Zeitung Heute : Mamis Schnittmuster sind jetzt hipp

Die Französin Cecile Belmont sieht in Stoffen eine Plattform für Kunst

Dagny Lüdemann

Von Cecile Belmont gibt es genau eine Form von T-Shirt, ein Hemd, ein Etuikleid und zwei Röcke – einen mit Falten und einen ohne. Immer gleich geschnitten, immer aus Baumwolle. Die Schnittmuster stammen von ihrer Mutter – sie nähte den Kindern Kleider, damals in Paris. Ist das nicht langweilig? Immer das Gleiche?

„Nein“, sagt Cecile Belmont, „denn für mich ist der Stoff eine Art Leinwand“. Es kommt ihr also darauf an, was drauf ist auf dem Shirt – und wer drinsteckt. „Ich mache Sachen für die Straße und nicht für den Laufsteg“, sagt die Französin. „Mir geht es um die Laune, die ein Motiv vermittelt und wenn jemand das mag und sich damit identifiziert, finde ich das toll.“

Eigentlich ist Cecile Belmont Textildesignerin und Künstlerin. Sie malt, zeichnet, stickt, und macht Siebdruck. „Den Motiven begegne ich zufällig, zum Beispiel in der Zeitung oder auf der Straße. Eisbecher, Fußballspieler, Kreise, Streifen, Zahlen – all das verarbeitet sie zu Mustern, die ihre Mode zieren. Die gleichen Motive finden sich aber auch auf ihren Gemälden, auf Fotografien oder auf Stoffen, mit denen sie Notizbücher einwickelt, die in Berlin verkauft werden, zum Beispiel bei Artificium in den Hackeschen Höfen.

Ihre ersten Kleidungsstücke entwarf Cecile Belmont für sich selbst. „Die Sachen gab es nur in einer Größe. In meiner eben“, sagt sie, „und die Hemden und Kleider sind natürlich genau auf mich zugeschnitten, weil es die Muster sind, die meine Mutter gemacht hat.“ Auf den Internetseiten der Künstlerin tragen keine gebuchten Models die Stücke – sie selbst inszeniert sich auf den Fotos mit ihrer Mode. Darauf steht sie einfach da, irgendwo in Berlin, an einer Straßenbahnhaltestelle, auf einem Gehweg in der Eberswalder Straße oder in einem Café. Als Modeschöpferin hat sie keinen kommerziellen Ansatz. „Ich will gar keine großen Kollektionen machen, dann hätte ich ja kaum noch Zeit für die Kunst.“

Die Französin lebt seit Jahren in Berlin – von Stipendien, Projektarbeit und ein bisschen vom Verkauf ihrer Mode. Und das läuft nicht schlecht: „Inzwischen gibt es die Sachen natürlich in mehreren Größen, zum Beispiel bei Berliner Klamotten in den Hackeschen Höfen oder bei Holly in der Alten Schönhauser Straße.“ Einzelne Kollektionen werden die Kunden hier aber nicht finden. „Jedes Teil ist ein Unikat“, sagt Belmont. Zwar gibt es von jedem Motiv eine Serie, aber „wenn ich das Sieb für den Druck nicht mehr habe, gibt es auch das Motiv nicht mehr und das finde ich ganz schön“, sagt sie. Allerdings hat sie inzwischen eine Basisserie mit Streifen oder Kreisen. Damit werden immer neue T-Shirts, Kleider und Röcke in allen möglichen Farben bedruckt.

„Komischerweise begegne ich hier in Berlin nie Leuten, die meine Sachen tragen.“ Aber neulich hat ein Freund in New York eine Frau gesehen, die Ceciles Etuikleid trug. Dort in Brooklyn läuft gerade die Ausstellung „Around the Flat“, bei der auch Belmonts Kunstwerke zu sehen sind. „Für das Projekt gab es ein wahnsinnig hohes Budget. Die Initiatoren kamen mir mutiger vor, als das hier in Berlin manchmal ist,“ sagt sie. Aber dafür gebe es hier weniger frustrierte Künstler. „Darum gefällt mir Berlin. Hier kann man machen, was man möchte und hat dafür Raum“, und das meint sie ganz wörtlich. „Ein so großes Atelier könnte ich weder in New York noch in Paris bezahlen.“ Das Atelier in Prenzlauer Berg teilt sie sich mit anderen Künstlern. „Aber die sind fast nie da.“ Oft geht sie dann raus und trifft sich mit Freunden zum Kaffeetrinken, „weil es ein bisschen einsam ist hier drin“.

Wie lange die 30-Jährige noch in Berlin bleiben will, weiß sie nicht. Vorher lebte sie in Argentinien und lernte bei einer Siebdruckerin in Buenos Aires. „Dort hat man zwar kein Geld verdient und musste seine Werke mit einfachen Mitteln herstellen, aber gerade dadurch habe ich viel gelernt“, sagt Belmont. Für ein Projekt in Göteborg bekam sie ein Stipendium und machte Wandinstallationen und Straßenkunst. „Ich glaube nicht, dass der Ort, an dem ich arbeite Einfluss auf meine Motive hat – höchstens wenn ich einer Form oder einem Schriftzug begegne, den ich woanders nicht entdeckt hätte.“ Aber mit Berlin als Stadt habe das alles eigentlich nichts zu tun.

Mit Mode im klassischen Sinne, hat Cecile Belmont wenig am Hut. Marken interessieren sie nicht und der einzige Luxus, der in ihrem Atelier ins Auge sticht, ist das weiße iBook, das zerkratzt ist und Farbkleckse aufweist. „Ich ziehe eigentlich immer das Gleiche an,“ sagt sie. Eine einfach geschnittene Hose, einen schlichten Pullover, „aber immer in anderen Farben – je nachdem worauf ich gerade Lust habe“.

www.cecilebelmont.com

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar