Zeitung Heute : Mann für schräge Töne

„There’s no money in Jazz“, warnte man ihn. Er versuchte es trotzdem – und hatte Erfolg. Weil er den Jazz vom Pop her denkt, ihn leicht und einfach macht. „Wenn es sich nicht verkauft, bin ich nicht der Richtige“, sagt Musikproduzent Siggi Loch, der am Freitag 70 wird

Dafür, dass er Namen gemacht hat, Namen wie Marius Müller-Westernhagen, Klaus Doldinger, Jürgen Drews, Katja Ebstein, George Baker, Al Jarreau oder Yes, ist sein eigener ziemlich unbekannt. Er findet sich selten auf Platten, obwohl diese ohne ihn nicht entstanden wären. Und er findet sich nicht auf dem Klingelschild.

Man muss wissen, wie man zu Siegfried Loch gelangen kann. Als einer der Granden der Musikbranche führte an ihm lange kein Weg vorbei. Dann kam ihm die Idee, ein Jazzlabel zu gründen. Als wenn es nicht schon schwierig genug wäre, mit Musik Geld zu verdienen in Zeiten der Internetdownloads, der digitalen Revolution. Mit Jazz ist es quasi unmöglich. Loch versuchte es trotzdem – mit Erfolg.

Am Freitag feiert der Wahlberliner seinen 70. Geburtstag. Und neben der Krise des Musikmarkts hat er nur ein weiteres Problem: keinen Nachfolger.

Wer sollte ihn ersetzen als Kopf des ACT-Labels, das von ihm 1992 ins Leben gerufen wurde und das Jazz wieder cool gemacht hat? Wer könnte die Erfolgsgeschichte fortschreiben, die vor 50 Jahren damit begann, dass Siggi Loch seinen privaten VW-Käfer mit Schallplatten belud und als Vertreter für seltene Importe von Händler zu Händler tingelte? Wer dürfte von sich sagen, einen Musikkonzern geleitet, die Intrigen unter Plattenbossen überstanden zu haben – ohne das Kitzeln des Zuhörens zu verlieren. „Man kann das Gefühl nicht beschreiben“, sagt Siggi Loch, „das einen überkommt in dem Wissen, dass ein bestimmter Song es einfach ist.“

Heute bewohnt der schlanke Mann eine prachtvolle Villa in Grunewald. Standesgemäß für einen, der den Pfefferminz-Prinz, „Major Tom“ und den „Goldenen Reiter“ groß gemacht hat und reich geworden ist mit den traumhaft wachsenden Umsätzen der Branche. Seit Musik als Datensatz durchs Internet zirkuliert, gibt es die nicht mehr. Trotzdem hat Siggi Loch noch mal von vorne angefangen und einem Genre neues Leben eingehaucht, das viele für tot erklärt haben: Jazz. Wie geht das?

Geschwungenes Eisentor. Türsummer. Eintritt in einen Kosmos, der auch optisch den Blue Notes gewidmet ist, jenen „unsauberen“ Zwischentönen, die dem Jazz seine Vitalität geben. Im Erdgeschoss des Anwesens hat der Hausherr seine Kunstsammlung untergebracht. Sie besteht fast ausschließlich aus blauen Gemälden und blauen Skulpturen. Die verteilen sich im weitläufigen Parterre um ein einsames schwarzes Klavier. Der Mann hat Geld, und er hat einen Tick.

So viel Geld sei es allerdings auch nicht, sagt Siggi Loch. Der Zufall sei ihm zu Hilfe gekommen. Der Zufall tut so was bei ihm öfter.

Eine Wendeltreppe führt in die oberen Etagen. Flache Stufen. Unter dem Dach ein beladener Schreibtisch, an den Wänden Bücherregale. Zwei wolkige Sofas stehen einander gegenüber. Dazwischen ein Plexiglastisch. In den sind alte Backstage-Pässe, eine goldene Schallplatte und andere Utensilien seines Managerlebens eingegossen. Bis zum Europa-Chef des Labelriesen Warner hatte er es gebracht. „Gut verdient“, wie er sagt. Leisten konnte er sich das Haus dennoch nur, weil er eines seiner Bilder dagegen eintauschte. Sein erstes Gemälde, er hatte es 1970 für 15 000 Mark erstanden, von einem damals weitgehend unbekannten Künstler namens Gerhard Richter. Es zeigte den Vierwaldstätter See. Wenn es ein blaues Bild gewesen wäre, sagt Loch, hätte er sich davon wohl nicht getrennt.

