Zeitung Heute : „Mao war unser Gott.“

In China Schlange stehen? Da kommen Sie nirgendwo hin, sagt Jung Chang. Die Autorin verkauft im Westen Millionen Bücher, in ihrer Heimat sind sie verboten.

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Jung Chang, 53, wurde weltberühmt mit ihrer Familiengeschichte „Wilde Schwäne“. Sie wuchs im China Maos auf. Während der Kulturrevolution musste sie als Elektrikerin arbeiten, später studierte sie Anglistik und ging mit einem Stipendium nach London. Mit ihrem Mann hat sie nun eine MaoBiografie verfasst.

Interview: Deike Diening und Stefanie Flamm Als Sie 1978 nach London kamen, war Mao in Europa hoch angesehen. Andy Warhol hatte ihn zur Ikone gemacht. Wie haben Sie das empfunden?

Es hat mich so traurig gemacht, dass ich niemandem gesagt habe, dass ich Chinesin bin. Ich habe mich als Südkoreanerin ausgegeben.

Trotzdem ließ China Sie nicht los. „Wilde Schwäne“, das Buch, das Sie Ende der 80er Jahre über Ihre Familie geschrieben haben, ist in jeder gut sortierten Buchhandlung zu bekommen.

Meine Mutter hat den Anstoß dazu gegeben. 1988, als ich schon zehn Jahre in England lebte, kam sie mich besuchen, und hier wollte sie plötzlich über Dinge reden, über die wir in China nie gesprochen hatten. Sie blieb sechs Monate bei mir. Wenn ich im Institut war, saß sie zu Hause und sprach auf ein Tonband.

Das war zwölf Jahre nach Maos Tod.

Aber das Land hatte erst angefangen, sich zu verändern. Meine Mutter musste in den Westen fahren, um die schlimmen Jahre hinter sich lassen zu können. Für sie war das eine große Erholung. Sie erzählte von meiner Großmutter, die als junge Frau Konkubine eines Provinzgenerals in Yixian, nordöstlich von Peking, gewesen war und noch diese verkrüppelten Füße hatte, über die japanische Besetzung und über meinen Vater. Zum ersten Mal hat sie sich bitter über ihn beschwert.

Ihr Vater war ein gläubiger Kommunist.

Es war sehr schwer, mit ihm zusammenzuleben. 1949, als in einigen Gebieten noch Bürgerkrieg herrschte, sind sie mit einer Gruppe von Kommunisten von der Mandschurei zurück nach Sichuan in Südchina gezogen. Mein Vater war ein hochrangiger Offizier, er hatte der kommunistischen Hierarchie zufolge Anspruch auf einen Jeep oder ein Pferd. Meine schwangere Mutter aber war neu in der Partei. Er hat sie gezwungen, die 2000 Kilometer zu Fuß zu gehen.

Obwohl sie ein Kind erwartete?

Sie hat das Kind verloren, weil mein Vater keine Ausnahme machen wollte. So ein Verhalten galt zu Maos Zeiten als vorbildlich. Erst bei mir in London konnte meine Mutter das in Frage stellen.

1993 haben Sie zusammen mit Ihrem Mann Jon Halliday die Arbeit an Ihrer Mao-Biografie aufgenommen. Gab es dafür auch einen Anlass?

Nein, wir wollten einfach mehr über diesen Mann erfahren, Episode um Episode sein Leben rekonstruieren, und ehrlich gesagt, habe ich am Anfang nicht geahnt, wie viel Arbeit das sein würde. Ich dachte, ich wüsste schon ziemlich viel. Aber ich wusste vieles überhaupt nicht.

Das Buch, das dieser Tage auf Deutsch erscheint, revidiert das Bild des chinesischen Revolutionsführers vollkommen. Sie beschreiben ihn als eine herzlose Bestie, die von sich selbst sagt: „Menschen wie ich sehnen sich nach Zerstörung.“

Er war kein überzeugter Kommunist, aber ein Radikaler. Als junger Mann hat er in seiner Heimatprovinz Hunan einen nach leninistischem Vorbild angezettelten Bauernaufstand erlebt. Er liebte die Gewalt, die der Kommunismus schüren konnte. Tod war für ihn ein Grund zur Freude. 1957, in Moskau, sagte er zu Chruschtschow: „Wir sind bereit, 300 Millionen Chinesen für den Sieg der Weltrevolution zu opfern.“ Selbst die Sowjets waren darüber sehr irritiert.

