Zeitung Heute : Mancher trauert der DDR-Schule nach

Der Tagesspiegel

Die Lehrergewerkschaft GEW hat sich entschlossen, das heikle Thema „Schule im Osten“ anzupacken. Mit zehn Schwerpunktseiten in ihrer aktuellen Mitgliederzeitschrift „blz“ konfrontiert sie die Leser mit bedrückenden Erfahrungen von West-Lehrern in Ost-Berliner und Brandenburger Schulen. In den Berichten ist die Rede von Bespitzelung, von „Ostalgie“ und Demokratiedefizit. Dabei macht die blz-Redaktion kein Hehl daraus, dass sie sich eigentlich ganz andere Berichte gewünscht hatte, als sie ihre Mitglieder bat, sich über „Schule im Osten“ zu äußern.

Leider werde das angedachte Konzept nur „unvollständig“ erfüllt, heißt es entschuldigend im Vorspann. Bei den meisten Zuschriften stelle sich deutlich eine „West-Sicht“ ein. Um keine Ost-Mitglieder zu vergraulen, wird noch vorsorglich betont, dass die abgedruckten Artikel „keine gewerkschaftsoffiziellen Mitteilungen“ seien.

Die Vorsicht der GEW ist nachvollziehbar. Denn die Artikel enthalten starken Tobak. Beispielsweise schreibt die ehemalige Schöneberger Stadträtin und heutige Weißenseer Schulleiterin Karla Werkentin, es herrsche in „sehr vielen“ Ost-Kollegien die Einstellung, dass die DDR-Schule besser gewesen sei als die heutige. Und sie fragt, ob die Kollegen schon vergessen hätten, dass es an den Schulen Parteisekretäre und Jugendpionierleiter gegeben habe. Als blanken Horror beschreibt eine Französin ihre Erfahrungen als Fremdsprachenlehrerin an einer Brandenburger Schule. Autoritätshörigkeit der Lehrer, Unterwürfigkeit der Schüler, Ausländerfeindlichkeit, abstruse Methoden und mehr führten dazu, dass sie „keinem Kollegen empfehlen würde, in den Osten zu gehen“.

Was aber hat die GEW veranlasst, ausgerechnet jetzt dieses Schwerpunktthema zu wählen? Karla Werkentin vermutet, dass -Artikel vom November 2001 der Auslöser war. Dort wurde erstmals ausführlich über den Ost-West-Arbeitskreis berichtet, in dem Schulräte und Lehrer Beispiele von Demokratiedefizit, Mobbing und DDR-Beschönigung sammeln. Tatsächlich forderte die GEW wenig später ihre Leser auf zu diskutieren, was an den „in der Presse erhobenen Vorwürfen gegenüber Ost-Schulen dran ist“. Und sie bat darum, über „positve Erfahrungen“ zu berichten.

Mit dieser Bitte ist sie zunächst ins Leere gelaufen, denn die Zuschriften spiegelten keine positiven Erfahrungen wider. Dennoch hofft die GEW, dass sich als Reaktion auf die aktuelle blz-Ausgabe noch andere Stimmen melden werden. Der ehemalige GEW-Chef Erhard Laube „bedauert, dass es nicht früher gelungen ist, die jetzige Diskussion zu führen“. Er habe es immer wieder versucht, aber wegen der „großen Verunsicherung und Angst“ unter den Ost-Lehrern ohne Erfolg. Etwas Bewegung hat es aber gegeben. Der frühere Landesschulamtsleiter Wilfried Seiring berichtet, seit dem Tagesspiegel-Artikel sei er schon mehrfach zu Diskussionen in Ost-Schulen eingeladen worden. Er spürt eine zunehmende Bereitschaft, „sich gegenseitig anzuhören“. Susanne Vieth-Entus

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