Manager-Gehälter : Business as unusual

Vor dem Weltfinanzgipfel in Pittsburgh fordert die EU schärfere Regeln gegen überhöhte Manager-Boni. Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker spricht sich sogar notfalls für einen europäischen Alleingang aus. Wie sinnvoll sind die Vorschläge der schwedischen Ratspräsidentschaft, und reichen sie aus?

Albrecht Meier Juliane Schäuble
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Fotos: Spiekermann-Klaas, Fotex; Montage: Hoffmann

Kein Finanzprodukt, keine Region und keine Bank sollen künftig ohne Kontrolle bleiben – so formuliert es Kanzlerin Angela Merkel gebetsmühlenartig. Der Schock über den Zusammenbruch der US-Großbank Lehman Brothers 2008 hat zwar in der Finanzwelt inzwischen nachgelassen. Aber die Politik will die Chance nutzen, die richtigen Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen. Dabei wollen die EU-Staaten weltweit möglichst strikte Regeln bei der Regulierung der Finanzmärkte durchsetzen. Die Staats- und Regierungschefs einigten sich am Donnerstagabend in Brüssel auf eine gemeinsame Verhandlungsposition. In der kommenden Woche entscheidet sich beim G-20-Gipfel der führenden Industrie- und Schwellenländer im amerikanischen Pittsburgh, ob sich die Europäer weltweit durchsetzen können.

Welches Regelwerk stellen sich die Europäer für die Finanzmärkte künftig vor?

Was beim Brüsseler EU-Sondertreffen am Donnerstag auf dem Tisch lag, las sich zunächst einmal recht mutig. Die G 20 solle sich auf „verbindliche Regeln bei der variablen Vergütung verpflichten“, heißt es in der Schlusserklärung zum Brüsseler Sondergipfel. Die Boni müssen künftig an Erfolg oder Misserfolg des jeweiligen Unternehmens gebunden werden. Entscheidend sei, dass die variablen Vergütungen für die Banker künftig nicht mehr vom kurzfristigen, sondern vom langfristigen, nachhaltigen Erfolg von Unternehmen abhängig gemacht werden, sagte Merkel. Sprich: Es soll weltweite Regeln zur Begrenzung der Banker-Boni geben. Zudem sollen die Manager ihre Aktienoptionen künftig erst nach einer längeren Frist ausüben können.

Wo unterscheiden sich die Vorschläge von denen der G 20?

Beim Treffen der G-20-Finanzminister Anfang September in London hatte es keine Einigung auf Höchstgrenzen bei den Boni gegeben. Stattdessen empfahlen die Finanzminister andere Einschnitte bei der Bezahlung der Bankmanager, wie sie sich auch in den Vorschlägen der Europäer wiederfinden. So sollen Bankmanager künftig nicht mehr mit jährlichen Prämienauszahlungen rechnen können, sondern sich auf langfristigere Bonusregelungen einstellen müssen. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück und seine französische Amtskollegin Christine Lagarde hatten bei dem Treffen in London seinerzeit zwar striktere Regeln durchsetzen wollen – aber Boni-Obergrenzen waren mit den USA, Großbritannien und Kanada nicht zu machen.

Wird es zu strikten Regeln in der Finanzwelt kommen?

Mit wachsendem Abstand zum 15. September 2008, dem Tag der Lehman-Pleite, sinken vor allem in den USA die Chancen auf strenge Regeln im Bankensektor. Und nachdem sich in Ländern wie den USA, Deutschland und Frankreich ein Ende der Rezession abzeichnet, könnten die Finanzinstitute der Versuchung erliegen, zum „Business as usual“ zurückzukehren – und die Bemühungen, einer Wiederholung des 15. September 2008 politisch vorzubeugen, im Grunde wirkungslos bleiben. Es ist nicht auszuschließen, dass der Gipfel in Pittsburgh in den entscheidenden Fragen ohne greifbare Ergebnisse zu Ende geht.

