Zeitung Heute : Mann mit Eigenschaften

Zwei Telefonate, zwei Briefe, und aus „Horst Wer?“ ist Horst Köhler geworden – Wie der Bundespräsident plötzlich ein Profil gewinnt

Axel Vornbäumen

Es gibt Leute, die sehen das so: Am Donnerstag vorvergangener Woche ist Horst Köhler „volles Risiko“ gegangen.

Es war das erste Mal in seiner Amtszeit. Köhler hat sich eingemischt in die politische Debatte mit der Kraft des gesprochenen Wortes, fernmündlich. Am anderen Ende war der Kanzler.

Wer es holzschnittartig mag, bitte sehr: Als beide wieder aufgelegt hatten, da war die gerade erst geborene Idee Gerhard Schröders vom Tisch, den 3.Oktober abzuschaffen, jenen Tag, der in der Hektik der jüngsten Debatte neuerdings durch das Etikett „Nationalfeiertag“ geadelt wird. Und, nur das noch für den schnellen Leser: Weil im politisch-publizistischen Berliner Komplex die Dinge gemeinhin recht gern in die Kategorien Sieg und Niederlage eingeteilt werden, darf fortan konstatiert werden: Am Ende der Debatte, da hat sich der erste Mann im Staate doch ein veritables Punktepolster auf der Imageskala zugelegt. Seitdem regnet es wohlmeinende Attribute auf den Präsidenten, mit dessen Konturlosigkeit – „Horst Wer?“ – noch vor wenigen Monaten Scherz getrieben wurde: Unberechenbar sei er, ungeniert, unverstellt, unbequem, unheimlich.

Was, wenn alles stimmte?

Wenn alles stimmte, dann säße da womöglich gar nicht Angela Merkels putativer Pudel im Amt, jener zu Jahresanfang in hoher Personalnot von der CDU-Chefin auserkorene Zuarbeiter auf dem Weg in den christlich-liberal gelenkten Staat, 2006 ff. Dann, ja dann hätte da womöglich einer schneller als erwartet Spaß gewonnen an dem ihm verfassungsrechtlich zustehenden politischen Gestaltungsspielraum, und das schon im fünften seiner immerhin 60 Monate währenden Amtszeit. „Du kannst“, sagt ein Anonymus, der den Zusammenstoß aus der Halbdistanz mit Amüsement beobachtet hat, „in dem Amt fünf Jahre lang das machen, was Du für richtig hältst, das ist schon fantastisch.“ Gut 55 Monate hat Köhler noch.

„Du kannst“, sagt der Anonymus, „den Deutschen den Blick über den Tellerrand ermöglichen, unverstellt“. Unverstellt, da ist es wieder, dieses Attribut.

Deshalb noch mal von vorn. Der Vollständigkeit halber, und auch, weil es etwas feinsinniger natürlich schon zugegangen ist beim ersten Kräftemessen zwischen Kanzler und Präsident, zwei Telefonate und zwei Briefe lang. Denn als Köhler zum Hörer griff, da hatte Schröder selbiges bereits getan. Tags zuvor, an einem Mittwoch, hatte der Kanzler den Präsidenten über seine Pläne informiert, zur Förderung des Wirtschaftswachstums künftig auf den 3.Oktober als Feiertag verzichten zu wollen. Der jeweils erste Oktobersonntag täte es doch auch.

Es ist nur schwer nachzuzeichnen, was Köhler in diesem Moment stärker gestört haben mag: Schröders Angriff auf ein „nationales Symbol“ oder dessen reichlich lakonische Art, darüber Mitteilung zu machen. Wahrscheinlich beides. Man muss dazu wissen, dass Kanzler und Präsident einen vertraulichen Dialog führen, turnusmäßig alle vier bis sechs Wochen wird unter vier Augen besprochen, was man gegenseitig für wichtig hält. Der Tag der Deutschen Einheit aber ist Horst Köhler wichtig, dass muss er ihm schon qua Amt sein, so viele andere Staatssymbole hat dieses Land nämlich nicht.

Der Wortlaut des Mittwochsgesprächs ist nicht überliefert, was auch gut so ist. Der des Donnerstagsgesprächs schon, und das ist, nun ja, grenzwertig. Man kann ihn gewissermaßen sogar nachlesen, denn Köhler kündigte dem Kanzler bei diesem Telefonat an, dass er ihm einen Brief zu schreiben gedenke, in dem er sich gegen die Abschaffung des Feiertages auszusprechen gedenke.

