Zeitung Heute : „Man ist so etwas wie ein Mini-Präsident“

Der amerikanische Botschafter William R. Timken jr. über seinen neuen Amtssitz, Deutschland und die bilateralen Beziehungen

Herr Botschafter, wie finden Sie Ihr neues Gebäude?

Die Planung für dieses Gebäude hat vor langer Zeit begonnen, denn Botschafter Kimmitt und Bundespräsident von Weizsäcker haben hier im Januar 1993 eine Plakette platziert. Ich kam im Sommer 2005, als das Gebäude schon im Bau war, es gefällt mir. Es passt wunderbar zum Pariser Platz. Unsere Mitarbeiter sind glücklich, es ist ein Bürogebäude, und ich gehe sogar so weit zu sagen, dass ich froh bin, dass das Blücher-Palais im Krieg zerstört wurde, sodass wir dieses bauen konnten. Ich bin damit viel mehr zufrieden als mit einem renovierten Blücher-Palais.

Sind Sie der John Quincy Adams der Gegenwart?

Richtig. Adams wurde von seinem Vater 1797 hierher geschickt, und er wohnte genau hier am Pariser Platz.

Und Sie sind glücklich damit?

Absolut. Einmal aus funktionalen Gründen, aber auch, weil wir dies als das Ende einer langen Reise sehen, die vor dem Krieg begonnen hat. Wir mussten diesen Standort verlassen, hatten dann den Krieg, den Kalten Krieg, die Probleme der Luftbrücke, dann die DDR, die die Ruine abgerissen hat, um ihre Minenfelder und ihre hässliche Mauer hier zu errichten – die Tatsache, dass wir jetzt hier in diesem Gebäude an einem restaurierten Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor sitzen, ist der Triumph der Demokratie und der festen Partnerschaft mit Deutschland. Es ist als Symbol überwältigend.

Sie würden gerne ein paar Jahre länger bleiben?

Nein, nein. Mein Job endet mit diesem Präsidenten Ende des Jahres, und der neue Präsident wird einen anderen Botschafter auswählen. Ich werde nach Ohio zurückkehren.

Wenn Sie dem nächsten Präsidenten einen Rat geben könnten – welche Art von Botschafter sollte er entsenden?

Das ist eine interessante Frage. Traditionell kamen die Botschafter in Deutschland aus dem Auswärtigen Dienst oder aus der Regierung – nicht ein politisch Benannter aus dem Privatsektor, wie ich es bin. Ich denke, man kann beide Wege gehen. Es ist nicht meine Aufgabe, dem nächsten Präsidenten zu sagen, wie er seine Leute wählt.

Sie kennen aber doch John McCain…

Ja. Und er kennt Deutschland sehr gut. Er kommt seit fast 18 Jahren zur Wehrkundetagung, heute Sicherheitskonferenz, nach München.

Sie tun viel, was traditionelle Botschafter nicht tun würden, etwa mit moslemischen Kindern sprechen und entsprechende Programme starten. Warum?

Das ist einer der Vorteile, wenn man als politisch Benannter entsandt wird im Gegensatz zu einem Funktionär des Außenministeriums. Der denkt immer an sein Ministerium und seine Karriere, und daher ist er vielleicht weniger bereit, ein Risiko einzugehen. Ein politischer Botschafter weiß, dass er direkt für den Präsidenten der Vereinigten Staaten arbeitet. Daher kann ich meine Geschäfte so führen, wie ich denke, dass sie der Präsident geführt haben will. Das gibt mir Gelegenheit, vom Standard der US-Diplomatie abzuweichen. Es ist ziemlich klar, dass der Präsident sich verpflichtet fühlte, der islamischen Welt zu erklären, dass die Probleme, die die USA haben, nichts mit dem Islam zu tun haben, den er als große Religion ansieht – und er ist ein religiöser Mensch – sondern mit den Fundamentalisten des Dschihad, die schreckliche Dinge getan haben und weiter im Namen des Islam tun werden. Wir haben das aufgegriffen. Diese Freiheit habe ich als direkter Repräsentant des Präsidenten. Meine enge Beziehung zum Präsidenten macht das möglich. Daher hoffe ich für die Beziehungen, dass der künftige Präsident jemanden wählen wird, der ihm nahe steht.

Sie haben viel von Deutschland gesehen. Was ist ihr Eindruck?

Meine Frau und ich haben versucht jede Woche zwei Tage zu reisen. Wir haben mehr von Deutschland gesehen als ich mir jemals vorstellen konnte. Es war eine wunderbare Erfahrung. Die Deutschen sind ein wunderbares Volk. Die historischen Sehenswürdigkeiten und die Städte sind jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich glaube nicht, dass wir in den USA Verhältnisse haben, wo zwei Städte, die nur 25 Kilometer voneinander entfernt sind, so unterschiedlich sind und sich selbst so sehen. Ich gehe zurück in die USA als First-Class-Promotor für amerikanischen Tourismus nach Deutschland. Ich denke, dass dies ein Reiseziel ist, das mehr Amerikaner wählen sollten.

