Zeitung Heute : Mann ohne Schatten

Er sitzt in einem Berliner Hotel, seine blauen Augen leuchten wie im Film. Elijah Wood ist 23 und spielt die Hauptrolle in „Der Herr der Ringe“. Es fiel ihm schwer, die dunklen Seiten der Figur zu verkörpern, auch seine Fans sehen in ihm immer den kleinen Jungen. Das will er nun ändern.

Christoph Amend

Plötzlich ist Elijah Wood nicht mehr zu stoppen. In den ersten zehn Minuten unseres Gesprächs haben wir uns über seinen kurzen Besuch in Deutschland unterhalten, über die Schauspielerei, über den DJ Richard Dorfmeister, den er gerne kennen lernen würde, und wie aufregend er es fand, am Samstagabend bei „Wetten, dass…“ Kylie Minogue und Katharina Witt kennen zu lernen. „Ich liebe sie! Beide!“, sagt er, „wow, war ich schüchtern gestern…“ Am kommenden Mittwoch feiert man in Berlin die Europa-Premiere von „Der Herr der Ringe“, in der nächste Woche läuft der Film in Deutschland an, in der Hauptrolle Elijah Wood, eine der jungen Hoffnungen der Filmbranche in Hollywood.

Man plaudert also, doch dann kommen wir auf seine Mutter zu sprechen, auf seinen Vater und die Scheidung seiner Eltern, und die Tonlage des Gesprächs ändert sich. Drei oder vier Mal sagt Elijah Wood von nun an, dass er nicht unter der Scheidung selbst gelitten habe – aber mit seinem Vater habe er so gut wie keinen Kontakt mehr. „Wir sprechen fast nie miteinander. Er gehört nicht zu meinem Leben, wissen Sie. Mein Vater existiert für mich nur als Symbol, nicht in der Wirklichkeit. Ich habe nie eine Verbindung zu ihm gefühlt.“ Und: „Ich will Ihnen erzählen, wie ich aufgewachsen bin. Ich habe mich immer zu anderen Familien hingezogen gefühlt, und irgendwann habe ich mich gefragt warum.“ Hat er eine Antwort gefunden? „Ja. Ich sah die Väter meiner Freunde und dachte: Fuck, warum habe ich das nicht? Warum habe ich keinen Vater, der sich um mich kümmert, der mir ein Vorbild ist?“ Elijah Wood hat eine Schwester und einen sieben Jahre älteren Bruder. „Und eigentlich“, sagt er jetzt, „müsste mir das ja ein gutes Gefühl geben, oder? In den sieben Jahren zwischen meinem Bruder und mir müssen sich meine Eltern gut verstanden haben. Ich kann mir nur überhaupt nicht vorstellen, dass es etwas wie Liebe zwischen ihnen gegeben hat.“ Hat er keine Erinnerungen daran, Szenen, Bilder von den Eltern im Kopf? „Klar, ich erinnere mich, aber vielleicht hört sich das seltsam für Sie an: Ich spüre zu diesen Bildern keinerlei emotionale Verbindung.“

Mit sechs Jahren auf der Model-Schule

Die ersten Jahre seines Lebens verbringt Elijah Wood mit seinen Eltern und Geschwistern in einer Stadt in Iowa, die Mutter schickt ihn zu einer Model-Schule, da ist er sechs Jahre alt. Ein Agent besorgt ihm erste Angebote aus Hollywood, und die Eltern ziehen mit der ganzen Familie nach Los Angeles. Der Vater schlägt sich dort mit verschiedenen Jobs durch, das Kind Elijah macht Karriere, und seine Mutter begleitet es. Die Eltern trennen sich endgültig, als Elijah 15 ist. Der Vater zieht zurück nach Iowa – der Rest der Familie bricht den Kontakt zu ihm ab.

