Zeitung Heute : Mantophasmatodea

Der Tagesspiegel

Einem deutschen Doktoranden, Oliver Zompro vom Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön, ist etwas gelungen, wovon Taxonomen sonst nur träumen. In der aktuellen Ausgabe des US-Fachblatts „Science“ präsentieren er und seine Kollegen eine ganz neue Insektenordnung: die Mantophasmatodea. Die Tiergruppe erinnert an eine Kombination aus Gottesanbeterin und Stabheuschrecke. Die Entdeckungsgeschichte der Insektenordnung, für die es noch keinen deutschen Namen gibt, gleicht einem Wissenschaftskrimi.

Der Taxonomie, also der Lehre von der Einordnung der Lebewesen ins biologische System, haftet das Klischee einer verstaubten Disziplin für etwas verschrobene Spezialisten an. Was die Forscher antreibt, wenn sie auf der Suche nach charakteristischen Details penibel die Fortbewegungs- oder Fortpflanzungsorgane unscheinbarer Tiere unter dem Mikroskop beäugen, erschließt sich dem Laien nur selten. Längst sind die großen Entdeckungen gemacht – dachte man.

So auch auf dem Gebiet der Insekten, die man in ein ausgefeiltes System eingeteilt hat, das Orientierung im Gewirr der inzwischen über 1,2 Millionen beschriebenen Arten gestattet und zugleich Auskunft über ihre Verwandtschaftsverhältnisse gibt. Seit im Jahre 1915 die „Grillenschaben“ benannt wurden, schien die Grobeinteilung der Insekten unumstößlich: Jedes Jahr werden einige Hundert Arten neu entdeckt, und sie ließen sich bisher stets in eine von 30 anerkannten Ordnungen stellen – zu Käfern oder Wanzen, Schmetterlingen oder Heuschrecken, zu Hautflüglern, Fliegen oder Libellen.

Doch auch im 21. Jahrhundert sind noch Sensationen möglich. Für den Doktoranden Zompro begann alles, als ihm Bernsteine aus dem Ostseeraum in die Hände fielen, in denen 45 Millionen Jahre alte Insektenlarven konserviert waren. Sie ließen sich keiner bekannten Gruppe zuordnen – ein Rätsel. Der zweite Schritt folgte im Sommer 2001, als Zompro im Londoner Museum of Natural History durch Zufall auf ein unbestimmtes, aufgespießtes Insekt stieß, das 1950 in Tansania gefunden worden war: Es musste sich um eine neue Insektenordnung handeln.

Kaum aus London zurück, wurde dem Stabheuschrecken-Spezialisten ein weiterer litauischer Bernstein zur Bestimmung eines eingeschlossenen Tieres zugesandt. Zompro traute seinen Augen kaum, als er darin ein perfekt erhaltenes, erwachsenes Exemplar der unbekannten Gruppe entdeckte. Daraufhin machte er sich in naturkundlichen Sammlungen in ganz Europa auf die gezielte Suche nach weiteren Tieren – und wurde schließlich in der Berliner Humboldt-Universität fündig. „Jede Insektensammlung hat eine Ecke mit unbestimmten Tieren“, erzählt er. „Dort bin ich auf ein weibliches Exemplar der neuen Ordnung gestoßen.“ Es war 1909 in Namibia gefunden worden und hatte seitdem, in Alkohol eingelegt, ein unbeachtetes Dasein gefristet.

Um die Entdeckergeschichte abzurunden, fehlte nur noch eins: der Fund lebender Tiere. Zompro schickte Fotos per E-Mail an Museen rund um die Welt – mit der Frage, ob jemand ein ähnliches Tier schon mal gesehen habe. Und tatsächlich: Aus dem Nationalmuseum in Windhuk kam eine Antwort. Kürzlich stöberte daraufhin eine internationale Expedition – mit Hilfe eines Hubschraubers – auf dem schwer zugänglichen Brandberg in der namibischen Erongo-Provinz weitere Mantophasmatodea-Exemplare auf, die allerdings einer anderen Art angehören. Nun ist Zombro dabei, in Plön eine Zucht der stacheligen Spezies aufzubauen. Der nächste Schritt: Genetische Untersuchungen sollen die Verwandtschaft zu anderen Insektenordnungen klären. Wolfgang Hassenstein

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