Es ist recht einfach nachzuzeichnen, was Gerhard Schröder in den folgenden Stunden nachhaltig gestört hat: Nämlich alles – Inhalt und Form. Denn quasi zeitgleich trudelte das präsidiale Bedenken im Kanzleramt sowie bei „Frankfurter Allgemeiner“ und „Süddeutscher Zeitung“ ein. Kanzler und Volk konnten quasi synchron lesen: „Der Tag der Deutschen Einheit am 3.Oktober trifft das Selbstverständnis unserer Nation. Dieser Nationalfeiertag ist wertvoll für unser Land.“ Und: „Ich sehe Ihre Entscheidung mit Sorge. Es können überzeugendere Wege gefunden werden, um auch durch einen zusätzlichen Arbeitstag zur Konsolidierung der Staatsfinanzen beizutragen.“

Soweit Teil eins des ungewöhnlichen Notenwechsels, der allemal das Zeug hat, zumindest als Fußnote in die Historie einzugehen. Man muss schon weit zurückblättern, um ähnliche Fälle zu finden. Nur Theodor Heuss, im Mai 1952, und Richard von Weizsäcker, im August 1991, bezogen in direkten Briefwechseln mit dem jeweiligen Bundeskanzler dezidiert Position zu nationalen Symbolen, beide Male ging es um die Nationalhymne.

Teil zwei ist schnell erzählt, in bittersüßem Zungenschlag. Der Kanzler-Brief an Köhler endet mit der Formulierung: „Ich habe großes Verständnis für Ihren Wunsch nach einem breiten gesellschaftlichen Konsens in dieser Frage. Wenn Sie auf überzeugende Wege hinweisen, will ich mich der Diskussion darüber nicht verschließen.“ Er lässt ahnen, wie es gegenwärtig um die gefühlte Temperatur im Verhältnis der beiden bestellt ist.

Es gibt Leute, die sagen, der Präsident hat genau das gebraucht, eine Tischvorlage aus dem Kanzleramt, gleichsam eine Malanleitung zur schärferen Konturierung seiner selbst: Aus Horst Wer ist nun Horst Köhler geworden. Eine Präsidentenwerdung in zwei Schritten, wenn man so will. Exakt 75 Tage hat es gedauert, bis Köhler zu seiner Mentorin, Angela Merkel, auf, nennen wir es Halbdistanz gegangen ist. In einem Interview mit der Illustrierten „Focus“ lobte er den Reformkurs der rot-grünen Regierung, en passant gab’s noch was zum Nachdenken für’s Volk über eingeschliffene Besitzansprüche und mangelnde Flexibilität. Es gebe, sagte Köhler, nun mal Unterschiede in den Lebensverhältnissen – „wer sie einebnen will, zementiert den Subventionsstaat und legt der jungen Generation eine untragbare Schuldenlast auf“. Und: „Wenn ein Arbeitnehmer in seiner Heimat keinen Arbeitsplatz finden kann, der seinen Ansprüchen gerecht wird, dann muss er selbst entscheiden: entweder dort hinziehen, wo er Chancen sieht, seine beruflichen Ziele zu verwirklichen, oder bewusst dem Leben in der unmittelbaren Heimat den Vorzug geben.“ Richtig Spaß hatten sie seinerzeit nicht an dem Interview im Konrad-Adenauer-Haus.

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang noch nützlich zu wissen, dass weniges Horst Köhler so sehr auf den Wecker gegangen ist wie Merkels froh gelauntes Reden von der „Gestaltungsmehrheit“, die man im christlich-liberalen Lager schon mal für die Bundesversammlung gewonnen habe. Ein gehobenes Schachfigurendasein? So dann doch lieber nicht.

