Zeitung Heute : Mama vermissen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Vergessen Sie Athen! Was zählen diese zweifelhaften sportlichen Einzelleistungen gegen die ungezählten Heldinnen des Alltags mitten unter uns? In dieser Woche ist mir klar geworden, dass wir der berufstätigen Mutter ein Denkmal setzen sollten. Vielleicht auf dem Alexanderplatz, wo einst die Berolina stand. In der ehemaligen „Hauptstadt der DDR“ ist die berufstätige Mutter ja quasi am sozialistischen Reißbrett entworfen worden.

Die berufstätige Mutter führt ein Schattendasein. Viele Väter merken ja nicht einmal, dass ihre Frauen berufstätig sind, und bei der gemeinsamen Steuererklärung fallen sie dann aus allen Wolken. Mir selbst ist es erst am vergangenen Wochenende richtig bewusst geworden, als meine Frau noch vor Sonnenaufgang aus dem Haus verschwand und zu einer Dienstreise aufbrach. Francesca ist Lehrerin und für eine Woche auf Klassenfahrt in Florenz. Im Gefrierschrank hat sie uns vier vorbereitete Mahlzeiten hinterlassen, Emmas Wäsche liegt frisch zusammengefaltet in ihrem Schränkchen, der Windelvorrat ist aufgestockt, der Kühlschrank gut gefüllt – wir sind für den Krisenfall vorbereitet.

Emma und ich verbrachten ein sorgloses Wochenende zwischen Spielplatz und Stammkneipe. Am Montag hatte ich mir freigenommen. Nachdem ich Emma am Morgen in die Kita gebracht hatte, schaffte ich es knapp, einzukaufen, die Wohnung wieder bewohnbar zu machen und meine Mutter vom Bahnhof abzuholen, bevor die Kleine mit der Kita fertig war. Oma war zur Verstärkung gekommen – mit langjähriger Erfahrung als berufstätige Mutter. Abends um zehn fiel ich leblos ins Bett.

Der Tag danach im Büro war geradezu erholsam. Als ich nach Hause kam, saßen Oma und Emma im Treppenhaus vor der verschlossenen Wohnungstür. Meine Schwester hatte die beiden besucht, und beim Abschied draußen war ihnen die Tür zugefallen. Da saßen sie, zwei Kreuzberger Schlüsselkinder, und warteten auf den Schlüsseldienst. Am Sonntag kommt meine Frau zurück. Ja, ich werde ihr ein Denkmal setzen.

Das zweite Wochenende ohne Mama ist gerettet. Wir gehen zum Graefekiez-Fest zwischen Dieffenbach- und Graefestraße in Kreuzberg; mit Musik, Zirkus-Akrobatik, Kinder-Unterhaltung und jede Menge zu Trinken und Essen.

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