Zeitung Heute : Man nehme Dr. Oetker

Fingerabdrücke, ein Prozess und ein tollpatschiger Erpresser

Verena Mayer

Der Angeklagte Vitali I. hat das, was man eine Patchwork-Biografie nennt. Er hat als Fahrradkurier gearbeitet, eine Zeit lang erfolglos Philosophie studiert, und eines Tages wurden seine Fingerabdrücke auf einem Epresserbrief an die Firma Dr. Oetker gefunden. „Guten Tag“, beginnt der in gestochen schöner Handschrift verfasste Brief, „für Euch bin ich ein Lebensmittelerpresser, der Fritz heißt.“ Fritz verlangte eine Million, andernfalls würde er in Berlin Crème fraîche von Dr. Oetker mit Schlafmitteln versetzen. Ein „P.S.“ findet sich auch: „Ab Donnerstag werde ich in jedem Fall mich verstärkt mit meiner Arbeit beschäftigen.“ Gäbe es eine Unbeholfenheitsskala für Erpresserbriefe, dieser hier bekäme eine Höchstnote. Am Donnerstag steht Vitali I. wegen versuchter räuberischer Erpressung vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten.

Vitali I. trägt dunklen Schlabberpulli, ist 28 Jahre alt und sieht aus wie ein Schuljunge, den man im Klassenzimmer mit Knallfröschen erwischt hat. Er ist in Aserbaidschan als Sohn eines sowjetischen Berufssportlers geboren und Anfang der 80er Jahre in die DDR gekommen. Er ging auf eine deutsche Schule, doch als er Abitur machen wollte, war Deutschland wiedervereinigt, und Vitali I. brauchte plötzlich ein Visum. Er musste nach Kiew ausreisen und dort sechs Monate warten, bis er seine Papiere bekam. In Berlin holte er das Abitur nach, doch um sich an der Universität einzuschreiben, brauchte er ein neues Visum. Also wieder in die Ukraine, und wieder dauerte es ein halbes Jahr. In dieser Zeit lernte er einen Jungen namens Maksym kennen. Maksym kam eines Tages mit nach Deutschland, um einen Sprachkurs zu belegen. Die beiden steckten viel beisammen, und irgendwann im Sommer 1999 wedelte Maksym mit einem Erpresserbrief an die Firma Oetker und fragte Vitali I., ob man das so schreiben könne. Sätze wie: „Wer sich ein Produkt vom ,Dr.’ kaufen will, soll das Risiko möglicher gesundheitlicher Schähden kalkuliern.“ Und ob Vitali I. da nicht dabei sein wolle.

Der Prozess, der Vitali I. gemacht wird, passt da gar nicht schlecht dazu. Zwei Zeugen sind geladen, zwei gemächliche Pförtner aus Bielefeld, bei denen sich der Erpresser im Sommer 1999 telefonisch gemeldet hatte, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen und die Million Mark noch schnell auf eine Million Dollar zu korrigieren. Pförtner eins erinnert sich an eine „junge Stimme“, Pförtner zwei an „eine ältere“. Pförtner zwei erzählt zudem, dass der Anruf damals mitgeschnitten worden sei. Auch hier hatte es an Erpresser-Professionalität gemangelt – auf dem Display der Firma war die Nummer des Anrufers erschienen. Das Band ist jedoch in Bielefeld, obwohl Vitali I. schon seit einem halben Jahr in Berlin in Untersuchungshaft sitzt. Der Amtsrichter will in Bielefeld anrufen und sich das Band am Telefon vorspielen lassen. Es gibt allerdings kein geeignetes Telefon im Saal, erst muss der Wachtmeister eines organisieren. Das dauert seine Zeit. Auf dem vorgespielten Tonband sind dann zehn Sekunden vernuschelter Sätze und schließlich „Tschüss“ zu hören. Die Firma Dr. Oetker hat damals getan, was man in solchen Fällen zu tun pflegt. Sie schaltete die Polizei ein und ignorierte die Forderung.

Vitali I. selbst streitet alles ab, der Richter sagt, es gebe noch einen zweiten Erpresserbrief, darauf seien vielleicht ebenfalls Fingerabdrücke zu finden. Untersucht wurde dies bislang nicht, der Richter ruft im LKA an, es vergehen weitere Stunden, bis sich ein Beamter findet, der die Fingerabdrücke untersuchen kann. Ein erster Test ergibt, dass sich auf dem zweiten Schreiben in der Tat Vitali I.s Fingerabdrücke finden. Dann wird der Ptozess vertagt. Ins Visier der Ermittler war Vitali I. damals wegen seiner Tollpatschigkeit gekommen. Er hatte seinen Pass verloren und daraufhin, wie es üblich ist, seine Fingerabdrücke abgeben müssen.

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