Zeitung Heute : „Manchmal spreche ich mit meinen Boxershorts“

Schwarz, immer nur schwarz – Paul Smith wünscht sich mehr Farbe in der Mode. Und er geht selber mit gutem Beispiel voran: in grün-blau geringelten Socken.

Interview Ulf Lippitz
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Modedesigner Paul Smith. -Foto: Visum

Mister Smith, würden Sie sagen, Sie haben einen untrüglichen, makellosen Geschmack?



Hm, ich habe wohl eher einen eklektischen und leicht exzentrischen Geschmack. Makellos – das klingt so, als sei ich strebsam und ordentlich. Schauen Sie sich mal im Büro um!

Ganz schön chaotisch hier. Auf dem Fensterbrett stehen alte Kameras, an den Wänden lehnen Bücher, auf Ihrem großen Schreibtisch stapeln sich die Papiere.

Aber der große Konferenztisch ist frei geräumt! Ich hatte eben eine Krawatten-Besprechung, da musste ich den Tisch aufräumen, damit wir uns die Muster ansehen konnten.

Mir fällt auf, dass Sie heute ganz normale Jeans tragen.

Dazu kombiniere ich ein handgemachtes Jackett aus Kaschmir, unter dem ich ein weißes Cowboyhemd trage. Meine Füße stecken in grün-blau geringelten Socken und feinen Lederschuhen. Sonst noch Fragen?

Ist das der „British style with a twist“, für den Sie berühmt sind?

Nun ja, ich entwerfe Jeans, Anzüge oder Hemden, die Männern das Gefühl geben sollen, sie selbst zu sein. Wenn Sie bei einer Bank arbeiten, tragen Sie meine klassischen Anzüge. Arbeiten Sie im kreativen Bereich, greifen Sie zu einer hellen Krawatte und zum Jeanshemd.

Die einflussreiche Modekritikerin Suzy Menkes schrieb: „Paul Smith macht normale Männer wieder glauben, dass Mode auch für sie da ist.“

Das könnte daran liegen, dass ich bodenständig bin. Ich interessiere mich für Architektur, Sport und Rockmusik, das sind, wie ich finde, alles maskuline Interessen. Meine Kleidung ist nicht laut, vertritt aber einen Standpunkt.

Sie haben einmal gesagt, eine Marke wie Gucci verspricht Sex. Sie wollten das nicht.

Tom Ford versprach Sex, als er für Gucci entwarf. Prada suggeriert den Kunden Kreativität. Na und? Ich habe mit keinem dieser Versprechen Probleme. Es ist nur Mode.

Sie machen doch auch nur Mode.

Ich versuche, Stil zu verkaufen. Sehen Sie, Mode ist für Menschen, die das Geld haben, sich moderne Kleidung kaufen zu können. Jemand, der sich ein ganzes Designeroutfit leisten kann, muss nicht geschmackvoll aussehen.

Ist es geschmacklos, ein komplettes Outfit von Paul Smith zu tragen?

Schon möglich. Wenn Sie zum Beispiel einen Anzug kaufen, der für Ihre Körperform oder Ihr Alter unpassend ist, dann sind Sie nicht geschmackvoll gekleidet. Stil hat mit der Körperhaltung, mit Manieren und Körperpflege zu tun. Kleidung ist nur ein Teil des Gesamtbildes.

Was ist die schlimmste Modesünde, die man begehen kann?


Wenn ältere Menschen versuchen, jung auszusehen, geht das meist daneben. Wenn eine Lady ein Kleid mit zu viel Ausschnitt trägt, ohne die Figur dafür zu haben. Wenn ein Mann ein Hemd anzieht, das zu bunt ist.

Sie plädieren selbst dafür, mehr Farben zu tragen.

Weil es in der Mode heute nur eine Farbe gibt: Schwarz. Gehen Sie mal auf eine Modenschau. Die Doyens der Modewelt tragen fast alle Schwarz mit Schwarz zu Schwarz. Weil es so einfach ist! Kommt schon Leute, ein wenig risiko freudiger könnt ihr doch sein! Es tut nicht weh, ein rosa Hemd anzuziehen.