Die Sowjets hatten Mao bis dahin gefördert, obwohl er, anders als in jedem Lexikon steht, offenbar nicht der Gründer der chinesischen KP war.

Aus dem Material, das wir in den Archiven der Kommunistischen Internationale in Moskau gefunden haben, geht hervor, dass die chinesische KP 1920 auf einen Befehl aus Moskau, nicht wie immer behauptet, 1921 von Mao gegründet wurde. Mao hat die Geschichte einfach gefälscht. Aber nicht nur in diesem Punkt. Auch seine Rolle während des Langen Marsches…

…der Flucht nach Nordchina, die die Kommunisten 1934 nach einem gescheiterten Aufstand antraten…

…entspricht nicht der Legende. Aus Gesprächen, die die britische Regierung in Moskau mitgeschnitten hat, geht hervor, dass seine Genossen Mao gar nicht mit auf den Weg nehmen wollten. Sie hielten ihn für unberechenbar, und sie hatten Recht. Mao hat den Langen Marsch dazu benutzt, seinen Rivalen, den Oberbefehlshaber der chinesischen Roten Armee, auszutricksen.

In Ihrem Buch berichten Sie von einem 2000 Kilometer langen Umweg.

Der hat vier Monate gedauert. Am Ende war Maos Truppenteil auf ein Zehntel geschrumpft. Ich habe das am Anfang überhaupt nicht verstanden. Das war doch nicht im Interesse der Revolution! Doch dann habe ich begriffen, dass Mao das vollkommen egal war. Mao ging davon aus, dass man die Rote Armee zerstören und mit anderen Menschen wieder aufbauen kann.

Wenn all das so eindeutig ist, warum hat es vor Ihnen niemand herausgefunden?

Ich glaube nicht, dass es ideologische Gründe waren, eher sprachliche. Wir hatten Glück. Jon, mein Mann, hat sich um die Archive in Moskau gekümmert, und ich habe den chinesischen Teil übernommen. Zwischendurch haben wir uns getroffen und erzählt, was wir schon wieder gefunden hatten. Es war wahnsinnig spannend.

Was hat Sie derart fasziniert?

Wie dieser Mann gedacht hat. Er war irrsinnig klug, ein gewiefter Stratege. Er hatte sehr früh begriffen, dass nur das sowjetische System ihn an die Macht bringen konnte. Aus Moskau kamen Geld und Waffen.

Und der Kommunismus war außerdem die verführerischste Ideologie des 20. Jahrhunderts. Er versprach den Menschen die klassenlose Gesellschaft.

Das hat Mao nicht interessiert. Für ihn war der Kommunismus das Herrschaftssystem, das am besten zu ihm passte. Wir haben keinen einzigen Beleg dafür gefunden, dass er jemals eine öffentliche Rede gehalten hätte, in der er den Menschen mehr Schulen und Krankenhäuser versprach oder bessere Lebensbedingungen.

Dennoch scheinen viele Menschen an ihn geglaubt zu haben.

Aber das war die Folge des Personenkultes, den er selbst initiiert hatte. Er hat die Leute gezwungen, das Mao-Abzeichen zu tragen, er hat veranlasst, dass sein Bild verteilt wurde. Er wusste, dass der Kommunismus in China nicht populär war. Während des Bürgerkriegs 1945 bis 1949 hat es keine einzige prokommunistische Demonstration gegeben. In Russland gab es Aufständische, die sagten, wir wollen Lenin, in Kuba solche, die sagten, wir wollen Castro. Viele Vietnamesen wollten Ho Chi Minh. Die Chinesen wollten Mao nicht.

Und Leute wie Ihr Vater?