Mit Blick auf die Reaktion der Europäer auf die Finanzkrise sieht Karel Lannoo, der Chef des Brüsseler Thinktanks „Centre for European Policy Studies“, durchaus vorzeigbare Erfolge – etwa bei den Regeln für Hedgefonds und der geplanten Reform der Bankenaufsicht. Dass es tatsächlich zu Obergrenzen bei den Boni kommt, hält Lannoo allerdings für fraglich; es gebe weltweit schlicht zu viele Möglichkeiten, solche Obergrenzen auszuhebeln. Auch Bankenexperte Hans- Peter Burghof von der Universität Hohenheim rechnet nicht mit großen Erfolgen: „Die USA und Großbritannien werden da kaum zustimmen.“

Können die Europäer allein handeln?

Nach der Vorstellung des Chefs der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker, müssen die Europäer ihre Pläne zur Regulierung der Finanzmärkte umsetzen, auch wenn die USA in Pittsburgh nicht mitziehen sollten. Es müsse in diesem Fall „einen europäischen Alleingang“ geben, forderte der luxemburgische Premierminister. Für einen solchen Alleingang müsste es zunächst einen Konsens unter den EU-Staaten über das Ausmaß der künftigen Regulierung geben. Dass es zu einer solchen Einigung kommt, ist keineswegs ausgeschlossen. Die Mitgliedstaaten der europäischen Gemeinschaftswährung, für die Juncker spricht, könnten wohl noch am ehesten einen gemeinsamen Nenner finden.

Offen bleibt, ob es den Euro-Ländern gelingt, die Briten, die nicht zur Währungsunion gehören, endgültig mit ins Boot zu holen. Manches spricht dafür. Einerseits hat die eindeutige Trennung zwischen dem angelsächsischen Modell des Investmentbankings, dem bevorzugten Geschäftsmodell der Briten, sowie dem auf dem Kontinent vorherrschenden Privat- und Geschäftskundengeschäft immer weniger Bestand. Und zum anderen liegt eine Kooperation mit den Kontinentaleuropäern auch im britischen Interesse: Wenn der Finanzplatz der Londoner City weiterhin eine gewichtige Rolle spielen soll, dann ist er auch auf die Hilfe der Kontinentaleuropäer angewiesen.

Reichen die Vorschläge überhaupt aus?

„Das Thema Banker-Boni ist aus dem Ruder gelaufen. Hier stellen die Vorschläge durchaus einen Hebel dar, der etwas bewirken kann“, sagt der Bankenexperte Burghof. „Unmoralisches Verhalten ist durch Anreize gefördert worden, so dass das Interesse der Allgemeinheit ignoriert wurde.“ Wichtig sei aber auch, dass die Regulierungsbehörden wie die deutsche Finanzaufsicht Bafin erheblich gestärkt würden. Doch das koste Geld. Sinnvoll sei daher eine „Too-big-too-fail-Steuer“: Die systemrelevanten großen Banken sollten an diesen zusätzlichen Kosten beteiligt werden, fordert Burghof.

Für Henrik Enderlein von der Berliner Hertie School of Governance ist das Thema Banker-Boni nur „eine kleine Stellschraube“ bei den Ursachen der Finanzkrise. „Eigentlich müsste das ein Nebenschauplatz sein. Aber die Politik greift das Thema auf, weil es gut zu kommunizieren ist“, sagt der Ökonom. „Da ist viel Show und wenig Substanz dabei.“ Bei den Vorschlägen der EU halte es sich meist „um Soll-Vorschriften und sehr weiche Formulierungen“. Die Umsetzung bleibe aber doch wieder den einzelnen Ländern überlassen. „Es hat sich nichts geändert: Die Krise ist global, aber die Antworten bleiben national“, sagt Enderlein. Viel wichtiger sei eigentlich, wie die Banken aufgestellt und konkret reguliert werden könnten, um eine ähnliche Krise künftig zu vermeiden. „Doch darüber gibt es derzeit keine wirklich offene Diskussion.“ Möglicherweise, so sagt Enderlein, sei die Krise zu kurz gewesen, um den Handlungsdruck hochzuhalten. Für Pittsburgh erwartet der Ökonom zwar kein Scheitern. „Aber ich gehe davon aus, dass das Treffen weitgehend inhaltsleer endet – auch wenn es im Anschluss anders verkauft werden wird.“

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