Zeitung Heute : Man spricht deutsch

In Hannover gehen türkischstämmige Schüler auf ein Privatgymnasium

Benedikt Imhoff

„Yasemin hat gelesen“, steht in bunter Schrift an der Tafel. „Wie wird denn die Vergangenheit gebildet?“, fragt Deutschlehrer Frank Müller. Die Schüler der fünften Klasse lernen deutsche Grammatik, so wie ihre Altersgenossen im ganzen Land. Der Unterschied: Am Privatgymnasium des Vereins für Integration und Bildung (VIB) in Hannover haben alle Kinder einen türkischen Migrationshintergrund. „Wir sind aber kein türkisches Gymnasium“, betont Schulleiter Karl-Heinz Müller. In der vergangenen Woche hatte der Ministerpräsident der Türkei Recep Tayyip Erdogan gefordert, türkische Gymnasien und Universitäten in Deutschland einzurichten.

Im September 2007 hat der VIB die Schule in den Räumen einer ehemaligen Förderschule gegründet. Derzeit besuchen knapp 50 Kinder das Gymnasium, es gibt zwei fünfte und eine sechste Klasse. „Unser Ziel ist es, die Schüler besser in die Gesellschaft zu integrieren und sie auf qualifizierte Jobs vorzubereiten“, sagt Schulleiter Müller. Die Kinder haben deutsche Grundschulen besucht, fast alle haben eine Gymnasialempfehlung erhalten. Die meisten Schüler sprechen fließend Deutsch, nur mit der Rechtschreibung hapert es noch ein wenig.

„Zusätzlich zum Unterricht gibt es an zwei Nachmittagen in der Woche zwei Stunden Förderunterricht“, erklärt der Schulleiter. Das Konzept scheint aufzugehen: „Die Lehrer helfen uns sehr“, sagt Fünftklässlerin Tuba. „Ich habe mich hier in Deutsch von einer Vier auf eine Zwei verbessert.“ Ihre Mitschüler stimmen lautstark ein, alle berichten von ähnlichen Erfolgen. Der Trägerverein VIB ist vor 13 Jahren gegründet worden, um türkischen Kindern Nachhilfe zu geben. „Das ist jedes Jahr mehr geworden“, sagt Vereinsmitglied Yusuf Ordueri. Schon bald wurde der Platz knapp, der VIB musste Räume anmieten. „Schließlich haben uns die Eltern motiviert, eine eigene Schule zu gründen.“ Dafür beteiligen sich die Eltern an den Kosten: 239 Euro im Monat betragen die Schulgebühren, dazu kommen Spenden sowie Zuschüsse des VIB. „Wir arbeiten eng mit den Eltern zusammen“, sagt Ordueri. „Wir besuchen die Familien, sammeln dort Eindrücke.“ Jedes Wochenende treffen sich die Kinder zudem in kleinen Gruppen zum gemeinsamen Frühstück bei einem ihrer Mitschüler.

Religionsunterricht steht nicht auf dem Programm, auch kein islamischer. Schulsprache ist Deutsch, auch auf dem Pausenhof sollen die Kinder nicht Türkisch sprechen. „Das klappt ziemlich gut“, sagt Müller. Die Gefahr sieht der Schulleiter darin, dass die Kinder die beiden Sprachen vermischen. Daher gibt es eine Türkisch-AG, in der die Schüler ihre Muttersprache korrekt lernen sollen. „Wir würden aber auch Russisch, Polnisch oder Spanisch anbieten, wenn wir Schüler mit entsprechendem Hintergrund hätten“, sagt Müller.

„Grundsätzlich gehören Integration und Toleranz zum Bildungsauftrag jeder Schule in Niedersachsen“, erklärt der niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann (CDU). „Das Anliegen, einer speziellen Bevölkerungsgruppe mehr Chancen zu eröffnen, steht dem nicht entgegen.“ Busemann hatte der Schule zur Auflage gemacht, dass die Lehranstalt allen Interessierten offen stehen muss.

Schulleiter Müller will seine Schule aber ohnehin nicht nur türkischstämmigen Kinder öffnen, für den Sommer hat er bereits Anmeldungen von deutschen Eltern vorliegen. In einigen Jahren sollen die ersten Schüler ihr Abitur ablegen. „Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in der sich die Kinder heimisch fühlen“, sagt der Schulleiter. An kleinen Lerngruppen will Müller auch in Zukunft festhalten: „Wir wollen kein Massenbetrieb werden, da wäre für Individualität und Betreuung kein Platz.“ (dpa)

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