Ein schönes Haus gegen ein schönes Gemälde. „Das war der Deal“, sagt Siggi Loch, und man spürt, dass er dieses Wort oft benutzt. Wie ein Credo steht es im Raum: Deal. Geben und Nehmen. Am besten mit Gewinn.

Als „The Act Man“ tituliert er sich selbst, ein Mann der Tat, der im Oktober seine Autobiografie veröffentlicht: „Plattenboss aus Leidenschaft“. Immer wieder redet er Musikern eigene Ideen aus, um ihnen seine einzureden. „Geschmacksbildung“, sagt Siggi Loch. Seine Instinkte haben zu tun mit Geschmacksbildung. Und langsam rutscht er dabei in eine Sofafalte. Sein Körper entspannt sich. Er ist ganz bei sich. Denn in seiner Welt, in der es um das Prickeln geht, wenn es eine Musik „einfach ist“, kann er jetzt von einem Geheimnis erzählen. Wie es für ihn, Siggi Loch, ohne Abitur, Ausbildung und Traineeprogramm immer nach oben ging. Dafür hielt er sich an den Jazz, die besten Komponisten und Produzenten seien aus diesem Genre hervorgegangen.

„Ich habe nicht nur mein Ohr, sondern auch mein Auge geschult“, sagt Loch. Um das flüchtige Verhältnis der Jazzmusiker zur Jetztzeit in den Griff zu kriegen, ihr Improvisieren festzuhalten, setzte er es in Belichtungszeit um, fotografierte Konzerte. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Erroll Garner, Dexter Gordon, Yusef Lateef oder Ella Fitzgerald aus den frühen Sechzigern zeugen von der Bewunderung des Fans. Musik und Bilder, das gehörte für Loch zusammen.

Begonnen hat alles 1955 in Hannover. Loch war 15, als er sich in ein Konzert von Sidney Bechet schmuggelte. Es veränderte sein Leben. Zum ersten Mal hörte er diese wilde Musik aus Amerika, die, sogar wenn sie von einem älteren weißhaarigen Herrn im Anzug gespielt wurde, etwas Rumorendes besaß. Er wollte mehr darüber erfahren, verschlang Joachim-Ernst Berendts „Jazz-Buch“, bis er es auswendig konnte, und er studierte akribisch auf den Plattencovern, wer die Stücke geschrieben und arrangiert hatte.

In seiner Familie hatte solcherlei Wissen keine Rolle gespielt. Sein Vater war Gutsverwalter in Pommern gewesen. Die kinderreiche Familie floh nach dem Krieg in den Westen. In Hannover, wohin es sie verschlug, hatte sie nichts. Der Sohn entwickelte früh einen Sinn fürs Praktische, trug Brötchen aus oder verdiente Geld damit, die Kegel auf der Kegelbahn wieder aufzustellen. Als die Mutter schwer an Krebs erkrankte, musste er sich um die Geschwister kümmern. Seine Eltern schenkten ihm auch ein Akkordeon, auf dem er Schlager und Tanzweisen spielte. Auf die Freiheit des Jazz war er nicht vorbereitet.

Vielleicht wäre er gern Schlagzeuger geworden. Er versuchte es einige Jahre. Doch eine kaufmännische Lehre prädestinierte ihn für etwas anderes: Mit 26 wurde Siggi Loch Firmenchef.

Vorausgegangen war 1962 das, was Loch eine „epochale Fehlentscheidung“ nennt. Rock ’n’ Roll lag in der Luft, doch die Topmanager von Elektronikkonzernen wie Philips, Bosse des Musikbusiness, hörten ihn nicht. Wie sie gar nichts hörten, weil sie von Musik keine Ahnung hatten. „Da gab es junge Leute wie mich, die haben den Chefs in den Niederlanden erzählt, dass die Zukunft des Schallplattengeschäfts dem Jazz gehören würde. Was zu dem Zeitpunkt plausibel klang. ,Watermelon Man‘ von Herbie Hancock war in den Charts, ebenso Stücke von Stan Getz und Cannonball Adderley. So hat Philips sämtliche kleinen Jazzlabels aufgekauft, die es kriegen konnte. Und ich bekam meinen Job als Label-Manager.“

Aber Loch begriff auch früh, dass sich die jungen Menschen für etwas anderes begeisterten. Im Hamburger Star-Club sah er die Beatles, Tony Sheridan und den wilden Geist der Beat-Ära aufziehen. Sein Gedanke: „Da müssen wir Platten aufnehmen.“ Als er die erste LP mit Livemitschnitten aus dem Club fertig hatte, hätte sie ihm beinahe den Job gekostet, so fürchterlich fanden seine Vorgesetzten den Lärm. Ihn rettete, dass eine der Bands einen Nummer-1-Hit in England landete.

