Zeitung Heute : man muss durch Da

Hier hängen die Briefkästen, hier begegnen sich die Nachbarn. Hausflure erzählen Geschichten von Glanz und Elend. Bilder einer Berliner Ausstellung.

Roger Boyes

Fotos: Hannes Wanderer und Andreas Göx Seit 30 Jahren lebt der Professor im selben dreistöckigen Mietshaus in Wilmersdorf. Jeden Morgen geht er um halb zehn zum Ludwigkirchplatz, um sich eine Zigarre zu kaufen. Und jeden Tag um diese Zeit trifft er im Hausflur auf die junge Mutter. „Guten Morgen, den Zwillingen geht es hoffentlich gut?“ Als die Geschichte ihres Hausflurdialogs in den 80ern begann, schob die junge Frau mit dem streng zurückgebundenen Haar noch den Kinderwagen.

Manche Berliner Hausflure sind schmal wie die Gänge im Zug, und es ist eine intime Angelegenheit, wenn Nachbarn versuchen, aneinander vorbeizugelangen – Momente, in denen eine Brise schlechten Atems in der Luft liegt oder ein Hauch Parfüm. Der Zwillingsmutter-Professor-Flur ist großzügig. Er steht in der Wilmersdorfer Tradition des frühen 20. Jahrhunderts. Die Wände sind bis zur halben Höhe mit grünen Fliesen bedeckt, der Fußboden erinnert an ein orientalisches Badehaus. Die Treppen, früher mit Teppich belegt, sind nackt. Das sei hygienischer, hat die Verwaltung entschieden – was auf Verwalter-Deutsch so viel bedeutet wie: billiger zu reinigen. Und es gibt keinen Fahrstuhl. Weshalb der Kinderwagen unten im Flur stand.

Die Zwillinge sind längst groß und ihre Mutter trägt das Haar heute kurz. Aber der Hausflur-Dialog blieb unverändert. Die beiden Nachbarn werden nie die Wohnung des anderen sehen – es sei denn, Gott bewahre, der Professor würde den Gashahn aufdrehen und die Zwillingsmutter, die ihre Muskeln regelmäßig im Fitnesscenter stählt, müsste die Milchglasscheibe der Eingangstür einschlagen, um ihn zu retten. So ist der Hausflur ihr Minikiez geworden.

„Sie kriegen immer so viel Post“, sagt sie, während sie ihren Briefkasten leert. Ihr Lächeln stimmt den Professor für den Rest des Tages heiter. Ein Hauch Erotik umgibt den Hausflur, sogar dort, wo die Luft von scharfen Reinigungsmitteln schwer ist. Der Hausflur ist die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum, hier muss die Beziehung zwischen Fremden und Nachbarn immer wieder neu verhandelt werden.

Anderswo in Berlin ähnelt die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit einer Kampfzone. Ein Handy klingelt in der S-Bahn. Wir werden unfreiwillig zu Zuhörern – oder doch nicht unfreiwillig. Lauschen wir? Dürfen wir beleidigt sein, wenn der andere am Telefon obszön wird? Wie privat ist das öffentliche Gespräch? Es gibt jeden Tag hunderte solcher Schnittpunkte. Sie sind Teil der städtischen Dynamik. Der Hausflur aber kann aus etwas Banalem etwas Geheimnisvolles und Aufregendes machen. Jemanden in einem Hausflur zu küssen, ist ein privater Akt an einem öffentlichen Ort und nur, weil man vom Lärm der Straße abgeschnitten ist, weil das Risiko besteht, gestört und in Verlegenheit gebracht zu werden, wird der Kuss zu einer besonders verwegenen und romantischen Handlung.

Es gibt zwei verschiedene Flure: der gemeinsame Raum des Hausflurs und der Korridor der Wohnung, eine Art Empfangsraum. Julie August hat diesen Unterschied in ihrer „18 m – Galerie für Zahlenwerte 18“ vorsätzlich vermischt. Der Hausflur in der Gieselerstraße 29 ist konventionell, schlecht beleuchtet, ein Duft von saurer Milch liegt in der Luft. Der Wohnungskorridor, 18 m2 groß, wird immer am 18. eines Monats zur Galerie, die zurzeit Fotos Berliner Hausflure präsentiert.

„Ist das schon drinnen oder noch draußen“, fragen die Fotografen Hannes Wanderer und Andreas Göx in der aktuellen Ausstellung.Für ihre Aufnahmen mussten sie wie Schuljungs beim Klingelstreich an Türen läuten und Mieter überreden, sie ins Haus zu lassen. Manch einer schämte sich seines schmutzigen Flurs, andere empfahlen, ein paar Häuser weiter zu klingeln, die meisten dachten wohl, die Fotografen seien irre.

Die Fotos zeigen Flure aus Wilmersdorf, Prenzlauer Berg und der City-West. In ihrem Wesen könnten sie gar nicht unterschiedlicher sein: Das Wilmersdorfer Haus sieht aus wie der Zugang zu einer teuren Praxis, die Szenerie in Prenzlauer Berg hat den Charme einer Schwimmbad-Umkleidekabine, der Ort in der City-West könnte ein Bordell gewesen sein. Und doch haben alle drei diesen schachbrettartigen Mosaikfußboden, als wollten sie sagen: Wir Hausflure sind Brüder im Geiste.

Urteilt man nach den Fotos in der Ausstellung, ist Wedding einer der nettesten Orte, an dem man in Berlin leben kann. Die Briefkästen leuchten in rot und blau. Wenn jemand Interesse daran hat, den Briefkästen eine individuelle Note zu geben, dann muss das Haus, müssen die Nachbarn schon besonders sein. Andreas Göx sagt, bevor er seine Aufnahmen machte, hat er im Kopf nicht unterschieden zwischen Wedding und Neukölln. Aber seine Weddinger Mieter waren stolz und geschmeichelt: Sie identifizierten sich eben mit ihrem Haus und dessen Flur. „In Neukölln war der Hausflur eine Domäne der Verwaltung“, und der Verwaltung begegnet man lieber nicht. Das Leben beginnt und endet hinter den verschlossenen Türen.

Der Autor Jonathan Franzen behauptet, die Privatsphäre habe den öffentlichen Raum vollkommen verdrängt. Straßen und Plätze bringen die Menschen einander nicht mehr näher: weil sie auch dort am Handy mit ihren Freunden und Kollegen sprechen, als ob niemand anderes da wäre. Der Hausflur ist Berlins Widerstandsnest, ein Versuch, das Öffentliche in einer sozial isolierten, privaten Welt zu bewahren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!