Mein Vater wollte den Kommunismus, nicht Mao Er stammte aus der Provinz Sichuan, im Süden. Dort haben die Nationalisten während des Krieges gegen die Japaner die Bevölkerung ausgepresst. Die Sowjetunion war damals Chinas einziger Verbündeter. Deshalb gingen viele junge Männer nach Yenan im Norden …

…wo die Kommunisten 1935 eine Räterepublik errichten konnten…

…und die meisten waren enttäuscht. Dort herrschte der blanke Terror. Sie wurden aus Angst zu Rädchen in Maos Machtmaschine. Mao hat China als riesiges Gefängnis betrachtet.

Sie sind in diesem China aufgewachsen. Erinnern Sie sich, wann Sie zum ersten Mal mitbekamen, dass es jemanden wie Mao gab?

Für mich war Mao einfach immer da. Wir haben Lieder gesungen wie: „Mutter ist uns nah, Vater ist uns nah, aber niemand ist uns so nah wie der große Vorsitzende Mao.“ Wenn er uns befahl, vor der Schule zu sitzen und auf Metall herumzuschlagen, damit die Spatzen die Ernte nicht gefährden, haben wir das gemacht.

Ist Ihnen das nie lächerlich vorgekommen?

Damals nicht. Der Personenkult hatte mich einer vollständigen Gehirnwäsche unterzogen. Mao war unser Gott. Wir haben auf ihn geschworen und bei jeder Gelegenheit unser kleines rotes Buch geschwenkt.

Haben Sie Ihre Mao-Bibel noch?

Nein, ich kann mich nicht einmal erinnern, wann ich sie weggeworfen habe. Aber ich besitze wieder eine, für Forschungszwecke. Jemand hat sie mir geschenkt. Ich glaube, das war in Amerika.

Auch in Europa hatten viele dieses Buch. Sartre hat sogar gesagt, Maos „revolutionäre Gewalt“ sei „tief moralisch“.

Es gab radikale Sozialdemokraten, die dachten, Mao verbessere die Lebensbedingungen der Chinesen. Aber es gab auch solche, die wussten, dass Mao mit Gewalt arbeitete und die genau das fasziniert hat. Und Sartre würde ich zur zweiten Gruppe zählen.

Wann kamen Ihnen Zweifel an diesem Regime?

Das war während der schlimmen Jahre der Kulturrevolution, als auch meine linientreuen Eltern plötzlich als Konterrevolutionäre galten. 1968, an meinem 16. Geburtstag, saß ich auf dem Bett und schrieb ein Gedicht, während mein Vater dabei war, in Panik unsere Wohnung von verdächtigem Material und allen Büchern zu „säubern“. Da habe ich gedacht, wenn das hier das Paradies ist, so hatte man uns ja gelehrt, dann will ich nicht sehen, wie es in der Hölle aussieht.

1972, nach dem Besuch Nixons in China, als die Lage sich etwas entspannte, waren Sie eine der Ersten, die Englisch studieren durfte. Wie haben Sie die Öffnung des Landes empfunden?

Für mich war es eine Befreiung, aber ich gehörte immer noch zur Elite. Ich konnte Bücher lesen wie Nixons „Six Crises“ und ein paar Werke angelsächsischer Belletristik. Doch für die Bauern waren die Jahre zwischen dem Nixon-Besuch und Maos Tod 1976 die schlimmsten. Die Zahl der Länder, zu denen wir diplomatische Beziehungen unterhielten, stieg von 31 auf 66 an – und sie alle bekamen Hilfsleistungen aus China, sogar das reiche Malta. So hat Mao sich Einfluss erkauft, während bei uns die Bauern verhungerten.

Haben Sie sich nie gefragt, warum keiner gegen diesen Wahnsinn rebelliert hat?

Das Repressionssystem war sehr effektiv. Man konnte wegen jeder Kleinigkeit im Gefängnis landen. Außerdem gab es in China damals keine Waffen. Nicht einmal die Offiziere der Roten Armee durften eine Pistole tragen. Mao hatte nach seiner Machtübernahme alle Feuerwaffen konfiszieren lassen. Und mit einer Gabel kommen Sie nicht gegen so ein mächtiges Regime an.