So entfernte er sich immer weiter vom Jazz. Der Ruf des Sklaventreibers hing ihm an. „Ich bin nicht stolz darauf“, sagt Loch heute, „was meine Menschenführung anbetraf.“ Aber immer habe er mit vollem Einsatz für seine Ziele gekämpft. „Da mussten alle mitziehen. Ich habe jeden niedergemacht, der sich mir in den Weg stellte.“ Mit 50 zog er sich aus dem Big Business zurück: „Ich war der Meinung“, sagt Loch, „alles erreicht zu haben. Ich hätte im Konzern nur noch darum kämpfen können, dass mir niemand den Stuhl wegnimmt.“

So kommt es 1988 zur Gründung von ACT, mit der sich Lochs Lebenstraum eines eigenen Labels erfüllen soll. Doch sie missglückt zunächst. Denn für diesen Schritt tut sich Loch mit den beiden Berlinern Jim Rakete und Annette Humpe zusammen. „Das war Feigheit“, sagt er heute dazu. „So ein Independent-Ding macht man, solange man jung und voller Energie ist, ich war Vollprofi und wusste, was auf mich zukommen würde.“ Trotzdem redete er sich ein, „im Windschatten“ der beiden anderen, die den Hunger nach progressiven neuen Titeln stillen sollten, könnte er sein kleines Jazzlabel betreiben. Aber Loch hielt etwa 80 Prozent der Firmenanteile, da war an Windschatten nicht zu denken. Frustriert zog er sich auf sein Domizil auf Mallorca zurück. „Ich brauchte etwa ein Jahr, um darüber hinwegzukommen. Es war die erste große Niederlage meines Lebens.“

Es gibt Momente in Jazzkonzerten, da ist das Publikum „voll da“, wie Loch sagt. Vorher war es höflich interessiert. Plötzlich ist es begeistert, weil es in der Bearbeitung eines Songs wie „Blaue Augen“ von Ideal ein Stück Zeitgeschichte erkennt. Plötzlich hat die Musik auch mit den Menschen vor der Bühne zu tun. Im Berliner Jazzclub b-flat wurde die Nummer von Michael Schiefel gesungen, einem hochtalentierten Jazzvokalisten. Loch hörte das, sah die Reaktionen und drängte die Musiker, eine bereits fertig aufgenommene Platte um weitere Adaptionen von Songs der Neuen Deutschen Welle zu erweitern. Wenn sie mehr CDs verkaufen wollten als bisher, müssten sie es so machen. Es klappte. Dann wollte die Band Eigenes produzieren. Seine Antwort: „Tschüss.“ Loch kann brutal sein.

Ein Label wie ACT hat es in Deutschland vorher nicht gegeben. Jazz beschränkte sich auf eine hochkulturelle Bastion wie ECM in München. Daneben gab es eine Vielzahl kleiner Firmen, die mit großer Hingabe an dem alten Ideal festhielten, dass guter Jazz unzugänglich sein müsse. Da war noch Platz für ein Konzept, das Jazz vom Pop her denkt, wie Loch es tut. Die Musiker dürfen Jazz spielen, aber alles um sie herum wird nach Gesichtspunkten des Pop definiert, simpel und einfach. Es ist ein altes Rezept. Aber nach einer in der Jazzkultur weitverbreiteten Ansicht, ist es ein vergiftetes Heilmittel.

„Ein Fehler vieler Jazzmusiker, -funktionäre und -kritiker ist, zu meinen, dass Jazz etwas Besonderes sei und sich mit seinen hehren Idealen vom Kommerz fernhalten müsse“, erläutert Loch. „Jazz ist immer Teil des Showbusiness gewesen. Swing war die populäre Musik seiner Zeit. Darauf folgten Bebop und die revolutionären Geister des Free Jazz, die das Publikum verschreckten.“ Dass irgendwas schieflief, merkte er bald, „da es schwierig wurde, meine Frau zu bewegen, mich in Jazzkonzerte zu begleiten“.

