Zeitung Heute : „Man nimmt mich oft nicht ernst“

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Simone Fox aus Bochum leidet seit einem Unfall vor sieben Jahren an chronischen Schmerzen im ganzen Körper. Zurzeit macht sie wieder eine Therapie in der Schmerzklinik am Arkauwald, Bad Mergentheim. Heute wird sie 30 Jahre alt.

Ich weiß immer noch nicht, wie das passiert ist. Ich geh zur Tür raus und falle hin. Ich seh mich immer noch da sitzen, den linken Fuß absurd verdreht. Das war am 25. Mai 1996. Seitdem habe ich Schmerzen, die sich nicht einmal meine Familie vorstellen kann.

Insgesamt wurde ich achtmal operiert. Es wurden Kunstfehler gemacht, darüber gibt es auch ein Urteil. Zum Schluss hat man mir das Sprunggelenk entfernt und den Fuß am Unterschenkel befestigt. Das hat die Statik des Körpers verändert. Ich habe nun auch Schmerzen in der Wirbelsäule und in den Beinen. Durch eine Medikamentenallergie bekam ich eine Darmentzündung und dadurch Rheuma. Auf der von der World Health Organisation entwickelten Schmerzskala von Eins bis Zehn lag die Intensität meiner Schmerzen zum Schluss bei Zehn. Ich konnte nicht mehr sitzen, liegen, stehen, ich bin auf allen Vieren zur Toilette gekrochen. Ich konnte nicht mal mehr schlafen – und das kann ich heute immer noch nicht. Die Ärzte sagen, ich werde nie wieder ohne Schmerzen sein, ich könne nur lernen, sie zu managen. Das versuche ich, aber Morphiumtabletten werde ich mein Leben lang nehmen müssen.

Ich war Arzthelferin früher, ich habe meinen Beruf geliebt, habe eine Praxis geleitet. Und vier Mal die Woche war ich im Tanzclub und habe für Turniere trainiert. Bevor ich diesmal zur Therapie kam, habe ich zwei Tage von Süßigkeiten gelebt, weil ich den Weg in die Küche nicht mehr geschafft habe. Ich habe Träume, von einer Familie beispielsweise, aber Pläne mache ich nicht mehr.

Das Schlimmste an den chronischen Schmerzen ist aber, dass ich damit oft nicht ernst genommen werde. Ich bin zu so vielen Ärzten gegangen und habe immer wieder gehofft, so, hier bist du jetzt gut aufgehoben. Aber selbst die können sich diese unablässige Quälerei nur schlecht vorstellen, selbst die sagen irgendwann: Stellen Sie sich nicht so an. Schmerzen kann man ja nicht sehen. Die sieht doch so normal aus, sagen die Leute oft. Ich schminke mich eben. Aber wenn ich die Schminke abnehme, habe ich ein schneeweißes Gesicht. Keiner, dem ich auf der Straße begegne, weiß, dass ich mich vier Stunden zu Hause wappnen muss, um es eine Stunde draußen, auf den Beinen, auszuhalten. Schmerzen isolieren.

Ich habe wahnsinnige Angst, ein Pflegefall zu werden. Aber ich lerne, mich über kleine Dinge zu freuen. Über schönes Wetter, zum Beispiel. Wenn’s warm ist, habe ich weniger Schmerzen.

Aufgezeichnet von Christine-Felice Röhrs

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