem Appellton „Morgen!“. Das war der erste Mensch, der mir an dem Tag begegnet ist, mitten im einsamen Wald: Und das war Volker Schlöndorff. Der war schneller als ich.

Der Mann ist 66. Hat Ihnen das zu denken gegeben?

Ich habe mir gesagt, Alter, jetzt streng dich mal wieder an, du musst noch mehr laufen.

Kennen Sie beide sich?

Wir haben uns beim Bayerischen Filmpreis dieses Jahr unterhalten. Aber an diesem Morgen hatte ich meine Kapuze bis über die Augen gezogen, ich glaube nicht, dass er mich wiedererkannt hat.

Der große Regisseur der 68er und der erfolgreiche Jungschauspieler. Fragen Sie sich manchmal, was Sie für eine Generation repräsentieren?

Wir sind jung, versuchen Geld zu verdienen, um die Miete zu bezahlen, die Kneipen verdienen ganz gut an uns, und Musik hören macht auch Spaß.

Das gilt seit 200 Jahren für alle Leute um die 20. Gibt es nicht so etwas wie ein gemeinsames Generationserlebnis?

Das ist schwer zu sagen. Ich war acht, als die Mauer fiel. Damals hat mich das nicht sehr beschäftigt. Diese Veränderungen habe ich erst langsam gespürt, den Materialismus des Westens, also zum Beispiel die Überflutung durch die Musikindustrie. Da wurde mir erst klar, welchen Wert zum Beispiel eine Beatles-Platte im Osten hatte. Aber mein ganz persönlicher Wendepunkt kam mit Max Frisch. Vor vier Jahren habe ich den zum ersten Mal gelesen, „Stiller“ war das. Und danach habe ich alles gelesen, was es von ihm gibt.

Was fasziniert Sie an Frisch?

Dass er das in Worte fassen kann, was ich mir denke. Der hält dir einen Spiegel vor. Sei es in „Gantenbein“ oder „Montauk“ oder in seinen Tagebüchern. Er analysiert Beziehungen, was man da richtig oder falsch macht. Mich hat das sehr geprägt, weil das die Zeit war, in der ich gerade angefangen hatte, mich mit Frauen zu beschäftigen. Ich kannte das Leben ja noch nicht, und er hat es mir gezeigt.

Sie lassen sich das Leben von Max Frisch erklären und verabscheuen Clubs. Dabei sind Sie doch jetzt mittendrin in der Sturm-und-Drang-Phase.

Ich bin eher der Klassizist. Ich habe keine ständig wechselnden Frauenbeziehungen, bin nicht nächtelang unterwegs und wache dann irgendwo auf, im Volkspark Friedrichshain nach einer Grillparty oder so. Sturm und Drang ist für mich wirklich vorbei. Ich bin ruhiger geworden.

Warum?

Ich habe eine neue Freundin und andere Pflichten.

Was sind das denn für Pflichten?

Naja, ich kann zum Beispiel nicht die ganze Zeit mit irgendwelchen Leuten rumhängen, die vielleicht für meine Karriere förderlich sind und die ihre ganze Zeit in diesem Business verbringen. Denn es gibt da jetzt eine junge Frau, um die ich mich zu kümmern habe, die sich einfach freut, wenn man mal ’ne Kartoffel in die Pfanne haut oder so was.

Ihre Freundin ist eifersüchtig auf Ihren Beruf?

Meine Freundin ist gar nicht eifersüchtig auf den Job. Aber sie möchte ihre Zeit haben, und das verstehe ich auch, das würde ich auch einfordern, gerade weil ich in der Öffentlichkeit stehe. Außerdem ist sie beruflich viel unterwegs, sie arbeitet für eine Reisefirma. Ich muss Privates und Arbeit knallhart trennen, damit das Private eine Chance hat.

Nimmt Ihre Freundin Ihnen die Trennung ab? Den jugendlichen Liebhaber müssten Sie mittlerweile ja aus dem Stegreif draufhaben.

Schon. Aber die Rolle gefällt mir nicht so. Ich stelle mir den jugendlichen Liebhaber ziemlich unentspannt vor, als einen Typen, der pseudocool in der Ecke hängt und sich sagt: So, Alte, dich fäll ich um.

Was erwarten Sie von einer Beziehung?

Eigentlich nicht viel. Dass ich dadurch ein intaktes Leben führe. Freunde sind unglaublich wichtig, und auch wenn die für dich da sind, bist du trotzdem immer alleine, wenn du keine Partnerin hast. Eine Beziehung ist für mich wie eine Glocke, unter der ich glücklich bin. Die Basis dafür ist Toleranz und Treue.

Man kann nie genau wissen, ob der andere treu ist.

