Zeitung Heute : Management-Know-how statt Behördenmief Vom Werderschen Markt in die große weite Welt

Trotz Sparzwang und Einstellungsstopp: Im Öffentlichen Dienst werden immer wieder Stellen frei. Welche Qualifikationen gefragt sind Im Buch „Diplomatie als Beruf“ schildern Botschafter ihren Arbeitsalltag im auswärtigen Dienst

Regina-C. Henkel

Andreas Orth hat sich Gedanken über das Medikamentenmanagement in Krankenhäusern gemacht. Infusionslösungen und Spritzen müssen bislang umständlich mit der Hand beschriftet werden. Das kostet Zeit und Geld. Also haben der Informatik-Professor und sein Team vom Institut für praktische Informatik mit Anwendung im Gesundheitswesen (IPIAG) in Frankfurt / Main die Software DiSi-Med entwickelt. Deren digitale Signatur spart täglich eine Stunde Schreibarbeit.

Die Hightech-Arbeit des hessischen Staatsdieners Orth scheint so gar nicht ins Bild von Beamten zu passen. Doch Ärmelschoner, Tintenfässer und Aktenordner sind schon lange ein unbrauchbares Klischee. Die rund 4,8 Millionen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst stehen inzwischen unter ähnlichem Kosten- und Leistungsdruck wie ihre Kollegen in der Privatwirtschaft. Ihr Berufespektrum reicht vom Kanalarbeiter über die Krankenschwester und den Wissenschaftler in der Polizeitechnischen Untersuchungsanstalt bis hin zum Diplomaten oder Bundeswehr-Offizier.

Der Großteil der Arbeit wird von den (noch) knapp 2,48 Millionen Angestellten und Arbeitern im „unmittelbaren“ Öffentlichen Dienst geleistet. Hinzu kommen etwa 1,6 Millionen Beamte und Richter – und noch einmal 490 000 Beschäftigte im „mittelbaren“ Öffentlichen Dienst der Sozialversicherungen, Arbeitsämter und früher staatlichen Krankenhäuser. Spitzenverdiener sind nur wenige, die 2,9 Millionen Vollzeitkräfte verdienten Mitte des Jahres 2002 im alten Bundesgebiet durchschnittlich 2690 Euro brutto, in den Neuen Ländern 2420 Euro (Details über die Besoldung in den Laufbahngruppen unter www.bund.de/Service-Center/Jobboerse/Bezahlung-.5356.htm sowie www.stellenblatt.de/tarife.htm ).

Obwohl Bund, Länder und Gemeinden angesichts leerer Kassen besonders bei den Personalausgaben auf die Kostenbremse treten und Berlin sogar einen generellen Einstellungsstopp verhängt hat (siehe Tagesspiegel-Serie unter www.tagesspiegel.de/berlin-retten ), gibt es immer wieder Ersatzbedarf. Diese Stellen werden in den Amtsblättern ausgeschrieben, häufig aber auch in den einschlägigen Tageszeitungen.

Im vergangenen Jahr stammte jede vierte gedruckte Stellenofferte von einem Öffentlichen Dienstleister. Präzise waren es 96 090 von insgesamt 378 473 Annoncen, die vom Personaldienstleister Adecco im Jahr 2002 in den 40 wichtigsten Tageszeitungen gezählt wurden (siehe Grafik). Lohnenswert kann auch die Recherche im Internet sein. Derzeit sind allein auf der Jobbörsen-Seite von www.bund.de mehr als 40 freie Stellen gelistet. Unter www.stellenblatt.de/stellenblatt/FMPro und unter www.verwaltungstreff.de werden ebenfalls Bewerber angesprochen, etwa Lehrer und Finanzmanager– teilweise auch für Auslandsjobs.

