Zeitung Heute : Maos letzte Armee

Er nennt sich Prachanda, der Wilde. Seit zehn Jahren führen seine 20 000 Rebellen Krieg im Himalaya. Und gegen diese Macht wird Nepal keinen Frieden finden. Ein Besuch im Territorium der Maobadi.

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Von Rico Czerwinski Dschungel, Zentralnepal. Der Militärposten am Wegrand ist reglos. Die Polizeistation zwei Kilometer weiter wurde bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Umgebung bilden Terrassen mit Reisanbau, 4000 Meter hohe Felsen, Bergwälder im Himalaya, aus denen die Gerüchte kommen.

Und tiefes Mittelalter. Der Pfad ist eine Treppe, die über dem Fluss Ansi fast senkrecht ins Gestein gehauen ist. Am Abgrund vorbei drängt sich ein Junge, auf seinem Rücken sitzt ein Mann. Die beiden sind seit zwei Tagen unterwegs. Die Schmerzen im Auge des Vaters sind stark, sagt der Sohn, die Straße und die Bushaltestelle zum Arzt sind noch zwei Tagesmärsche entfernt.

Es gibt keine Straßen, Telefone oder Stromleitungen. „Nachts arbeiten die Frauen manchmal nackt auf den Feldern“, erzählt unser 17-jähriger Träger vom Stamm der Gurung, „wenn es länger nicht geregnet hat, um den Göttern zu gefallen.“ Dabei trägt unsere 40-Kilo-Ausrüstung in Badelatschen den Pfad hoch.

Auch andere Geschichten verbreiten sich hier gerade über die in den Tälern im Wind schwingenden Hängebrücken, etwa jene vom 15-jährigen „Buddhajungen“, der seit sieben Monaten nichts isst und nichts trinkt. Zu dem am Tag 10 000 Nepali-Hindus pilgern, die auch Buddha und seine neue Inkarnation und 33 Millionen andere Hindugötter verehren.

An einer Lehmwand im nächsten Dorf Graffiti. Tod den Faschisten! Simple Living, higher Thinking!

Daneben riesige, blutrote Hämmer und Sicheln. Die Hüttenbewohnerin würde sie gerne abwischen. „Aber dann kämen sie mich besuchen. Junge Männer und Frauen mit Sandalen und Maschinengewehren."

Wir sind auf der Suche nach ihnen, einer schwer durchschaubaren Guerilla: der „Volksbefreiungsarmee Nepal“. In diese Gegend des Distrikts Syangja wagt sich das königliche Militär nur noch mit Hubschraubern. Aus Angst vor Überfällen der „Maobadi“, wie die Krieger von den Einwohnern genannt werden. Die Frau rät, den Dorflehrer nach ihnen zu fragen. Der habe neuerdings ein Satellitentelefon und bringe den Kindern seltsame Dinge bei. Dank ihm, der offenbar für die Rebellen arbeitet, stehen wir einen Tag später in einem Wald zwischen Magnolienbäumen, Eichen und hohen Gräsern einer anscheinend sehr jungen Frau mit goldfarbenen Ohrringen und einem Patronengürtel gegenüber. Sie heißt Manju und ist 17, sagt sie.

„Warum nennt ihr euch Maobadi?“

„Wir sind Maoisten, unser Vorbild ist der Vorsitzende Mao Zedong.“

„Was wollte Mao?“

„Er sagte: Die Macht kommt aus den Gewehrläufen. Eine Revolution ist keine Einladung zum Abendessen. Er und unser Vorsitzender Prachanda sind die Führer der Ausgebeuteten der Welt.“

„Wer ist Prachanda?“

„Er gibt uns, seit wir uns von unseren Familien verabschiedet haben, den Mut und die Kraft, zu kämpfen. Er gibt uns die Kraft seines Denkens.“

„Wofür kämpft ihr?“

„Unser Ziel ist die Demokratie des 21. Jahrhunderts. Wir löschen die herrschende Klasse und die volksfeindlichen Traditionen unseres Landes aus.“

„Was ist in diesem Rucksack?“

„Eine Rolle Bombendraht, ein Album mit Märtyrerbildern, zwei Handgranaten.“

„Für die Soldaten?“

„Nein, falls ich lebend gefangen genommen werde.“

Dann tritt ein Mann mit einem Polizeigewehr dazu, gibt sich als Vertreter der politischen Führung der „Kommunistischen Partei Nepals (Maoisten)“, der Untergrundpartei hinter den Maobadi, zu erkennen, und teilt Manju mit, sie sei nicht autorisiert, mit Fremden zu reden.

Verlässliche Informationen aus Westnepal gibt es wenige. Ein zerklüftetes Gebirge, enorme Höhen- und Klimaunterschiede machen aus diesem Berggebiet eine der abgeschnittensten Gegenden der Erde. Der nepalesische Staat hat sich aus 40 Prozent des Landes zurückgezogen, der Krieg hat bisher 12 000 Tote gefordert. Die Parteiorganisation unter Maobadi-Kommandant Pushpa Kamal Dahal, genannt „Vorsitzender Prachanda“ – was so viel bedeutet wie der Wilde – will mit revolutionärer Gewalt eine nie genau definierte „Demokratie des 21. Jahrhunderts“ errichten. Schon heute sind die Maobadi dabei, die von ihnen besetzten Gebiete von Grund auf zu verändern.