Mit neun Jahren hat Wood seine erste Rolle in einem Videoclip der Sängerin Paul Abdul, bald spielt er in Produktionen wie „Avalon“, „Zurück in die Zukunft 2“ und „Der Eissturm“ mit. Es sind oft kleine Rollen in großen Filmen, bis er sich 1999 mit einem selbst gedrehten Video für die Hauptrolle der Verfilmung von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Bestsellers „Der Herr der Ringe“ bewirbt – und sie bekommt. Peter Jackson, der Regisseur des Films, ist bis heute begeistert von Wood, und tatsächlich verkörpert er die Hauptfigur Frodo mit dem strubbeligen Haar und den großen blauen Augen, als wäre die Rolle für ihn geschrieben worden. Nur ein Punkt, hat der Regisseur in Interviews öfter erwähnt, sei manchmal schwierig gewesen: Wood dazu zu bringen, die Schattenseiten seines Charakters zu zeigen.

Elijah Wood sitzt in einer Suite im Hotel „Four Seasons“, es ist Sonntagmittag. Er hat es sich in dem schweren Sessel bequem gemacht, die Beine auf die Lehne eines anderen Sessels gelegt und die Hände hinter dem Kopf gefaltet. Er trägt ein hellbraunes Kordsakko, darunter ein helles, längs gestreiftes Hemd, blaue Jeans und klobige, weinrote Turnschuhe. Seine dunklen Haare sind ein bisschen verstrubbelt, an der Seite kurze Koteletten. Er ist klein, etwas über 1 Meter 70, und seine blauen Augen leuchten genauso stark wie auf der Leinwand. Man sitzt einem Schauspieler gegenüber, und natürlich ist man bei einem solchen Gespräch immer auch Zuschauer einer Inszenierung.

Schattenseiten. „Hmmm“, sagt er und verschränkt die Arme. Er erzählt, dass ein Reporter vom „Rolling Stone“ ihn einmal damit konfrontiert habe, und der habe eine These aufgestellt: Wenn es jemandem schwer fällt, seine dunklen Seiten zu zeigen, hat er entweder keine – oder er hat sie zu tief begraben und kann sie nicht erreichen. Wood hat dazu genickt und dem Reporter geantwortet: „Weil die dunklen Seiten keine Frischluft bekommen. Wenn etwas keine Luft bekommt, riecht es noch schlimmer.“ Wie hat es der Regisseur dennoch geschafft, ihn dazu zu bringen, Schattenseiten zu spielen? Die Kraft des Rings, erzählt er, die verführerische Kraft, unter der die Hauptfigur besonders im letzten Teil der Trilogie leidet, hat der Regisseur ihm wie eine Drogensucht erklärt, „so in etwa wie Heroin“. Das habe ihm geholfen beim Drehen, sagt Wood, obwohl er mit dieser Droge natürlich keine Erfahrung habe.

Seit vier Jahren spielt der Film „Der Herr der Ringe“ die Hauptrolle in Elijah Woods Leben, „aber es fühlt sich nach mehr an“, sagt er, „ich weiß nicht, ob ich Ihnen das beschreiben kann.“ Erst vor wenigen Tagen, als er wieder einmal in Neuseeland aus dem Flugzeug stieg, dachte er, „endlich wieder in der Heimat“.

Die programmierte Scheidung

16 Monate haben die Dreharbeiten in Neuseeland gedauert, alle drei Teile des Films wurden 1999 hintereinander aufgenommen, und in dieser Zeit verschmolzen die Schauspieler derart mit ihren Figuren, dass sich neun von ihnen, darunter auch Elijah Wood, ein Tattoo in die Haut brennen ließen, ein Symbol, das in der Fantasysprache des Romans die Ziffer Neun darstellt – für eben jene neun Darsteller, die es nun tragen. „Es war wie eine Familie für uns“, sagt er, und vielleicht, denkt man, fällt es einem Schauspieler, der so etwas wie eine funktionierende Familie nicht erlebt hat, noch leichter als seinen Kollegen, sich in diese neue Situation zu stürzen. Wenn man so will, ist die Scheidung wieder programmiert – spätestens nach Ende der Dreharbeiten.

Er sagt heute: „Ich weiß, ich werde so etwas in meinem Leben nicht mehr erleben.“ Elijah Wood ist 23 Jahre alt.

