Zeitung Heute : Mann mit Bart und Beruf

Henrico Frank arbeitet: beim Musikfernsehen

Karin Ceballos Betancur[Frankfurt am Main]

Die vergangenen Wochen haben bei Henrico Frank Spuren hinterlassen, vor allem um den Mund herum. Sie sind etwa einen halben Zentimeter lang. Frank trägt wieder einen Bart. Er sagt, dass sein neuer Arbeitgeber kein Problem damit hat.

„Sehr geehrter Herr Frank, aufgrund der derzeitigen Schlagzeilen ist ein Frankfurter Musiksender auf Sie aufmerksam geworden und möchte Ihnen gerne einen Job anbieten“, steht in einem Schreiben der Bundesanstalt für Arbeit in Frankfurt, datiert vom 20. Dezember 2006. Frank und seine Sprecherin Brigitte Vallenthin haben es ins Frankfurter Café Toffis mitgebracht. Er sagt, beim Sender seien sie überrascht gewesen, als er sich gleich meldete. „Klar, in der Presse hieß es da ja schon, ich sei die faulste Sau der Welt“, sagt Frank. Es ist das erste Gespräch mit der Presse seit Wochen. Seine Stimme ist in der Zwischenzeit fester geworden und ruhiger. Er sieht Leute an, wenn er mit ihnen spricht. Vor vier Wochen noch glitt sein Blick im Gespräch immer wieder zu Boden.

Der Vertrag mit dem Musiksender iMusic TV, der seit vergangenem Mai digital über Astra-Satellit sendet und derzeit nach eigenen Angaben etwa elf Millionen Haushalte erreicht, soll am heutigen Donnerstag unterschrieben werden. Vom 1. Februar an wird Henrico Frank demnach in der Musikredaktion arbeiten, Schwerpunkt Punkrock. Frank freut sich über das Angebot: „Ich kann mich wo einbringen, wo ich auch Ahnung von hab’, es ist schon eine Art Traumjob. Ich hab’ Spaß an der Musik.“ Marco Quirini, Senior Vice President des Senders sagt: „Wir wollen ihm eine faire, menschliche Chance geben. Man braucht hier keinen Doktortitel, aber er wird sich beweisen müssen, wie jeder andere auch.“

Natürlich gehe es dem Sender um Publicity, sagt Quirini, aber er wolle auch ein Zeichen setzen: „Klar ist es einfach, jemandem mal eben zehn Jobs aus der Hüfte anzubieten, wenn man sich keine Gedanken darüber macht, ob das überhaupt passt.“ Müllarbeiter, Spüler, LKW-Fahrer – mit seiner kaputten Schulter und einem Bandscheibenvorfall habe er für keines der Angebote aus dem Büro Beck die gesundheitlichen Voraussetzungen erfüllt, sagt Frank. „Aber noch bevor das klar war, stand schon in der Zeitung, ich hätte alle Angebote abgelehnt.“

Seine Sprecherin, Brigitte Vallenthin, die im Dezember mit Pferdeschwanz und schwarzem Pulli Pressekonferenzen in ihrem Wohnzimmer abhielt, erscheint inzwischen geschminkt und sorgfältig frisiert zu Presseterminen. Sie ist kein Profi. Damit mag zu tun haben, dass Pressemitteilungen anfangs die Signatur Hartz-4-Plattform mit dem Zusatz „und Management von Henrico Frank“ trugen. Es gab keine klare Strategie, Unsicherheiten, die als Eitelkeit gelesen wurden. Dennoch ist ihr anzusehen, dass es gutgetan hat, angehört zu werden, aus dem Schatten einer Zahlenexistenz zu treten.

Neulich haben sie Henrico Frank im Waschsalon erkannt. Erst verstummten die Gespräche, dann fing das Tuscheln an. Einige seiner früheren Freunde sagten, es sei seine Schuld, wenn seine Bezüge gekürzt würden. Frank sagt, er habe damals auf dem Weihnachtsmarkt in Wiesbaden „den Stein Hartz IV ins Rollen bringen wollen, nicht mich selbst“. Inzwischen schaue er nach dem Aufstehen aus dem Fenster, „ob die Geier schon wieder kreisen“. Tagelang hätten die Medien seine Mutter belagert. „Das war der Punkt, wo ich gesagt hab: Das war’s, keine Interviews mehr. Die Frau ist schwer krank.“ Er selbst, sagt Frank, habe inzwischen ein dickes Fell. Und einen Job. Beim Vorstellungsgespräch hätten sie ihn gefragt, ob er nicht wieder die Nasenringe tragen will. Wenigstens einen. „Sie haben gesagt: Das bist doch sonst gar nicht du.“

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