Zeitung Heute : Man muss auch mal die Zügel schleifen lassen!

Von Esther Kogelboom

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Ich habe das Phänomen „Verdichtung“ für mich entdeckt – anhand des Pferdesports. Klingt vielleicht kompliziert, ist es auch.

Es fing alles ganz harmlos an. Eine Kollegin verabschiedete sich mit den Worten: „Ich gehe jetzt in den Stall. Tschüss.“ – „In den Stall?“ – „Ja, ich reite.“ – „Ah, viel Spaß.“

Als ich am nächsten Morgen erschien, fiel mir sofort auf, wie erholt sie aussah. „Ach, es war so toll“, schwärmte sie. „Ich kann schon fast galoppieren.“

Pferde haben in meinem Leben bislang keine Rolle gespielt. Sie gehörten lediglich zu meinem Wissen über die Welt, das heißt, ich wusste, dass sie existieren – so wie zum Beispiel Norderney existiert. Ställe tauchten bislang auch nur im Zusammenhang mit Stallgeruch auf, den ja Politiker angeblich brauchen, um Karriere zu machen. Aber dann ging’s los.

Zunächst kam eine weitere Kollegin, um mir Patti Smiths 1975er Album „Horses“ zu empfehlen. Dann musste ich eine Kritik schreiben über die neue Platte der New Yorker Band „Blonde Redhead“. Bei der Recherche fiel mir auf, dass die Sängerin vor wenigen Jahren einen schlimmen Reitunfall hatte, von dem sie sich wieder erholt hat. Das traumatische Ereignis verarbeitete sie auf der vorletzten Platte.

Ein paar Tage später nahm ich einen Fremden im Auto mit, den mir die Mitfahrzentrale vermittelt hatte. Irgendwo in Westfalen seufzte er tief und sage: „Würde es dir etwas ausmachen, etwas schneller zu fahren? Hier hat meine Ex-Freundin gearbeitet.“ – „Aha, und was hat sie so gemacht?“ – „Sie war, äh, ist Pferdepflegerin.“ Antenne Herford spielte „Fliegende Pferde“ von Achim Reichel.

Jesus, Maria und Josef. Ist das jetzt selektive Wahrnehmung oder Schicksal? Soll ich mir ein süßes Zwergpony anschaffen? Der Mensch braucht vielleicht wirklich ein Hobby, bei dem er abschalten kann, ein Steckenpf… , nein, da ist es schon wieder!

Früher hatte ich viele Hobbys: Glanzbilder sammeln, Briefmarken sammeln, Gitarre spielen, Zimmerdekoration. Heute schlafe ich am liebsten in meiner Freizeit. Sicher, das ist kostspielig, ein wenig elitär, und man verliert mit der Zeit viele Freunde. Aber es macht Spaß.

Direkt nach Schlafen kommt übrigens das intensive Studium der Beziehungsratgeberseiten von Frauenmagazinen in der Badewanne inklusive der sofortigen Anwendung von auf die Seiten geklebten Pferdemark-Haarkur-Proben. Die Frauenmagazine haben oft ganz gute Ideen, wie man innerhalb von 14 Tagen seine „Reiterhosen“ los wird, eine „Bikinifigur“ erhält und seine „wallende Mähne so richtig glänzend pflegt“.

So. Und jetzt das, was pferdetechnisch am vergangenen Wochenende geschah. Ich hatte ein Rendezvous im Mitte-Restaurant und bestellte als Vorspeise ein Carpaccio. Ich beträufelte es zärtlich mit Zitronensaft und bewunderte die fein gehackte Retro-Petersilie. Das Fleisch schmolz geradezu auf der Zunge, so dass ich mein Rendezvous zum Probieren drängte.

„Danke, aber ich bin Vegetarier“, erwiderte er angewidert. „Und selbst wenn nicht, rohes Pferd käme für mich keinesfalls infrage.“

Ich stutzte, nahm an, ich hätte mich verhört. Dann schaute ich noch mal in die Speisekarte. Da stand: „Carpaccio de Caballo“.

Ich schickte meiner Freundin eine SMS vom Damenklo: „Totaler Pferdewahnsinn. Soll man mit Vegetariern knutschen?“ Die Antwort traf wenige Sekunden später ein: „Man muss im Leben auch mal die Zügel schleifen lassen.“ Schnaub.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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