Nun also hat sich Köhler auch in die andere Richtung hin emanzipiert, exakt am 123. Tag seiner Amtszeit. Wichtig war ihm das schon. „Die haben“, sagt einer, dessen Lagerzugehörigkeit hier nicht preisgegeben werden kann, „sich gegenseitig gezeigt, wer sie sind.“ Sportlich gewissermaßen hart an der Grenze des Erlaubten, wer nach Metaphern sucht: Es war mehr Säbel als Florett. Doch Köhler hat jetzt Augenhöhe zum Kanzler hergestellt, überdies mit einem nur in dieser Situation zu erzielenden größtmöglichen Nebeneffekt. Der vermeintlich stromlinienförmig amerikageprägte Wirtschaftsweise mutiert, wenn es wichtig wird, zum Gralshüter nationaler Symbolik. Wer hätte das gedacht von Horst Wer? Etwas Pathos hilft, ausgepackt zur rechten Zeit, nachdem sein in der Bundesversammlung gleich zu Anfang geäußerter Satz „Ich liebe dieses Land“ noch seltsam frei schwebend im Köhlerschen Koordinatensystem wirkte.

Fast ist in diesen Tagen ein wenig Befreiung zu spüren in der Nähe des Präsidenten. Das Linkische ist fort, das ihn begleitet hat bei seinen ersten Auftritten, und in der Entourage ist vernehmbar die Freude darüber zu spüren, das Anfangskapitel nun zugeschlagen zu haben. Da hat er nun die Äquidistanz zu den Frontleuten jener sich belauernden Volksparteien hergestellt, die ihm freies Denken erlaubt. Ohnehin ist er noch nicht so vertraut mit jenen Reiz-Reaktionsmechanismen, die den politischen Alltag in der Hauptstadt seit jeher dominieren. „Schnappeffekte“ sind das in der Köhlerschen Terminologie, die zur „Atomisierung der Politik“ führten. „Unsere politische Debatte“, hat der Präsident im „Focus“ gesagt, „ist sehr laut geworden, aber leider auch sehr flach.“ Als Resultat produziert der politische Komplex Statements, ohne nachzudenken, wie es womöglich um die Substanz des Arguments der Gegenseite bestellt sein mag. Das ist nicht sein Ding. Da ist er – Achtung: nächstes Attribut – unberechenbar.

Wobei Köhler wohlgesinnte Einflüsterer auch darin eine herausragende Tugend erkennen wollen. Ein Präsident sei da im Amt, der sich als „Prisma“ verstehe, durch das das Licht auf jene Sachen falle, die er „highlighten“ wolle; unprätentiös.

Ein High-liger, womöglich, der Präsident? Nein, ist er schon mal nicht, auch wenn die Sympathiebekundungen, die er in diesen Tagen vom Volke entgegennehmen kann, als ganz außerordentlich positiv empfunden werden. Im neblig-trüben Marienborn etwa harrten erst Dienstag vergangener Woche zur Gedenkveranstaltung an den 9.November wieder Hunderte aus, um auf Tuchfühlung zu ihrem Staatsoberhaupt gehen zu können. In solchen Momenten, hat Köhler schon mal in kleinerem Kreise zugegeben, trieben ihn gelegentlich die Zweifel um, ob er „die Erwartungen erfüllen“, ob er allen gerecht werden könne.

Denn schon mit der Gerechtigkeit ist das so eine Sache. Gewiss, der Präsident ist so hartherzig nicht, das hat er an verschiedener Stelle zum Ausdruck gegeben. Doch die Gerechtigkeit, die viele meinen – die ist nicht Horst Köhlers Sache. Verheißungsversprechen hält er für verhängnisvoll. Da ist er doch ein gutes Stück entfernt von jener Wesenswärme seines Vorgängers Johannes Rau. Nur Versöhnen, in der Gedankenwelt des Horst Köhler geht das nicht. Ein bisschen spalten darf’s schon sein, wenn es der Sache dient.

Die Sache, Köhlers Credo, ist: dass Deutschland sich erneuern muss. Auf seinen Reisen durchs Land will der Bundespräsident viel Veränderungswillen gespürt haben, selbst in hohen Hartz-IV-Protestzeiten. Man wird in dieser Hinsicht noch von ihm hören, in Äquidistanz übrigens zu oben und unten, demnächst, an die Adresse der deutschen Wirtschaft, auch so eine Klientel, vor der der Präsident nicht gewillt ist, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Viele „Kurzfristmanager“ seien darunter, hat Horst Köhler vor einiger Zeit schon mal verlauten lassen.

Womöglich kommt nach diesem Auftritt ein weiteres Attribut dazu: unverkrampft. Horst Köhler wäre das mit Sicherheit recht. Die Art, wie Roman Herzog seine Rolle ausgestaltet hat, die war ihm schon immer recht nah.

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