Schon in seinen Anfängen wurde er als „Jazzverräter“ gescholten. „Genau das ist richtig“, gibt Loch zu. Er habe immer aus dem Keller hinausgewollt, in dem sich die meisten Jazzklubs befanden. Er wollte den Mainstream erobern. Mit Klaus Doldinger sei das gelungen, mit George Gruntz, mit Jean-Luc Ponty, Esbjörn Svensson und mit Jens Thomas. „Aber“, fügt er hinzu, „ich kann und will einen Musiker nicht verbiegen.“

Jens Thomas aus Hannover war vollkommen unbekannt, als er mit 26 seine erste Soloplatte aufnahm und sie „endlich allein“ nannte. Loch hörte sie und dachte, dass der Blondschopf alles besitze, was ein Künstler haben müsse. Eine Aura, das gewisse verrückte Element, Thomas demonstrierte, wie frei und ungezwungen moderner Jazz klingen könnte – wie ein Spiel mit der Zeit. „Hör mal zu“, habe Loch zu ihm gesagt, „deine Musik aufzunehmen, so, wie sie ist, macht für mich keinen Sinn, denn ich kann sie nicht verkaufen.“ Also schlug er ihm vor, sich mit den Kompositionen von Ennio Morricone zu beschäftigen, der mit seinen Soundtracks die Italo-Western geprägt hatte. Das interessierte Thomas.

Die Platte wurde ein riesiger Erfolg. Jens Thomas war über Nacht das neue Wunderkind des deutschen Jazz. Es folgten weitere Platten, eine mit Adaptionen von Sting-Songs. Dann wollte Jens Thomas „nur noch seine eigene Musik aufnehmen“, wie Loch erzählt, während der Unterton bereits ankündigt, dass das nicht gut ging. „Hat sich nicht verkauft“, sagt er. Als Thomas als Nächstes auch noch singen und eigene Songs schreiben wollte, war die Sache beendet. „Seitdem hat man von dem Künstler nichts mehr gehört.“

Aus Sicht Lochs hat hier einer seine Karriere vertan, weil er die Spielregeln nicht beherzigte. Aber Jens Thomas konnte nicht anders. Zum Pianisten war er auf übliche Weise geworden. Fleiß, Disziplin, Arbeit. Er stand in einer 200 bis 300 Jahre alten Tradition der Virtuosenwerdung, wie er selbst sagt. „Ich wollte das unbedingt. Aber dann habe ich erfahren, dass es auch einfach sein kann. Nichts ist so direkt wie die eigene Stimme.“ Er strebte nach Klarheit, statt nach intellektueller Herausforderung. Hätte er besser eine weitere Morricone-Platte aufnehmen sollen?

„Es gibt Tausende guter Solisten, die ihre eigene Musik spielen können“, begründet Loch seine Skepsis, „aber nur wenige gute Komponisten.“ Das rührt an einem Kern seiner Firmenphilosophie. Es genügt nicht, das „Real Book“, die Bibel der Jazzkomposition, gegen den aktuellen Popkanon einzutauschen. Es geht darum, Gegenwart zu bearbeiten. John Coltrane war am erfolgreichsten, als er auf Musical-Melodien zurückgriff („My Favorite Things“). Konzessionen gegenüber dem Massengeschmack hatte er dabei nicht gemacht. Das Publikum begriff ihn. Und es folgte ihm, als er wirklich radikal wurde und mit „Giant Steps“ sein großes Free-Jazz-Manifest einspielte.

Dasselbe schwebt Loch mit seinen Musikern vor. „Wenn es mir darum ginge, weitere Reichtümer anzuhäufen, würde ich keine Jazzproduktionen machen“, sagt er. Schon sein Mentor, Plattenmogul Nesuhi Ertegun, hatte ihn gewarnt. „There’s no money in Jazz.“ Und damit hatte er Recht. Bei 5000 bis 10 000 verkauften CDs hat ACT kein Geld verloren. „Wenn es sich nicht verkauft, bin ich nicht der Richtige, um mich darum zu kümmern“, sagt Loch. „Ich will den Erfolg, für meine Musiker, aber auch für mich und für mein Label.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!