Zeitung Heute : "Man darf den Zug in die digitale Zukunft nicht verpassen"

HOLGER SCHLÖSSER

"Ich darf nicht gezwungen werden, das Netz zu benutzen, um etwa meine Bankgeschäfte abzuwickeln.Ein zweiter Weg muß jederzeit offenbleiben"

Wohin treibt das Internet? Wird es schon bald zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand, in dem wir unsere Morgenzeitung lesen, Shoppen gehen und Bekannte treffen? Oder ist das globale Datennetz nur ein Medium für einige wenige, technisch versierte Freaks.Welche Gefahren gilt es zu beachten und welche Rolle sollte der Staat bei der Gestaltung der Neuen Medien spielen? "Internet - so normal wie das Telefon?" hieß eine Diskussionsveranstaltung im Rahmen des "Treffpunkts Tagesspiegel", die am Montag im Hotel Inter-Continental in der Budapester Straße stattfand und von George Turner, dem ehemaligen Berliner Wissenschaftssenator, moderiert wurde.

Axel Zerdick, Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der FU-Berlin versuchte sich zunächst an einer Standortbestimmung: Das Internet sei als wichtiges Massenmedium noch nicht am Ende seiner Entwicklung.Das globale Datennetz werde, analog zum Telefon, eine Phase der Vereinfachung der Bedienung durchmachen.Der Computer, wie er heute zu kaufen ist, sei ein viel zu kompliziertes Hobby-Gerät und völlig ungeeignet, das Internet voranzubringen."Die Technik muß einfacher werden", lautet denn auch seine Forderung an die Industrie.Der Internetzugang müsse sich dabei auf verschiedene Geräte wie Handy, TV und PC erstrecken.

Für Jürgen Bürstenbinder, Vice President bei der international erfolgreichen Webagentur Pixelpark, hat der Verbreitungsgrad des Internets bereits heute eine kritische Masse erreicht.Es ersetzte große Teile der herkömmlichen Kommunikationswege: Briefpost, Hauspost, aber auch das Gespräch am Stammtisch in der Kneipe seien bereits heute für viele ganz normal.Nur Bier gebe es noch nicht, doch für manchen sei das Netz ohnehin schon Droge genug, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.Noch gebe es aber zu viele Bedenkenträger, die eine weitere Ausbreitung der neuen Kommunikationwege verhindere.

Das Netz ist zu kompliziert, lautet etwa ein oft gehörtes Gegenargument für viele Unternehmen, überhaupt den Schritt in die Neuen Medien zu wagen.Dem stellt der Pixelpark-Manager gegenüber, daß man nicht alles selbst machen müßte."Wenn ein Wasserhahn tropft, hole ich einen Klempner - wenn ich eine Homepage brauche, beauftrage ich einen Webdesigner." Ähnlich verhält es sich auch mit dem Punkt Sicherheit im Netz."Wer sein Haus, Büro oder die Wohnung sichern möchte, findet eine große Auswahl von Unternehmen, die sich mit nichts anderem beschäftigen, als eben dem Gebäudeschutz - was spricht dagegen, gleiches auch im Web zu machen?"

Nach Auffassung von Kurt Sagatz, als Tagesspiegel-Redakteur verantwortlich für die Interaktiv-Seite, ist das Internet bereits so normal wie das Telefon, wenngleich noch viel Aufklärungsbedarf herrscht.Denn gerade in dieser schnellebigen Branche sei es nicht leicht, auf dem aktuellen Stand der Technik zu bleiben.Dabei lassen sich viele Alltagsgeschäfte bereits heute bequem über das Netz erledigen.Durch neue Techniken und Bezahlungsmethoden wird das Einkaufen im Netz oder das Homebanking sicherer.

Finanzexperte Hermann Seiler, Direktor Transaction Services von der Deutschen Bank, warnte davor, die Dynamik des Internets zu unterschätzen.Auch wenn das Medium noch kompliziert zu bedienen sei, dürfe man den Zug in das digitale Zeitalter nicht verpassen.Während in Deutschland die Unternehmen noch mit der Umstellung ihrer Rechner zur Jahrtausendwende oder dem Euro beschäftigt seien, würden US-Firmen bereits massiv den E-Commerce vorbereiten und entsprechend Startvorteile in dem neuen Markt haben.

Der Berliner Datenschutzbeauftrage Hansjürgen Garstka betonte, daß man die bewußte Gestaltung der Technik nicht aus den Augen verlieren dürfe.Gemein haben Telefon und Internet den Wegfall der physischen Grenzen Ort und Zeit.Neu sei dagegen, daß es sich beim Internet um ein Netz von Computern handelt.Und in diesem Unterschied lägen die Gefahren.Die Konnektivität erlaube zum Beispiel, riesige Datenmengen miteinander zu vergleichen und Profile zu bilden, was in dieser Form mit älteren Medien nicht möglich gewesen sei.

Eine weiterer Unterschied zum Telefon: Jeder kann im Netz Inhalte ablegen oder herunterladen."Das Netz ist ein verantwortungsloses Medium", so Garstka.Eine zentrale Instanz, die Inhalte kontrolliert, gebe es genausowenig wie Vertraulichkeit."Man kann sehr gut verfolgen, was ein Surfer im Internet treibt." Diesen sogenannten Klickstream könne man nutzen, um etwa gezielt Werbung an den Surfer zu verschicken."Wir müssen Möglichkeiten zur Selbstbestimmung schaffen, dann wird das Netz akzeptabel und nimmt sogar mehr Rücksicht auf die persönlichen Rechte des einzelnen, als andere Medien."

Wie man Straftaten auf der Datenautobahn sanktionieren kann, ist seit langem ein weltweit heiß diskutiertes Thema.Setzt man hier auf die "Selbstheilungskräfte" des Marktes, wie von US-Experten vorgeschlagen wird, oder versucht man es über staatliche Reglementierungen, wie man es in Europa praktizieren möchte."Straftaten im Netz könne man nicht verhindern, aber eindämmen", so Garstka.Und dazu wird man beide Ansätze brauchen: das Engagement der Netizens für ihr Medium und das Gesetz.

Technische Lösungen wie Filter bergen das Risiko, daß man nicht nur Inhalte wie Pornos vor den Augen der Surfer verbergen kann.Restriktive Regierungen könnten mit Hilfe dieser Technologien ebenso unliebsame politische Inhalte zensieren."Ich möchte lieber die Menschen zu mehr Verantwortung erziehen, als das Problem normativ zu regeln", so Garstka.

Dem stimmte auch Pixelpark-Manager Bürstenbinder zu, der sich ebenfalls gegen eine, wie er es nannte, Überregulierung des Internets durch den Staat wandte."Man muß sich den Schund im Netz ja nicht unbedingt anschauen." Jeder könne wie im wirklichen Leben eigenverantwortlich darüber entscheiden.Bei allen Möglichkeiten, die das Internet den Menschen bietet, so Garstka am Ende des Diskussionsabends, dürfe es nicht zum einzigen Medium werden."Ich darf nicht gezwungen werden, das Netz zu benutzen, um meine Bankgeschäfte abzuwickeln", forderte Garstka."Ein zweiter Weg muß jederzeit offenbleiben."

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