Doch, wenn du viel Scheiße erlebt hast, dann spürst du das. Ich habe es halt vorgelebt bekommen von meinen Eltern, und ich weiß, wie ich es nicht machen will. Aber natürlich macht man irgendwann dieselben Fehler wie seine Eltern.

Ihre Eltern haben sich getrennt, als Sie drei waren. Werfen Sie ihnen vor, dass die Ehe gescheitert ist?

Nee, ich verstehe meine Eltern, dass sie sich getrennt haben, und ich gratuliere ihnen auch herzlich dazu, weil das wäre mächtig in die Hose gegangen. Aber ich selbst möchte das so nicht noch mal erleben. Nehmen wir mal an, ich kriege mit meiner Freundin ein Kind in den nächsten zwei Jahren, dann möchte ich nicht, dass es Einsamkeit erlebt, oder dass es das Gefühl hat, nur die Mutter liebt es, und der Vater ist weg. Oder dass es Streitereien über Alimente erlebt.

Sie sind mit Ihrer Mutter aufgewachsen.

Nur die Urlaube habe ich bei meinem Vater verbracht. Das war natürlich schön, weil es bei ihm viele Freiheiten gab. Es gab kaum Verbote, er hat gut verdient und mir Sachen gekauft. Wenn ich bei meiner Mutter war, musste ich immer zur Schule, da gab es das Pausenbrot in der Aluminiumverpackung und die Hausaufgaben. Dadurch war ich bei ihr viel unfreier.

Hat Ihre Mutter Sie oft ins Theater mitgenommen?

Wenn die anderen Kinder nach Hause gingen, bin ich in die Theaterkantine und habe danach bei den Proben zugeguckt. Aber für mich war das herrlich, da gab es immer eine Portion Pommes rot-weiß.

Und deshalb sind Sie selbst Schauspieler geworden?

Wenn man aus einer Theaterfamilie stammt, ist man ja früh Kleindarsteller. Ich habe als Dreijähriger zum ersten Mal mit meiner Mutter auf der Bühne gestanden. Sie hat mir das erzählt. Wir probten den „Kaukasischen Kreidekreis“ von Brecht. Meine Mutter stand da mit einer anderen Frau auf der Bühne, und die haben mich ständig so hin- und hergezogen. Da habe ich wohl zu heulen angefangen, und wir haben das abgebrochen. Als ich 17 war, haben wir „Till Eulenspiegel“ zusammen gespielt. Mein Stiefvater führte Regie. Wir mussten auf einem Leichenhaufen liegen, Gesicht an Gesicht, es roch furchtbar nach Fußschweiß, und wir haben die ganze Zeit gelacht.

Trotzdem machen Sie mehr Film als Theater.

Ich stehe auch auf der Bühne, letztes Jahr „Eins, zwei, drei“ am Hebbel-Theater. Der Unterschied ist, dass du da auf dich allein gestellt bist. Keiner kann dir helfen, wenn was schief geht. Das Schöne am Film wiederum ist, dass du ein Bild abgibst, in dem andere Leute leben, sich stark fühlen können.

Und wovon träumen Sie selbst?

Aufzuwachen und zu wissen, ich bin nicht alleine. Aufzuwachen und zu wissen, ich lebe noch. Und aufzuwachen und sagen zu können: Frankreich ist ein cooles Land, guck mal, da draußen hängt ein Filmplakat mit meinem Gesicht drauf.

Viele Leute sind nicht gerne alleine, weil sie sich dann mit sich selbst konfrontieren müssten.

Diese Selbstkonfrontation kann aber auch zu viel werden. Ich beschäftige mich ständig mit mir selbst, beim Text auswendig lernen, beim Joggen. Ich glaube keinem, der mit 30 sagt: Ich bin gerne Single. Diese Leute haben doch ein Problem und sitzen irgendwann auf der Wiese im Volkspark Friedrichshain, gucken den anderen beim Knutschen zu und fragen sich: Was habe ich falsch gemacht?

Sind Scheidungskinder anhänglicher?

Da gibt es sicher einen Zusammenhang. Wenn du älter wirst, merkst du erst, was deine Kindheit so gemacht hat mit dir. Wenn man lange alleine war und dann noch einen Beruf hat wie ich, in dem du während der Dreharbeiten oft unterwegs sein musst, gibt es Momente, wo du im Hotelzimmer aufwachst und denkst: Scheiße, wieder keiner da. Neulich ging es mir so, ich war echt fertig, konnte nicht mehr, da rief meine Mutter an. Ich habe zu ihr gesagt: Mama, ich brauche eine Frau, die mich massiert, jetzt. Und sie sagte: Komm doch nach Hause, ich kann dich massieren, ist doch kein Problem. Da wurde mir klar, ich muss was ändern. Irgendwann ist der Pegel erreicht, da möchtest du einfach auch mal wieder hören: Du bist ein schöner Mann, mir fehlt dein „Guten Morgen“.

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