Besonders großer Ersatzbedarf zeichnet sich bei den Lehrern ab. War vor ein paar Jahren noch von einer Lehrerschwemme die Rede, müssen sich die Schulverwaltungen inzwischen richtig ins Zeug legen, um junge Leute für den Beruf zu interessieren. Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport und das Brandenburger Ministerium für Bildung, Jugend und Sport werben über das gemeinsame Internetportal www.lehrer-werden.de für das Lehrerstudium. Kein Wunder: 2010 werden in Berlin 27 000 Lehrer gebraucht. Aber ohne Neueinstellungen werden nur 17 000 zur Verfügung stehen. Schon jetzt gibt es Engpässe an den Berufs- und Sonderschulen. Generell gefragt sind Lehrer für Physik, Mathematik und Informatik, aber auch für künstlerische Fächer, Griechisch und Latein.

Allerdings: Die Verwaltung hat aus den Ergebnissen der Pisa-Studie Lehren gezogen. Ein Lehrerstudium soll in Zukunft eine wirklich bewusste Entscheidung sein. Ein hervorgehobener Link auf www.lehrer-werden.de führt deshalb auf www.uni-potsdam.de/portal/april02/titel.htm und ein weiterer auf www.cct-germany.de , eine von der Europäischen Kommission gesponserte Site. Sie beleuchtet auch die Schattenseiten des Paukerjobs und bietet Test für all diejenigen an, die sich trotz allem Wenn und Aber nicht haben abschrecken lassen.

Interessant geworden ist der Staat für „Zulieferer“. Immer mehr Berater werden als externe Dienstleister von Bund, Ländern, Gemeinden und anderen Behörden eingekauft, um die Strukturen zu straffen und die Effizienz zu optimieren. Christoph Weyrather, Geschäftsführer beim Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) berichtet: „Organisations- und Strategieberatung hat im vergangenen Jahr sogar zugenommen.“ Der Anteil des öffentlichen Sektors am gesamten Beratungsmarkt lag 2002 bei 8,9 Prozent. Das bedeutete einen Umsatz von 12,3 Milliarden Euro für die rund 14 000 Unternehmens- und Personalberater im Land.

Einer von ihnen ist Kai Eltges vom Bereich „Public Management“ bei Kienbaum Consultants International in Düsseldorf. Er weiß, worauf sich erfahrene Mitarbeiter wie Neueinsteiger im Öffentlichen Dienst einstellen müssen: „Der Ökonomisierungsdruck, mit geringeren finanziellen Mitteln einen qualitativ hochwertigeren Output zu liefern, wird noch zunehmen.“ Die Arbeitsgrundlage für diese Herausforderungen werden von Betriebswirten geschaffen, die mit 828 Jobangeboten im vergangenen Jahr auf Rang zwei der gefragtesten Qualifikationen lagen. Rang drei nahmen mit 483 Jobangeboten Informatiker ein. Dass Juristen deutlich seltener gesucht werden (mit 334 Offerten Rang 5), wundert Kienbaum-Manager Eltges nicht: „Bei den anstehenden Veränderungen stehen weniger Rechtsfragen im Vordergrund als vielmehr der Umgang mit deutlich schwindenden Haushaltsmitteln.“ Dazu gehört auch, dass die Amtsstuben entrümpelt werden. Mit 905 Jobangeboten waren Bauingenieure im Jahr 2002 die im Öffentlichen Dienst gefragteste Akademikergruppe.

In einer nach Fachbereichen gegliederten Übersicht der Jobofferten spielen Positionen in der allgemeinen Verwaltung und Koordination die größte Rolle: 3442 Offerten im vergangenen Jahr. Mehr Jobs als ein Jahr zuvor gab es nur einem Bereich: Unternehmensplanung: 116 gegenüber 80 im Jahr 2001.