Wie haben die Menschen reagiert? Wurden Sie als Amerikaner oder als Botschafter gesehen?

Ich denke, dass die Deutschen sich ein wenig an die Amerikaner gewöhnt haben, denn mehr als 15 Millionen haben hier seit dem Krieg gelebt. Was mich überrascht hat, ist, dass die amerikanischen Botschafter in Deutschland immer als extrem wichtige Personen angesehen wurden, wegen der Beziehungen zwischen unseren Ländern und weil die Botschafter hier zu recht als Vertreter des Präsidenten gesehen werden. Tatsächlich ist es so, wie sie wissen, dass der Präsident mir ein Stück Papier ausgehändigt hat, das mir die Autorität gegenüber allen Menschen gibt, die für die amerikanische Regierung in Deutschland arbeiten. Das gilt nicht nur für die Mitarbeiter des Außenministeriums, sondern auch für alle anderen: das Militär und die 30 Agenturen, die hier in Deutschland arbeiten. Man ist so etwas wie ein Mini-Präsident der Vereinigten Staaten in Deutschland mit all seiner Macht, und die Deutschen scheinen das zu verstehen. Daher akzeptieren sie einen als Amerikaner in seinen Handlungen, aber sie respektieren auch besonders die Position als Repräsentanten Amerikas.

Präsident Bush ist nun offensichtlich nicht der populärste amerikanische Präsident in Deutschland. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

Nun zuerst denke ich, dass die Deutschen nicht Recht haben. Wenn man ein guter Kaufmann ist, gibt einem das viele Möglichkeiten, Missverständnisse, die existieren, zu korrigieren. Das ist leicht getan. Wenn die Bevölkerung als ganze Probleme mit einem individuellen Präsidenten, mit der Politik eines Präsidenten hat, haben sie noch keine Probleme mit dem amerikanischen Volk und unserer Nation. Ich vertrete natürlich auch unsere Nation. Das war kein großes Thema. Was wir versucht haben zu tun, ist Missverständnisse zu klären, die bei Deutschen herrschen. Ich kann Ihnen versichern, dass fast jeder bei unseren Gesprächen sagt, wissen sie, ich habe zwei Enkel in Chicago und einen Sohn in Atlanta. Was ich daraus schließe ist, dass ein signifikanter Teil des deutschen Volkes sehr enge Bindungen zu den USA hat. Zweitens haben dieser Präsident und diese Kanzlerin eine sehr starke Beziehung. Es ist ein wenig inkonsequent, dass die Bevölkerung so besorgt über den Präsidenten ist, wenn die Kanzlerin selbst ihn als Partner schätzt.

In der Demokratie kann jeder seine Meinung haben.

Natürlich kann man in der Demokratie auch Fehler machen. Ich glaube, wenn man die Präsidentschaft von George W. Bush Revue passieren lässt, werden Sie sehen, dass es eine erfolgreiche Präsidentschaft war und dass er viele ausgezeichnete Dinge für die Welt getan hat. Ich mache mir deswegen keine Sorgen.

Sie haben angedeutet, dass es ein Imageproblem geben könnte, zum Beispiel bei Schüleraustauschprogrammen. Viele Berliner haben wertvolle Erinnerungen an Austauschprogramme mit den USA. Heute scheint es so zu sein, dass die Formalitäten die Schüler abschrecken und sie lieber in einfache Länder wie Neuseeland gehen.

Das ist nicht wahr. Die Zahl der Austauschschüler ist höher als je zuvor. Wir hatten letztes Jahr eineinhalb Millionen Besucher, ich denke, dass einige der Zahlen nicht stimmen.

Aber Sicherheitsmaßnahmen sind wichtig und nehmen zu ….

…wie in Europa, Sie werden auch hier mehr Sicherheitsmaßnahmen in Europa bekommen…

…und dennoch wird dieses neue Gebäude vor Herausforderungen stehen. Es wirkt nicht sehr einladend, wenn man zum Beispiel sein Parfüm und Mobiltelefon abgeben muss, wenn man die Botschaft besucht.

Waren Sie schon einmal in der deutschen Botschaft in Washington? Ich sage Ihnen, das sind die ganz normalen Standard-Sicherheitsvorkehrungen. Sie lassen die Menschen einfach nicht in ein diplomatisches Gebäude gehen. Das ist genau das, worüber ich spreche. Sie mäkeln an einer Sache herum. Wir kümmern uns nicht darum, über alle möglichen Dinge über Sie zu mäkeln, aber wir könnten es tun. Die Beziehungen sind viel größer und viel wichtiger. Sie wären besser beraten, beide Seiten der Medaille zu betrachten.