Den Durchschnittsmann kostet das sicher Über windung.

In den 60er Jahren kamen Farben für einen Mann nicht infrage. Als ich zehn Jahre später anfing zu arbeiten, entdeckten die Briten gerade die Pauschalreise. Sie fuhren ans Mittelmeer, bewunderten die wunderschönen Freundinnen der Südländer und stellten fest: Man muss nicht schwul sein, um Rosa zu tragen!

Wo wir gerade darüber sprechen: Es gibt nur sehr wenige heterosexuelle Modeschöpfer.

Stimmt, ich bin ein seltenes Exemplar. Für mich kam die Entwicklung zum Herrendesigner ganz natürlich. Zuerst arbeitete ich als Verkäufer, dann als Einkäufer für ein Modegeschäft in Nottingham, wo ich 1970 mein eigenes Geschäft eröffnete. Meine Freundin und heutige Frau Pauline hat eine Modeschule besucht, ich nicht. Sie lehrte mich viel, was ich über Design wissen musste. Ich habe für Männer entworfen, weil ich selbst ein Mann bin.

Erst vor zwölf Jahren gründeten Sie eine Frauenlinie.


Mich begeistern schlichte Blusen, Strickkleidung, Regenmäntel – alles ohne Spitzen oder Stickereien. Ich wollte Frauenkleider in die richtigen Proportionen setzen, so wie bei einem Baukasten. Mir dämmerte dann schnell, dass ich überhaupt kein Interesse an Make-up oder Haarschnitten oder Models habe. Mit Röcken oder Kleidern habe ich immer noch Schwierigkeiten.

Coco Chanel sagte: Mode ist eine Frage der richtigen Proportionen.

Und sie hatte völlig recht.

Was sind die besten Proportionen für einen großen Mann wie Sie?

Ein hoch gewachsener Mann sollte seinen Körper betonen, deshalb empfehle ich schmale Schultern, lange gerade Jacketts, aber keine, die im Wind hin und her flattern. Dazu enge Hosen.

Was steht großen Männern nicht?


Kleidung, die sackartig geschnitten ist. Mein wichtigster Lehrer war neben Pauline ein Schneider, der Zeremonienkleidung anfertigte, für Paraden zum Beispiel. Er wusste, wie Schnitt und Form die Haltung eines Mannes verbessert.

Bitte verraten Sie seine Tricks.


Er fertigte Hosen, die bis zum Rückgrat reichten und den Männern Halt gaben. Er versteckte die Hosennähte innen und betonte damit die schlanke Silhouette des Mannes.

Und was haben Sie über Stil gelernt, als Sie in den 50er Jahren in Nottingham aufwuchsen?

Ich dachte immer, ich hätte in meiner Teenagerzeit nichts für Mode übrig gehabt, aber wenn ich mir alte Fotos ansehe, bemerke ich, dass ich ziemlich smart gekleidet war. Das waren einfache Sachen: ein weißes Hemd, eine schwarze Hose. Aber ich trug sie mit einem gewissen Selbstbewusstsein.

Hatten Sie damals ein Lieblingskleidungsstück?

Ja, einen burgunderfarbenen Pullover mit rundem Kragen. Ich war so stolz darauf, weil ich das erste Mal ein eigenes Kleidungsstück besaß, das nichts mit unserer Schuluniform zu tun hatte. Und ich erinnere mich an ihn, weil ich ihn anzog, wenn ich mit den Jungs vom Radsportverein unterwegs war. Ich wollte ja unbedingt Radprofi werden.

Was haben Mode und Radsport gemeinsam?

In den 50er Jahren war Radfahren ein Sport wie heute Fußball. In den Zeitschriften sah ich die berühmtesten Rennfahrer der Zeit, Männer wie Fausto Coppi. Wenn er zu einem Rennen kam, aus dem Auto stieg, dann trug er immer einen zwei reihigen Anzug mit Hemd und Krawatte.

