• MANIEREN Gerhard Schröder macht Punkte in Amerika – wenigstens beim formvollendeten Handkuss für Frau Bush. Können wir noch etwas vom Kanzler lernen? die Hand Küss

Zeitung Heute : MANIEREN Gerhard Schröder macht Punkte in Amerika – wenigstens beim formvollendeten Handkuss für Frau Bush. Können wir noch etwas vom Kanzler lernen? die Hand Küss

Christine-Felice Röhrs

Der Herr nimmt die

Finger der Dame (nicht die ganze Hand). Und zwar vorsichtig. Unter Umständen muss er sie drehen, falls die Dame sie zum normalen Handschlag

gereicht hat. Wenn sie widerstrebt, weil ihr

dieser Gruß unangenehm ist: nicht erzwingen ! Da ist im

wahrsten Sinne

„Fingerspitzengefühl“

gefragt.

DER DRITTE SCHRITT

Der Herr hebt die Hand der Dame an, etwa auf Brusthöhe – und zwar auf ihre; selbst wenn der Herr groß ist, dann muss er sich halt bücken. Die Dame lässt dabei die Hand locker in seiner ruhen. Wichtig: Einen Handkuss gibt man nicht husch-husch, der Herr sollte sich Zeit nehmen. Ihn zelebrieren . Ab jetzt spricht er nicht mehr.

DER LETZTE SCHRITT

Der Herr hält die Lippen geschlossen . Jetzt besteht kein Blickkontakt mehr, und es wäre unhöflich, der Dame auf die Hand zu nuscheln. Beim eigentlichen Kuss berühren die Lippen die Hand nicht!

–– Erklärt von Thomas Schäfer-Elmayer, Wiener Etikette-Trainer, der auch die Debütantenpaare des Opernballs vorbereitet. rcf

VOR DEM HANDKUSS

Folgendes ist zu beachten: Er wird nur in formellen Situationen und nur in geschlossenen Räumen gegeben. Und: Nicht jede Dame ist „ handkussfähig “. Mindestens 18 sollte sie sein.

DER ERSTE SCHRITT

Der Herr rückt etwas näher heran als zum Händedruck. Er wartet, bis die Dame die Hand ausstreckt.

Zum Schluss hatte ich Nudelsalat auf dem Handrücken und eine Schmierspur bis zu den Fingern. Das, letztlich, war der Auslöser, dass ich hier gegen Handküsse schreibe – ausgerechnet ich, die ich höfliche, charmante Männer ganz großartig finde, ich, bekennendes Mitglied der Nach-Emanzenära…

Aber man hat mich ja getrieben. Besser: Mann hat mich getrieben. Meine persönliche Statistik besagt: Den Handkuss beherrschen die Wenigsten, und es tun immer die Falschen (vielleicht sollte er Männern unter 40 einfach verboten werden?) Da waren solche vom Typ Nachwuchsbetriebswirt, die schon einen pastoralen Ton in der Stimme trugen und mich „gnädige Frau“ nannten, vor dem Handkuss. Da waren die Komiker, die die Hand drehten und sich selbst küssten. Dann die sensiblen Pferdeschwanz-Männer, die statt des ersehnten Ausflugs ins Phantasialand einen Abend im experimentellen Tanztheater organisierten, samt Handkuss beim Abholen… Richtig gepasst hat es eben nie. Einen Handkuss, der mein Herz berührte, habe ich nie bekommen. Nur eitle, von Männern, die ach wie gern zeigen wollten, welch fabelhafte Manieren sie haben. Es blieb das Gefühl, dass ich im Endeffekt gänzlich unbeachtet geblieben war, als Demonstrationsobjekt.

Gutes Benehmen, finde ich, ist immer angemessenes Benehmen. Ein Handkuss ist eine heute außergewöhnliche Begrüßung. Sie gehört in einen außergewöhnlichen Rahmen, sonst ist sie peinlich. Und dann die Form. Zu schwungvoll wirkt’s oberkellnerhaft, zusätzlich zum Kompliment schmierig. Ein Handkuss, der muss stumm und zärtlich sein. So wie ein Kuss am schönsten ist, wenn der Junge das Gesicht des Mädchens sacht in beide Hände nimmt und emporhebt, so hat auch der Handkuss nichts mit grabschen zu tun.

Handküsse, die ich mir gefallen ließe, kämen von einem Herrn mit schönem weißen Haar, mit Haltung und Humor, Typ Karel Brückner, der ganz platonisch mit mir am Kaminfeuer säße. Sie kämen von John Cusack, Schauspieler, der sicher zu schüchtern wäre, es auf meinen Lippen zu versuchen. Oder von jenem einen, der immer an meine Hand dürfte, sogar nach Nudelsalat. Alle anderen bitte ich, davon abzusehen.

Dieses Kribbeln. Wird er oder wird er nicht? Näher und immer näher rücken die Lippen, schon schürzen sie sich, winzige Schweißperlen zwischen den Bartstoppeln, Nervosität also auf beiden Seiten, der Kopf sinkt, die Hand steigt, das Haupthaar, mal üppiger, mal nicht, lässt tief blicken, die Hand verharrt, schwebt in der Luft, endlich treffen sich die Augen – aah, fast, fast, aber eben doch nicht ganz, keine Berührung, gottlob, nur ein Versprechen, ein Hauch, ein leiser Wind. Der Handkuss zeugt von der Kunst des Möglichen, vom perfekten „als ob“. Er feiert die hohe Schule des Meidens und Meinens, ist deren letzte, vielleicht kostbarste Bastion. Und er bewahrt einen vor Zudringlichkeit. Oder möchten Sie von wildfremden Menschen auf offener Straße mir nichts, dir nichts umarmt, an haarige Brüste gedrückt, abgeknutscht werden?

Ich weiß gar nicht, ob es nun damit zu tun hat, dass zwei meiner Vorfahrinnen mütterlicherseits Hofdamen beim russischen Zaren gewesen sind (Tante Olga und Tante Njuta), oder damit, dass mein Großvater meine Großmutter zu Festtagen stets mit einem Handkuss begrüßte – ich persönlich habe jedenfalls kein Problem damit, im Gegenteil, ich schätze es und finde es durchaus angemessen, sich mir in dieser Weise zu nähern. Vielleicht habe ich aber auch einfach nur gute Erfahrungen gemacht. In der Hand des Theaterregisseurs Rudolf Noelte beispielsweise verschwand die meinige einst wie in einem warmen Laib Brot. Luc Bondy wiederum, heute Chef der Wiener Festwochen, ließ gar nicht mehr ab von mir, an jenem späten Morgen im Café des Hotel Imperial, was charmant war, beruflich aber leider keine Konsequenzen hatte. Und Vicco von Bülow wird sich gewiss an mich nicht mehr erinnern, irgendwie stellt man sich ihn ja vor, wie er schöne Frauen komplimentierend und tausend Hände küssend durchs Leben geht. Schade, dass alles schon so lange her ist...

Der Vorgang als solcher übrigens dauert nur Sekunden. Man muss sich, um ihn wirklich genießen zu können, also konzentrieren. Und geben Sie acht, werte Damen, dass Sie Ihrem Kavalier beim Zurückziehen der Hand keinen Kinnhaken verpassen. Sonst kribbelt’s bei ihm und nicht bei Ihnen. Christine Lemke-Matwey

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