Zeitung Heute : Manhattan Transfer

Über Nacht ist ein einst verehrter Name zur Beschimpfung geworden: Bernard L. Madoff – der wohl größte Betrüger der Wall Street, der Mann, der Anleger um geschätzte 50 Milliarden Dollar brachte.

Matthias B. Krause[New York]

Es muss eine gespenstische Szene gewesen sein, die sich am Mittwochabend in einem feinen Apartment an der Upper East Side in Manhattan abspielte. Dramatisch in ihrer Schlichtheit, erschütternd in ihrer Konsequenz. Es war kein guter Tag gewesen für Bernard L. Madoff, den legendären Wall-Street-Investor, dem tausende Reiche ihr Geld anvertrauten, dem Hedge-Fonds Millionen gaben, den sie in den Golf- und Country-Clubs auf Long Island und in Florida als den Mann kannten, der wusste, wie man stetig Geld verdient, in guten wie in schlechten Zeiten.

Einer seiner beiden Söhne, die in seiner Firma als Topmanager arbeiten, hatte ihn tagsüber zur Rede gestellt. Wie es sein könne, dass er Schwierigkeiten habe, die sieben Milliarden Dollar zusammen zu bekommen, die ein Kunde sich auszahlen lassen wollte. Madoff hatte keine Erklärung. „Ich habe in den vergangenen Wochen unter großen Stress gestanden“, sagte er nur.

Mehr wollte er hier in dem Büroturm seiner Firma, in der er die Bücher gewissenhaft unter Verschluss hält, nicht sagen. Am Abend dann, so steht es in der Anklageschrift, eröffnete der 70-Jährige in seiner Wohnung das Unglaubliche. „Es ist alles eine große Lüge“, sagte Madoff seinen scheinbar ahnungslosen Söhnen, „im Wesentlichen ein gigantisches Schneeballsystem“. Er sei „am Ende“ und habe „absolut nichts mehr“. Er wollte noch 200 bis 300 Millionen Dollar unter Angestellten und Familienmitgliedern verteilen, dann werde er sich den Behörden stellen. Doch dazu kam es nicht mehr. Seine Söhne zeigten Madoff bei der Bundespolizei FBI an.

Als deren Agenten ihn am Donnerstagmorgen festnahmen, sagten sie beruhigend: „Wir wollen nur sehen, ob es für das alles nicht eine unschuldige Erklärung gibt.“ Madoff antwortete: „Es gibt keine unschuldige Erklärung.“ Er habe bei seinen Aktiengeschäften Geld verloren und Investoren mit Geld bezahlt, das es in Wirklichkeit gar nicht gab. Noch kann niemand den genauen Schaden beziffern, den Madoff mit seinen Scheingeschäften anrichtete. Sicher ist nur, dass es sich um eine gigantische Summe handelt – bis zu 50 Milliarden Dollar. Das wären fast zweimal so viel, wie die amerikanische Autoindustrie für ihre Rettung vom Staat haben will.

Es wäre der größte Betrug in der Geschichte der Wall Street. Mit Abstand. Andrew Calamari, einer der Ermittler der Börsenaufsicht SEC sagte dem „Wall Street Journal“: „Es handelt sich um einen unglaublichen Betrug von epischen Ausmaßen.“ Der Chef des Hedge-Fonds Seabreeze Partners Management, Douglas Kass, sagt: „Zu Madoffs Investoren gehören Industriekapitäne, Aktiengesellschaften, Stiftungen, Universitäten und viele Hedge-Fonds, die ihn wie ein hochzinsiges Tagesgeldkonto benutzten. Wie es aussieht, sind wenigstens 15 Milliarden Dollar Guthaben, das meiste davon aus Südflorida und New York, in den ,Geld-Himmel’ verpufft.“

So wie Bernard Madoff gerne selbst seine Geschichte erzählte, begann alles an den Stränden von Far Rockaway, einer Gegend im New Yorker Stadtteil Queens, die an den Atlantik grenzt. Dort verdiente sich Madoff im Sommer am Strand als Rettungsschwimmer Geld. Und in den kleinen Gärten installierte er automatische Sprinkleranlagen. Mit den 5000 Dollar, die er so beiseite legte, gründete er 1960 die Bernard L. Madoff Investment Securities, eine Investmentfirma, die mit dem Handel von Aktien Geld verdiente.

Der Mann, der sein Jurastudium nie abschloss, machte sich die Vorteile von Computern zur Abwicklung des Handels frühzeitig zu Nutze. Innerhalb von 20 Jahren stieg er zu einer der angesehensten Führungspersönlichkeiten an der Wall Street auf. Für mehrere Jahre stand er der Technologiebörse Nasdaq als Verwaltungsratsvorsitzender vor.