Wenn Sie nun über einige Dinge mäkeln würden?

Wozu? Das ist doch Zeitverschwendung.

Dann erzählen Sie uns doch die netteste Geschichte, die Ihnen hier in Berlin widerfahren ist!

Als wir hier ankamen, wurden meine Frau und ich von jedermann mit offenen Armen empfangen. Ich möchte das unterstreichen, denn als wir ankamen, hatten sie noch die Regierung unter der Führung von Bundeskanzler Schröder und ich traf alle Mitglieder der Regierung. Jeder grüßte uns mit offenen Armen. Die Wärme und Gastfreundschaft während der ganzen Zeit, die wir hier sind, war außerordentlich groß, und das ist die netteste Geschichte, die ich erzählen kann.

Der beeindruckendste deutsche Politiker, den Sie jemals getroffen haben ist…

Bundeskanzlerin Merkel. Ich denke, sie ist eine sehr, sehr beeindruckende Weltpolitikerin. Ich habe die Kanzlerin schon vor den Wahlen im September 2005 getroffen, habe sie im Amt erlebt, in enger Zusammenarbeit mit unserem Präsidenten, und sie beeindruckt mich.

Sind Sie jetzt ein Diplomat?

War ich schon immer.

Als Diplomat müssen Sie immer höflich sein?

Nein, nein. Sehen sie, in der Vergangenheit war ich 31 Jahre lang Geschäftsführer eines weltweiten Unternehmens auf der Forbes-500-Liste in 28 Ländern. Ich traf mehr Könige, Staatschefs und Premierminister, Oberbürgermeister als jeder normale Diplomat. Als Chef eines solchen Unternehmens muss man auch Diplomat sein. Es ist nicht die enge Umschreibung dessen, was ein Diplomat ist. Der Job des Botschafters ist es doch, Chef der Mission der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein. Rund 75 000 Menschen unterstehen mir – das ist nicht der Job des Diplomaten, sondern des Managers. Die Aufgabe des Botschafters sind die bilateralen Beziehungen. Dafür machen mich der Präsident und die Kanzlerin verantwortlich. Das ist nicht strikt diplomatisch.

So geben Sie dem Präsidenten Ratschläge? Welche?

Ich gebe beiden Ratschläge. Ich sage Ihnen eine Analogie. Im Geschäftsleben hat man eine Firma, die Produkte für den Geschäftskunden herstellt. Die Verkäufer Ihres Unternehmens haben einen Job. Sie repräsentieren Ihre Firma und Ihre Produkte gegenüber dem Kunden, aber Sie repräsentieren auch die Interessen und Wünsche Ihrer Kunden zurück in Ihr Unternehmen. Das ist genau meine Aufgabe. Ich muss sicher gehen – das ist mein diplomatischer Job –, dass die amerikanische Regierung versteht, warum die Deutschen so und so fühlen. Genauso muss ich dafür sorgen, dass die Deutschen verstehen, warum die Amerikaner das tun und wie sie es tun. Man vertritt also beide Seiten. Ich bin ein Amerikaner, ich vertrete zuerst den Präsidenten, aber es ist auch in unserem Interesse die Kanzlerin und die deutsche Regierung ebenso zu repräsentieren, denn wenn meine Regierung Ihre Regierung falsch versteht, haben wir ein Problem.

Wie oft spricht der Präsident mit Ihnen?

Er war drei Mal hier während meiner Zeit, das ist sehr viel im Vergleich zu anderen Ländern in der Welt, dann war die Kanzlerin mindestens vier Mal in Washington, und ich bin immer dabei. Ich kenne die Bush-Familie, vor allem seinen Vater, seit 1968, da gibt es viele Gelegenheiten.

Mehrere Anrufe?

Wie wir das tun, werde ich nicht in die Öffentlichkeit tragen.

Am 4. Juli, am Unabhängigkeitstag, wird diese Botschaft eröffnet. Welche Bedeutung hat Ihre Unabhängigkeitserklärung heute?

Die Erklärung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten war gegründet auf einzelne Personen, die politische Unabhängigkeit und persönliche Freiheit gesucht haben. Wir glauben wirklich, dass unsere Nation auf den Prinzipien der persönlichen Freiheit gegründet wurde. Das liegt in der Natur des Menschen begründet. Wir glauben, dass es eine universelle Wahrheit ist. Wir haben von Anfang an, von John Quincy Adams hier in Berlin bis heute, versucht, diese Idee auszuführen.

Das Gespräch führten Elisabeth Binder, Stephan-Andreas Casdorff und Moritz Schuller

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