Nach Ende der Dreharbeiten, zurück in Los Angeles, wusste er nicht mehr, was er mit sich anfangen sollte. „Ich habe versucht, in mein altes Leben zurückzuspringen“, sagt er, „aber es ging nicht. Fünf oder sechs Monate lang bin ich einfach nicht mehr richtig aufgewacht.“ Frühestens mittags stieg er aus dem Bett, saß vor dem Fernseher, starrte vor sich hin. Er war völlig erledigt. Erst nach und nach begann er, wieder Freunde zu sehen, auszugehen, in Plattenläden Musik zu hören, ins Kino zu gehen. In den Monaten nach den Dreharbeiten versuchte er, sich irgendwie von der Rolle zu lösen, bis er zu ahnen begann, dass dies vielleicht gar nicht möglich ist. Dann kam der erste Teil in die Kinos, und aus „Der Herr der Ringe“ wurde einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Die ersten beiden Teile spielten fast zwei Milliarden Dollar ein. Elijah Wood begriff, was da mit ihm passiert war: Für viele Fans wird er wohl immer Frodo bleiben. Das ist der Preis, den er dafür zahlt, dass er seitdem drei Millionen Dollar pro Film verlangen kann.

Er selbst sagt, diese Sache mit Frodo sei nicht weiter schlimm, er habe es sogar gemocht, als sie aus ihm eine Action-Spielfigur gemacht haben. Und trotzdem versucht er mit aller Macht, sich vom Image des süßen, traurigen, einsamen Frodo zu entfernen. Seine nächste Rolle: Er spielt einen gewalttätigen Fußballfan in einem Film mit dem Titel „Hooligan“.

Elijah Wood sagt, er sei früh erwachsen geworden. Alle seine Freunde seien älter als er, und wenn man ihm zuhört, kann man sich kaum vorstellen, dass er gerade einmal 23 Jahre alt ist. „Ich habe früh in meinem Leben Verantwortung übernommen“, sagt er, „ich weiß nicht, ob das für viele Scheidungskinder gilt – bei mir war es so.“ Er lebt mittlerweile in New York in einer eigenen Wohnung, und er sagt, es sei ein schwieriger Prozess für seine Mutter und ihn gewesen, dass er nun ganz auf eigenen Füßen stehen will. „Meiner Mutter verdanke ich alles. Aber wir haben vieles so intensiv miteinander erlebt, dass wir beide erst lernen mussten, unsere Identitäten wieder voneinander zu trennen.“ Seine Mutter ist nach dem Umzug in Los Angeles geblieben.

„Das habe ich nie gesagt!“

Und was macht die Liebe? Der englischen Zeitung „Daily Mirror“ hat Wood vor einigen Monaten erzählt, dass da nichts gewesen sei mit der deutschen Schauspielerin Franka Potente. Dabei war die Affäre monatelang durch die Klatschpresse gegangen, Fotos mit den beiden Jungstars, Arm in Arm. „Was steht da? Das habe ich nie gesagt!“, antwortet er. Seine Beine rutschen vom Sessel, sein Oberkörper beugt sich nach vorne. Dann sagt er: „Natürlich haben wir uns geliebt, sie ist wunderbar. Es war eine großartige Beziehung, und es ist traurig, dass es nicht geklappt hat mit uns. Wir sind noch immer in Kontakt.“ Verliebt er sich eigentlich leicht? „Yeah“, antwortet er, vielleicht eine Spur zu schnell, „viel zu leicht.“ Und wie würde er Liebe definieren? „Wenn man sich um jemand anderen mehr Sorgen macht, als um sich selbst. Aber“, fügt er hinzu, „suchen die meisten von uns nicht eher das Gefühl von Verliebtsein, diese romantische Zeit, bevor der Alltag wieder einsetzt?“

Zum Abschluss springt Elijah Wood auf, gibt einem die Hand. „No!“, beantwortet er die letzte Frage, und er spricht diese Antwort sehr laut und deutlich in das Aufnahmegerät. Nein, so richtig verliebt sei er im Moment nicht. Das nächste Interview beginnt in fünf Minuten.

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