Zeitung Heute : Man wohnt nur einmal

James-Bond-Erfinder Ian Fleming machte aus ihm einen Bösewicht – weil er dessen Haus in London nicht mochte. Ernö Goldfinger baute einfach zu modern. Und bis heute rufen Leute an und sagen: „Hallo, hier Agent 007!“

Susanne Kippenberger

Sensationell!“ Jack strahlt. Jahrelang war er, ein braver älterer Herr aus London-Hampstead, an dem Haus vorbeigelaufen, ohne es überhaupt zu bemerken. Aber dann kam er mal im Dunkeln vorbei. Und da leuchtete es ihm plötzlich entgegen. „Sensationell!“ Heute führt er ehrenamtlich durch eben dieses 30er-Jahre-Haus, das ein Museum ist, ohne museal zu wirken, ein Museum für Architektur, Kunst, Design – und das Leben.

Es gibt Häuser, in denen man zu ersticken glaubt, düster, vollgestopft, erdrückend – und solche, die einem den Atem nehmen, weil sie zu imposant sind. Und es gibt Häuser, in denen man aufzuatmen scheint, ja, vor Freude seufzt. 2 Willow Road in Hampstead ist ein solcher Luftkurort, gebaut aus viel Licht, Holz und Farbe. Das heißt: Eigentlich ist das dreiteilige Reihenhaus ja aus Beton. Aber den sieht man nicht. Von außen auf jeden Fall nicht. Dann wären die Nachbarn endgültig Amok gelaufen.

Architekt und Hausherr Ernö Goldfinger war nämlich ein Vertreter der Moderne. Und die hatte in England einen miserablen Ruf, galt als brutal und bautechnisch katastrophal. Allein der Name, „internationaler Stil“, verriet doch, dass das was Unenglisches war. Lieber baute man Pseudo-Tudor-Fachwerkhäuschen wie zu Shakespeares Zeiten. Viele Architekten zogen auf der Flucht vor den Nazis denn auch bald aus dem englischen Exil weiter: Erich Mendelsohn nach Palästina, Walter Gropius nach Amerika.

Ernö Goldfinger blieb. Der Ungar war verheiratet mit einer Engländerin, Ursula Blackwell, die er während des Studiums in Paris kennengelernt hatte; mit ihrer Erbschaft finanzierten sie das Haus am Hampstead Heath, dem prächtigen Park im Norden der Stadt. Wie es der Zufall wollte, spielte ihr Vetter Golf mit Ian Fleming, dem vor 100 Jahren, am 28. Mai 1908 geborenen Erfinder von James Bond – und von Auric Goldfinger, dem Goldschmuggler, der im Film von Gert Fröbe gespielt wurde. Es heißt, Ian Fleming, dem man einen gewissen Antisemitismus nachsagte, habe 2 Willow Road so gar nicht gefallen. Dem Bösewicht den Namen des Architekten zu geben, sei seine Rache gewesen.

An Kritikern, ja, Gegnern mangelte es Goldfinger nicht. Kaum lag der Entwurf vor, legte der konservative Abgeordnete Henry Brooke heftigen Protest ein: Der Flachbau verschandele die historische Nachbarschaft. Der Protest verschaffte dem Architekten große Aufmerksamkeit, Unterstützung und schließlich die Baugenehmigung. 1939 zog die Familie ein.

Bis dahin hatte der 37-Jährige kaum etwas gebaut, er schrieb Bücher, die selten fertig wurden, entwarf Spielzeug und Kindermöbel für einen befreundeten progessiven Hersteller, auch Möbel für Erwachsene und den einen oder anderen eleganten Laden. Auch sein eigenes Haus sollte Schaufenster sein: seine Visitenkarte als Architekt.

Wohnlich, praktisch, familienfreundlich, weder steril noch angeberisch – in Hampstead zeigt die Moderne sich von ihrer sympathischsten Seite. Und eher bescheiden. Um die Nachbarschaft nicht zu sehr zu provozieren, versteckte Goldfinger den von ihm heiß geliebten nackten Beton hinter rotem Backstein. Dass sich das Haus auch in den Proportionen harmonisch einfügt ist kein Zufall. Goldfinger verehrte den englischen Klassizismus, nur dass er ihn nicht imitieren, sondern zeitgenössisch interpretieren wollte.