„Nennen Sie zwei Staatsratsvorsitzende und drei Ministerpräsidenten der DDR!“, „Was versteht man in der Kolonialgeschichte unter Dreieckshandel?“ Mit solchen Fragen wählt das deutsche Außenministerium seine Bewerber für den höheren Dienst aus. Abgedruckt sind Auszüge aus den Tests im Buch „Auswärtiges Amt. Diplomatie als Beruf“ (Hrsg. Enrico Brandt und Christian Buck, Leske + Budrich, 2002, 35 Euro), in dem auf 404 Seiten Praktiker aus dem Auswärtigen Amt (AA) ihre Arbeitsplätze – in der Berliner Zentrale am Werderschen Markt, bei den Vereinten Nationen in New York oder in einer kleinen Botschaft in Afrika – beschreiben.

Das Buch informiert potenzielle Bewerber über die Wege ins AA. Auf den Seiten 227 und 228 ist zu lesen: „Stellenausschreibungen werden im Internet unter www.auswaertiges-amt.de der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“. Und weiter: „Durchschnittlich gibt es über 450 offene Posten.“ Im Weiteren werden die Wege zu EU, UN oder Nato beschrieben und als zentrale Anlaufstelle für multinationale Jobs und Praktika das „Büro Führungskräfte zu Internationalen Organisationen" (BFIO, Villemombler Straße 76, 53123 Bonn, 02 28 / 713 - 0, Bonn-ZAV.bfio@arbeitsamt.de ) genannt.

Von Routine bis Glamour

Neben solcherart Karrierehilfe will das Buch auch einen Blick hinter die Kulissen der Außenpolitik geben. Zwar überrascht auf den ersten Blick, dass hier nicht die glamouröse Tätigkeit der Botschafter dargestellt wird, etwa wie jüngst zu erleben die eines Schweizers in Berlin. Die Beschreibung der Jobs im Ausland und ihrer Realitäten ist nüchtern und ehrlich. Wie beispielsweise jener Text über die Frage, was jemand im Rang eines Politischen Direktors im AA – als Großbehörde mit 7000 Mitarbeitern an über 200 Orten der Welt – überhaupt tut. „Ein Politischer Direktor arbeitet viel und intensiv“, schreibt der Autor kalt und lässt sich dann zu einer stolzgeschwellten Bemerkung hinreißen: „Aber die Arbeit macht ungewöhnlich viel Freude, ist außergewöhnlich vielseitig und befriedigend.“ Schließlich hat er für die Detailarbeiten Spezialisten: etwa die Kollegen aus dem „Frühstücksreferat“, die gesellschaftliche Veranstaltungen abwickeln, oder jene beiden Mitarbeiterinnen, die „angemessene“ Geschenke für ausländische Würdenträger zu besorgen wissen.

Mitunter lassen die Beiträge auch einen Anflug jener Faszination durchschimmern, die selbst alte politische Hasen immer wieder erleben. Etwa wenn der damalige Leiter des Sonderstabes Westlicher Balkan den Tag beschreibt, an dem die Serben Milosevic aus dem Amt jagten: „Stundenlang bleiben wir im Arbeitszimmer des Ministers beisammen; während er in Hauptstadtstudios Interviews gibt, stärken wir uns bei Pizza und einem Glas Rotwein. Erst nach Mitternacht ist dieser Arbeitstag zu Ende. "

Alle 46 Beiträge sind unterhaltsam geschrieben. Der Anhang enthält auf gut 30 Seiten Gesetzesauszüge und eine Seite Literaturhinweise, alles in allem so hilfreich, das der Rezensent sich das lange Mäkeln über das nicht zu entziffernde Organigramm und die viel zu klein geratene Weltkarte ersparen will. Peter Becker

Für Bewerber: Die Auswahl bei Frage eins war: Ulbricht, Honecker, Krenz; Grotewohl, Stoph, Modrow, de Maizière. Die Antwort auf Frage zwei: Der Dreieckshandel war das Grundprinzip des Sklavenhandels zwischen der Alten und der Neuen Welt: Waren aus Europa für Afrika, Sklaven aus Afrika für Amerika, Waren aus Amerika für Europa.

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