Mit 17 Jahren verunglückten Sie, mussten am Knie operiert werden und blieben drei Monate im Krankenhaus.


Mein Bein hing in einer Schlinge, ich konnte mich kaum bewegen. Aus Langeweile perfektionierte ich die Fähigkeit, den Löffel zwischen zwei Zehen zu halten und mich so zu füttern. Alle nannten mich die Gottesanbeterin, mit meinen langen Beinen sah ich wohl ziemlich komisch aus. Im Krankenhaus lernte ich Patienten kennen, mit denen ich mich nach meiner Genesung im Pub verabredete – und das war auch der Treffpunkt der Kunsthochschulstudenten. Ich ging öfter hin, lernte Studenten kennen und begriff, dass es noch eine ganz andere Welt gab. Die Studenten trugen lange Haare. Das war damals unerhört.

Sie machten bald mit?


Klar, ich hatte sehr lange Haare und trug extra vagante Cord-Anzüge. Mit 19 Jahren begann ich in einem kleinen Modegeschäft zu arbeiten. Da gab es Blumenhemden und Samthosen, die ich anziehen durfte, und ich fühlte mich sofort wie ein Rockstar. Meine Eltern waren entsetzt.

Dann lernten Sie Pauline kennen, eine ältere Frau, verheiratet, mit zwei Kindern.


Sie unterrichtete zwei Tage pro Woche an der Kunsthochschule. Sie sprach mich auf der Geburtstagsparty eines Studenten an.

Waren Sie eingeschüchtert von ihr?

Nein, obwohl ich ja kaum Erfahrungen mit Frauen hatte. Damals war ich so mit Musik beschäftigt, dass ich vor Pauline nur eine Freundin hatte, die mich für Bill Wyman sitzen ließ.

Moment mal. Bill Wyman, etwa der Bassist der Rolling Stones?

Ja.

Oh.

Ich weiß, mir tat sie auch leid.

Also, warum waren Sie bei Pauline nicht eingeschüchtert?


Jeder meiner Freunde sagte: Mann, die Frau ist ein Hammer! Sie war wie eine Erscheinung in Nottingham, weil sie nur selbst entworfene Kleidung, gefärbte Krawatten mit marineblauen Blusen trug. Mir wurde die Tragweite unserer Beziehung erst bewusst, als sie 1968, zwei Jahre nach unserem ersten Treffen, mit mir zusammenzog.

Was haben Ihre Eltern gesagt?

Sie waren geschockt. Mein Vater hat allen erzählt, wir seien verheiratet. Für ihn war es klar, dass wir in Sünde lebten, für mich war das ein Schnellkurs im Erwachsenwerden. Plötzlich lebte ich mit einer Frau aus London zusammen, ihren Kindern, zwei Katzen und einem Hund.

Es heißt, der Hund war eine Berühmtheit?

Sein Name war Homer, ein Afghane, der mit seinen langen Haaren und seiner großen Nase aussah wie ich. Im Prinzip war er der Manager des Geschäfts, weil ihn jeder Kunde zuerst begrüßte. Die Menschen kamen in den Laden: „Hallo Homer!“ Und dann: „Oh, hallo, Paul!“ Ich war am Anfang ziemlich sauer. Pauline kaufte mir sogar ein teures Parfüm von Guerlain, nur wegen des Hundes.

Warum das?

Der Hund hatte schlimme Blähungen. Ich sollte mit dem Parfüm Homers Gestank überdecken.

Das hat Ihre Kunden nicht davon abgehalten, 1970 Ihre ersten selbst gemachten Sachen zu kaufen.

Pauline gab mir den entscheidenden Anstoß. Eines Tages sagte sie: „Du hast so viele Ideen, versuch doch mal, Hemden zu entwerfen.“ Wir bedruckten sie gemeinsam und verkauften sie unter dem Label Paul Smith.