Liegt es vielleicht auch daran, dass China kein Konzept von Individualität und Aufklärung hat?

Der Westen projiziert häufig merkwürdige Ideen auf China. Es heißt auch, der Kommunismus sei eine antikolonialistische Bewegung gewesen. Weil China von fremden Mächten besiegt wurde wie Deutschland im Ersten Weltkrieg, habe das zu ähnlichen Reaktionen geführt. Mao sei an die Macht gekommen wie Hitler an die Macht gekommen ist. Aber das stimmt nicht. Der Kommunismus wurde allein mit Gewalt nach China gebracht und kann nur mit Gewalt aufrechterhalten werden. Sie gehen bis heute ins Gefängnis, wenn Sie das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens auch nur erwähnen.

Haben auch Sie bei Ihren Recherchen Schwierigkeiten bekommen?

Ich persönlich nicht. Aber die Archive werden kontrolliert, deshalb können wir die zitierten Dokumente nicht nennen, ohne die Leute zu gefährden, die sie uns gegeben haben. Mit den Interviews ist es anders. Viele Menschen aus Maos Umfeld scheinen nur darauf gewartet zu haben, endlich zu sprechen. Im Index haben wir all diese Gespräche aufgeführt, die Aussagen aber nur einer Person zugeordnet, wenn sie mittlerweile tot ist. Die Originalbänder liegen in einem Koffer in unserer Bank. Wir werden sie veröffentlichen, wenn sie niemanden mehr gefährden.

Was empfinden Sie, wenn Sie nach China fahren?

Immer, wenn ich hinkam, sah ich Veränderungen. 1983, als ich zum ersten Mal nach China zurückgekehrt bin, gab es wieder Blumenmärkte, sie galten nicht mehr als bourgeois, dann tauchten die ersten Teehäuser auf, Schachspieler auf den Straßen. Ich habe beobachtet, wie sich der Lebensstandard der Leute verbesserte. Ich habe vor Freude geweint. Aber wie viele bin ich davon ausgegangen, dass die wirtschaftlichen Veränderungen politische Veränderungen nach sich ziehen würden. Das war eine Illusion. Mao wird noch immer verehrt.

Obwohl das Land längst nach den Regeln des Kapitalismus funktioniert. China gilt als der größte Wachstumsmarkt der Welt.

Sie haben die Wirtschaftspolitik verändert und das Land geöffnet. Ausländer reisen nach China, Chinesen reisen ins Ausland. Aber: Sie haben die Essentials des Maoismus beibehalten. Die Partei besitzt das absolute Machtmonopol.

30 Jahre nach Maos Tod diktiert sie ausländischen Investoren die Bedingungen, unter denen Geschäfte zu machen sind. Ist das Land auf dem Weg, Maos Ziel, die Weltherrschaft, mit kapitalistischen Mitteln zu erreichen?

Maos Politik hat 70 Millionen Menschen das Leben gekostet. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass man China, solange seine Schriften Grundlage der Verfassung sind, im Ausland nicht als gutartige Macht betrachten wird. Die Leute werden immer denken: Das sind und das bleiben Maos Erben. Und das muss man in Frage stellen.

Viele glauben, es sei umgekehrt. China sei in der Lage, das Selbstbewusstsein des Westens in Frage zu stellen.

Die chinesische Gesellschaft ist ziemlich aggressiv geworden. Es gibt fast keine Sozialleistungen mehr, jeder muss kämpfen. Das merkt man schon, wenn man in den Bus einsteigt. Würden Sie dort ordentlich wie die Briten in einer Schlange warten, kämen Sie nirgendwo hin. Aber ich hoffe sehr, dass der Westen Druck auf das Regime ausübt. Darum haben wir das Buch geschrieben.

Wird es in China erscheinen?

Ich arbeite gerade an der Übersetzung. Aber die ist für Taiwan. In China sind meine Bücher verboten. Als die Mao-Biografie im „Economist“ besprochen wurde, haben sie sich die Mühe gemacht, aus jeder einzelnen Zeitung die Seite mit der Rezension herauszutrennen. Maos Erben wollen in Peking auf ihren Stühlen sitzen bleiben.

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