Also ein Flachdach. Das sich als außerordentlich praktisch erweist: Dadurch konnte Goldfinger in dem kleinen Haus Treppenhaus und Badezimmer durch große runde Oberlichter auf elegante Weise mit natürlichem Licht versorgen. Kein Zentimeter wurde verschenkt, die Wendeltreppe ist steil, die meisten Schränke sind eingebaut, im Gästezimmer, das fast immer belegt war, konnte man das Bett hochklappen. Die Schiebewände zwischen Wohn-, Ess- und Arbeitsraum im ersten Stock lassen sich öffnen, was die Goldfingers oft taten, sie führten ein geselliges Haus, waren mit vielen Künstlern befreundet, deren Werke noch heute hier hängen und stehen: hier eine Skulptur von Henry Moore oder Max Ernst, dort ein Portrait, das Man Ray von der Hausherrin gemacht hatte, Bilder von Bridget Riley, Collagen von Anthony Pemprose. Einige der Künstlerfreunde waren auch Nachbarn. Heute können es sich eigentlich nur noch Scheichs und russische Milliardäre leisten, in Hampstead ein Haus zu kaufen, das kostet leicht mal 15, 20 Millionen Pfund. Damals zog die fast dörfliche Gegend viele Künstler an, Schriftsteller, Linke, jüdische Emigranten.

48 Jahre lang lebte Ernö Goldfinger in seinem Haus, bis zu seinem Tod 1987; seine Frau bis 1991. Ihre Kinder übergaben den Bau dem National Trust, der eher bekannt dafür ist, alte Herrenhäuser und mittelalterliche Cottages für die Nation zu bewahren. Für den Trust war es ein seltener Glücksfall: ein Haus, das noch original eingerichtet war, von den selbst entworfenen Stühlen bis zu den gut gefüllten Regalen. In denen, zwischen Büchern über Käse und Politik, Romanen von Steinbeck und Balzac, auch „Goldfinger“ steht.

Als der Architekt 1959 von dem Thriller erfuhr schickte er gleich, besorgt um seinen Ruf, seine Anwälte los. Statt zur Klage kam es zum Kompromiss, der Verlag versprach, darauf hinzuweisen, dass es sich um fiktive Figuren handele, in der Werbung immer von Auric Goldfinger zu sprechen und dem Architekten sechs Belegexemplare zu schicken. Das half Ernö wenig, als der Film herauskam. Bis heute bekommt die Familie nächtliche Anrufe: „Goldfinger? Hier Agent 007!“

Ernö Goldfinger hatte durchaus Ähnlichkeiten – sowohl mit dem Bösewicht wie mit James Bond. Groß, gutaussehend und außerordentlich selbstbewusst, liebte der Architekt edle Kleidung, schöne Frauen und schnittige Autos – weshalb er seinem kleinen Haus auch gleich zwei Garagen verpasste. Von großbürgerlicher Herkunft, war er überzeugter Kommunist bis ans Ende seines Lebens, war als geizig und großzügig bekannt, als tyrannisch und charmant.

Wie der fiktive Goldfinger stammte er aus Osteuropa, debattierte mit donnender Stimme und schwerem Akzent (Deutsch war seine Muttersprache) über Architektur, Politik und missratene Türgriffe. Seine Angestellten zahlte er schlecht, feuerte sie gern von jetzt auf gleich. Junge Architekten rissen sich trotzdem darum, bei ihm zu arbeiten: weil sie so viel lernten bei ihm.

Seinen Ruf als Bösewicht der Architektur erarbeitete Ernö Goldfinger sich vor allem durch seine Londoner Großprojekte der Nachkriegszeit, als er Bürokomplexe und sozialen Wohnungsbau entwarf – nun tatsächlich in nacktem Beton. Überzeugter Vertreter von Hochhäusern, mit denen er der Zersiedelung der Stadt entgegentreten und den Bewohnern Licht, Luft und spektakuläre Aussichten verschaffen wollte, baute er Balfron Tower und den 98 Meter hohen Trellick Tower, der in den 70er Jahren wegen Vandalismus und Kriminalität in „Tower of Terror“ umgetauft wurde. Wer nun die Schuld an der Verwahrlosung trägt, der Architekt, die Bewohner oder die Kommune, die den Turm vernachlässigt hat, darüber streiten die Experten noch. Aber eine jüngere Generation hat Goldfinger im letzten Jahrzehnt etwas rehabilitiert. Trellick Tower ist zur weithin sichtbaren Ikone von Notting Hill geworden – die man jetzt auch auf T-Shirts und Kaffeebechern nach Hause tragen kann.

2 Willow Road, Hampstead, London NW3 1TH, Telk. 0044/20/74356166, www.nationaltrust.org.uk. Nigel Warburton, einst selber Bewohner von Balfron Tower, hat eine sehr interessante Biographie geschrieben: „Ernö Goldfinger“ (Routlege, ca. 21 Euro).

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