Zeitung Heute : Mangelware Ausbildungsplatz

Der Tagesspiegel

Immer weniger Jugendliche in Berlin beginnen eine Ausbildung – und immer mehr besuchen deswegen spezielle Lehrgänge an den Berufsschulen. Hatten im vergangenen Jahr noch 23 382 Jugendliche einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen, waren es in diesem Jahr nur noch 22 808, wie das Statistische Bundesamt meldet. Das entspricht einem Rückgang von 2,5 Prozent. Zum Vergleich: bundesweit sank die Zahl nur um 2,2 Prozent. In der Senatsarbeitsverwaltung macht man die schwache Konjunktur für die sinkende Zahl der Lehrstellen verantwortlich. So sei der Rückgang im Bereich Handwerk besonders stark. Hier sank die Zahl der Ausbildungsplätze um 5,2 Prozent, aber auch Industrie und Handel bilden in diesem Jahr drei Prozent weniger Jugendliche aus.

„Wegen der schlechten Auftragslage stellen viele Betriebe keine Auszubildenden mehr ein“, sagt auch der Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer, Bernd Babel. „Was sollen die Jugendlichen denn lernen, wenn es nichts zu tun gibt?“ Auch dass der Stadt Geld fehlt, bekämen die Baubetriebe deutlich zu spüren. Seit einem Jahr gebe es praktische keine öffentlichen Aufträge. Immer mehr Betriebe müssen laut Babel Konkurs anmelden. „Die bilden dann natürlich auch nicht mehr aus.“

Die Konjunkturschwäche ist für den stellvertretenden Hauptgeschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer, Jan Eder, nicht der Hauptgrund für die weniger werdenden Lehrstellen. „Viele Betriebe finden einfach keine geeigneten Azubis.“ Viele Schulabgänger beherrschten nicht einmal die Grundkenntnisse wie Schreiben, Lesen, Rechnen, von den heute so wichtigen sozialen Kompetenzen ganz zu schweigen. Aus diesem Grund seien in der Berliner Industrie im vergangenen Jahr 250 Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben. Aber auch die Tatsache, dass die Ausbildungsförderung im vergangenen September gestrichen wurde, sei sicherlich für den Lehrstellenrückgang verantwortlich. In der Senatsschulverwaltung weist man diese Vorwürfe entschieden zurück. „Wenn die Wirtschaft uns Ausbildungsplätze anbietet, dann bieten wir ihr gute Schüler“, sagt Sprecherin Rita Herrmanns. Auch sie sieht in der schwachen Konjunktur den Grund für den Lehrstellenrückgang. „Heutzutage haben es auch Einser- und Zweier-Schüler schon schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden. Auch die sinkende Zahl der Schüler und die gewachsene Neigung der Schulabgänger zu studieren, wird in der Schulverwaltung als möglicher Grund gesehen.

Unterdessen besuchen immer mehr Jugendliche ohne Lehrstelle spezielle Lehrgänge an den Oberstufenzentren dieser Stadt. Nach Auskunft des zuständigen Oberschulrats sind es derzeit rund 15 000 junge Menschen. Sie belegen so genannte Vollzeitlehrgänge im 11. Schuljahr, berufsqualifizierende Maßnahmen oder auch die einjährige Berufsfachschule. Im Angebot sind zudem berufsvorbereitende Maßnahmen, die die Arbeitsämter finanzieren.

Auch an den Fachoberschulen wurde zuletzt ein so genanntes Praktikantenmodell eingerichtet, dass Jugendlichen eine Perspektive bieten soll, die keinen regulären Ausbildungsplatz bekommen haben. akl/kög

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