Vor allem aber verkehrte er in jenen Kreisen New Yorks und Floridas, wo das „alte Geld“ sitzt. Die Leute vertrauten ihm, er brachte ihnen zweistellige Renditen, Jahr für Jahr, ob Anleger anderswo nun auf einer Welle schwammen oder ins Tal abstürzten. „Über Nacht ist der einst verehrte Name Madoff in unserer Familie zur Beschimpfung geworden“, sagte der Rechtsanwalt Stephen Helfman in Miami der „New York Times“, „mein Vater hat bei ihm vor über 30 Jahren ein Konto eröffnet. Wir haben ihm immer vertraut.“ Viele gaben Madoff Stück für Stück über die Jahre ihr gesamtes Vermögen, schließlich hatte er sie nie im Stich gelassen. Immer öfter konnte Madoff es sich leisten, potenzielle Investoren abzuweisen. Das machte ihn bei vielen nur noch attraktiver, es galt als Auszeichnung, ihm vorgestellt zu werden.

„Er hat dauernd Leute abgewiesen“, sagt der New Yorker Immobilienanwalt Robert Ivanhoe, „er musste sich nicht bei Wohltätigkeitsveranstaltungen blicken lassen, um mehr Investoren zu bekommen. Leute, die ihr Geld anlegen wollten, haben ihn verfolgt.“ Der New Yorker Rechtsanwalt Brad Friedman sagte der „New York Times“: „Es gibt Leute, die waren vor ein paar Tagen noch sehr, sehr reich und stehen nun praktisch vor dem Nichts. Alles, was sie noch haben, sind ihre Häuser und Apartments, die sie verkaufen müssen, um leben zu können.“

Namhafte Hedge-Fonds, Besitzer von Sportklubs wie den New York Mets sind betroffen, Banken in Frankreich, Spanien, der Schweiz, Italien, Großbritannien. Es wird noch Wochen dauern, bis das gesamte Ausmaß des Schwindels abzuschätzen ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Madoff so lange einen so umfangreichen Betrug begehen konnte, ohne erwischt zu werden. Die Börsenaufsicht SEC ermittelte 1992 schon einmal gegen ihn, fand aber nichts. Zwar galten die Buchführungspraktiken seiner Firma als „ungewöhnlich“ und er ließ sich nur von einer kleinen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft überwachen, aber im Großen und Ganzen konnten die Behörden nichts Strafbares finden.

Gleichwohl kamen der Konkurrenz die stetigen Gewinne von Madoffs Firma merkwürdig vor. Einige Hedge-Fonds verzichteten deshalb darauf, bei ihm zu investieren. Madoff gab vor, hauptsächlich bei der Vermittlung von Aktiengeschäften zu verdienen, obwohl er in Wirklichkeit die Gewinnausschüttungen seiner Kunden mit den Einlagen seiner Neukunden finanzierte.

Einer, der Madoff nicht traute, war sein Rivale Harry Markopolos. In einem Brief an die Börsenaufsicht SEC schrieb er 1999: „Madoff Securities ist das weltweit größte Schneeballsystem.“ Doch seine Warnungen verhallten ungehört. Wenn Journalisten Madoff danach befragten, wie er seine legendären Gewinne erwirtschafte, reagierte der oft ungehalten. Er verwies auf die Beglaubigungen der Wirtschaftsprüfer und beschied den Fragern, seine Geschäftsstrategie sei so kompliziert, dass sie Außenseiter nicht verstünden. Gegen eine Kaution von zehn Millionen Dollar befindet sich Bernard Madoff derzeit wieder auf freiem Fuß. Wird er verurteilt, drohen ihm bis zu 20 Jahre im Gefängnis und ein Bußgeld in Höhe von fünf Millionen Dollar. Sein Anwalt Dan Horwitz sagt: „Wir werden gegen diese unglücklichen Geschehnisse kämpfen.“

Nachdem Madoffs Festnahme öffentlich geworden war, versammelte sich am Freitag ein Dutzend wütender Kunden in der Lobby des Hauptquartiers von Madoff Securities in Midtown Manhattan. Eine Frau beschied einem Reporter der „New York Times“, sie habe die Firma angerufen und ihr sei gesagt worden, die Geschäfte würden wie gewöhnlich abgewickelt. Daraufhin rief ein Mann neben ihr: „Wie gewöhnlich? Natürlich wie gewöhnlich. Wir werden von hinten bis vorne betrogen.“ Wenig später erschien die Polizei und komplimentierte die Leute auf die Straße.

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