Zeitung Heute : „Manche trauen sich erst dann wieder vor die Tür“

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Manche Menschen werden ohne Augen geboren. Anderen zerstören Krebsgeschwüre die Nase oder einen Teil der Wange – oder beides. Wiederum anderen wird bei einem Autounfall ein Ohr abgerissen. Das sind Fälle für Sylvia Dehnbostel: Sie stellt Epithesen her. Im Unterschied zu Prothesen bedecken sie bei Menschen mit Entstellungen fehlende oder verlorene Körperpartien, vor allem im Gesicht, wo jeder Makel besonders auffällt. „Wir werden aber nur dann gerufen, wenn die Ärzte das fehlende oder herausgeschnittene Gewebe gar nicht oder noch nicht mit körpereigener Substanz rekonstruieren können“, sagt die Schweizerin, die 1989 das Institut für Epithetik gegründet hat und dessen Zentrale in Nienhagen bei Hannover leitet.

Eine fehlende Nase etwa fertigt Dehnbostel mit Hilfe von Gipsmasken und Fotos aus der Zeit vor dem Verlust. Im Wesentlichen bestehen Epithesen aus hautecht gefärbtem Silikon, auf das zusätzlich von Hand Sommersprossen, Altersflecken oder feine Adern gemalt werden können. Die Ersatzteile werden am Körper festgeklebt oder an Magneten fixiert, die ihrerseits auf Schrauben aus Titan sitzen, die in der gesunden Knochensubstanz verankert wurden.

Der Gewinn an Lebensqualität durch die Ersatzteile kann enorm sein. „Manche Patienten trauen sich erst wieder mit ihrer Epithese vor die Tür“, sagt Dehnbostel. Dabei denkt sie beispielsweise an jene junge Frau, der wegen eines Tumors das Auge samt dessen Umgebung entfernt werden musste. „Als ihre Epithese fertig war, sind wir gemeinsam in den Optikerladen, um eine Brille auszusuchen“, berichtet die Rekonstrukteurin. Erst als die Optikerin nach der Sehschärfe auf dem künstlichen Auge fragte, habe die junge Frau geglaubt, dass ihre Epithese zumindest auf den ersten Blick nicht auffällt.

Auch BrustEpithesen stellen Dehnbostel und ihre Mitarbeiter her, zum Beispiel für Frauen, „bei denen ein normaler, konfektionierter Brustersatz nicht hält oder die möchten, dass die künstliche Brust besonders natürlich aussieht". Die Krankenkassen zahlten konfektionierte Brustprothesen ohne weiteres, Sonderwünsche je nach Kasse, aber nur in bestimmten Fällen oder teilweise. Im Gesichtsbereich werden die Kosten eher übernommen, wenn auch erst nach eingehender Prüfung.

Gängig dürfte in Zukunft die computergestützte Rekonstruktion fehlender oder zerstörter Körperpartien werden. Mit dem so genannten „Rapid-Prototyping“ lassen sich generell die Folgen heikler Operationen abschätzen. Zum Beispiel können Fachleute am Bildschirm einen wiederhergestellten Kiefer simulieren. Der Chirurg folgt ihrem Design.

REKONSTRUKTION

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