Wie sahen sie aus?


Wie Hippie-Kleidung. Pauline entwarf mal ein silberfarbenes Hemd mit kleinen indischen Knöpfen, die sie auf dem Markt gekauft hatte, und kleinen Applikationen darauf. Wahrscheinlich waren sie teuer für die Zeit, um die 20 Pfund.

Warum hat Ihre Frau nie daran gedacht, die Sachen unter ihrem Namen zu verkaufen?


Mein Name funktionierte gut als Label. Viele Kunden kannten ihn bereits, weil ich davor in einem anderen Modegeschäft gearbeitet hatte. Anfangs war es eine rein praktische Entscheidung. Und es war mein Laden, sie unterrichtete weiterhin an der Hochschule.

Wann gab es die erste richtige Kollektion?

Im September 1976 reisten wir mit einer kleinen Auswahl nach Paris. Damals arbeitete ich bereits nebenbei für Modedesigner in London. Ich kannte so die wichtigen Einkäufer von Kaufhäusern wie Barneys in New York oder Bonmarché in Paris.

Die Kollektion begründete Ihren heutigen Stil?

Richtig. Die erste Kollektion hieß Irish Tweed. Die Kleidung hatte einen Hauch lila, sehr vor sichtig, fast wie eine Farbe für Federn. Schon vier Jahre später gehörten Architekten wie Norman Foster zu unseren Kunden.

Sie beschweren sich, dass die Menschen heute stärker zur Uniform neigen.

Weil sie unsicher sind. Was die Karriereaussichten oder die soziale Akzeptanz betrifft. In der Krise tragen alle dasselbe, um weder positiv noch negativ herauszustechen.

Leben wir in einer konservativen Ära?

Es gibt viele Haute-Couture-Häuser. Die meisten überleben aber nur dank ihrer Handtaschen, Parfüms oder Schmuckkollektionen. Was wir auf dem Laufsteg sehen, kommt fast nie in die Geschäfte. In den 60er und 70er Jahren versuchten die Menschen, neue Regeln zu erfinden – denken wir an die Mods, die Punks und die New Romantics. Heute sehen die Menschen zu sehr auf Geld und Karriere. Wenn sie das falsche Auto fahren, werden sie nervös. Sie wollen auf keinen Fall zu weit nach links oder rechts rücken. Das fördert den Hang zum Einheitsbrei.

Das Magazin „Esquire“ veröffentlicht jedes Jahr eine Liste der am besten angezogenen Männer. Dieses Jahr sind unter anderem Barack Obama und der Schauspieler Christian Bale in den Top Ten.


Solche Listen interessieren mich nicht. Vor ein paar Jahren wählte die britische „GQ“ Elton John als den am besten gekleideten Mann. Sehen Sie ihn sich doch mal an! Und Mr. Obama ist gut gekleidet, aber nicht außergewöhnlich gut. Er steht für ein risikofreies Outfit. Er bevorzugt Anzüge, die an stressigen Tagen nicht stören.

Auf der Liste fehlte David Beckham. Ist er keine Mode-Ikone mehr?

Er war nie eine. Vielleicht war er ein Vorbild für junge Menschen, die eine Familie gründen wollen, und für junge Fußballer.

Er verhalf immerhin dem Männerslip wieder zu neuem Ansehen.

Dafür bekam er auch 20 Millionen Pfund!

Sie waren in den 80er Jahren für den Boom der Boxershorts in den USA verantwortlich. Was ist so sexy an gepunkteten Boxershorts?


An schlanken, jungen Männern sehen sie einfach gut aus.

Boxershorts unter den aktuellen schmalen Jeans zu tragen, ist ein Albtraum.


Hätte ich sie heute Morgen unter meine enge Jeans angezogen, wäre mir das jetzt bestimmt sehr unangenehm. Manchmal spreche ich mit meinen Boxershorts in der Kommode: „Haltet durch, wenn weite Hosen wieder in Mode kommen, dann ziehe ich euch wieder an.“

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