In einem Dorf des Distrikts Syangja berichtet ein achtjähriges Mädchen freudig über erste Maßnahmen seit der Machtübernahme. „Mein Vater schlägt meine Mutter nicht mehr. Das Land des Großgrundbesitzers wird vom Volksrat verwaltet. Wer die Regeln nicht befolgt und bei dem neuen Leben nicht mitmacht, kommt vor das Volksgericht. Ist er schuldig, wird er in ein Lager gebracht.“

Unterstützer der Maobadi, die es in ganz Nepal und im Ausland gibt, verweisen auf die mittelalterlichen Verhältnisse im Land und auf die totalitäre Diktatur, die das Königshaus in den vergangenen Jahren zu errichten versuchte. Sie sind überzeugt, dass nur die Maobadi-Rebellen das nepalesische Volk vom jahrhundertealten Kastensystem des noch immer stark von hinduistischen Traditionen dominierten Landes befreien und die Unterdrückung der Frauen beenden können.

Die USA haben die Maobadi auf ihre Liste der Terrororganisationen gesetzt. Kritiker der Maobadi sprechen von Gehirnwäsche bei der Erziehung von Kindern und ihrer Ausbildung zu Kriegern. Madhav Kumar Nepal, der ehemalige Vizepremier Nepals und Generalsekretär der zweitstärksten verfassungstreuen Partei, der demokratischen Kommunisten, erwähnt im Gespräch in Katmandu, „dass die Maobadi Nasen und Ohren ihrer Gegner abtrennen“. Er ist überzeugt, dass Nepal „unter ihrer Führung zu einem Kambodscha wie unter Pol Pot mit Hunderttausenden von Toten würde".

Auch die Roten Khmer hätten einst als Fraktion einer kommunistischen Partei begonnen, spalteten sich ab und kämpften danach vom Dschungel aus um die Eroberung des Landes. Ihre Barbarei nach dem Sieg Pol Pots forderte 1,7 bis 2 Millionen Menschenleben.

Bisher schaffte es die nepalesische Guerilla nicht, in den größeren Städten die Herrschaft zu ergreifen. Jetzt jedoch haben sich die vom König im Februar 2005 entmachteten Parteien mit den Maobadi verbündet. Die demokratischen Politiker setzen darauf, die Dschungelkrieger nach dem Sturz des Königs zivilisieren und die Macht mit ihnen teilen zu können.

Der heute 51-jährige „Vorsitzende Prachanda“ wuchs im Süden Nepals in einer unter Reisenden für ihre Elefanten und Dschungelnashörner bekannten Gegend auf. „Ich stamme aus einer armen Bauernfamilie“, sagte Prachanda der kommunistischen US-Zeitschrift „The Revolutionary Worker“ in einem Interview. Im Süden besuchen wir den 77-jährigen Vater von Prachanda. Mukti Ram Dahal sitzt auf der steinernen Veranda vor dem Elternhaus des Guerillachefs. Der rote Fleck auf seiner Stirn kennzeichnet ihn als gläubigen Hindu.

„Was für ein Kind war Ihr Sohn?“

„Er war unter den anderen Kindern ein Anführer, aber er hat ihnen auch geholfen. Er war auch schneller in der Schule als andere.“

„Prachanda sagte einmal, er stamme aus einer armen Bauernfamilie.“

„Wir sind Viehzüchter, arm waren wir nicht. Unsere Kaste sind die Brahmanen, das ist in Nepal eine Führerkaste, die studieren darf.“

„Was hat er studiert?“

„Landwirtschaft.“

„Wollte er nicht Politik studieren?“

„Mit 16 Jahren sagte er mir: Wir sind arm und ausgebeutet. Ich sagte: Wir haben keine Zeit, über den König zu sprechen. Der König ist der höchste Mensch von allen, er ist bei uns Hindus in Nepal die Inkarnation des großen Gottes Shiva. Ich sagte meinem Sohn: Wir müssen auf unsere Büffel schauen.“

„Und er?“

„Folgte und schaute auf die Büffel.“

„Aus Ihrem Sohn ist einer der mächtigsten Männer des Landes geworden. Sind Sie stolz auf ihn?"

„Mein Sohn hat mich verlassen. Ich habe ihn seit 1996 nicht gesehen.“

„Warum ging er in den Untergrund?“

„Das Unglück begann mit der Demokratiebewegung. 1990 gab es seit langem die ersten freien Wahlen, sein linkes Wahlbündnis wurde gleich zur drittstärksten Kraft. Aber was er wollte, konnte er nicht erreichen, sie haben ihn nicht an der Regierung beteiligt."

„Was wollte er?“

„Wohlstand für die Armen.“

„Warum sein Name, der Wilde?“

„Den hab nicht ich ihm gegeben. Als ich ihn kannte, war er kein Prachanda.“

Die Kommunistische Partei Nepals hat sich seit ihrer Entstehung nach Fraktionskämpfen bis 1990 etwa 20 Mal gespalten. Prachanda hat sich im Alter von 20 Jahren einer in seiner Heimat entstandenen radikalen Splittergruppe angeschlossen. „Es waren Revisionisten mit kleinbürgerlichen Tendenzen", sagt er im Interview über die Konkurrenten in der Partei.

Vor den ersten Wahlen in der Geschichte Nepals geht Prachanda aber dann trotzdem ein Bündnis mit den „Revisionisten“ ein. Als er trotz beachtlichen Stimmengewinnen nicht an die Macht kommt, studiert er sein Vorbild, Mao Zedong. In der von Mao empfohlenen Analyse von Feinden und möglichen Verbündeten erkennt er als wichtigste Unterstützer seiner Bewegung die kleinen Bauern und die untersten Schichten des Landes. Menschen wie die Steinebrecherinnen, die in vielen Dörfern im Westen aus dem felsigen Untergrund Baustoffe gewinnen.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in den Bergen ist 56 Jahre. Hungersnöte herrschen bis heute nicht. Das in Jahrhunderten halbfeudal bewirtschaftete Land gibt genug Reis pro Mensch und Tag, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Hungrig sehen nur die Dalit-Kinder in den Steinbrüchen aus, die Kinder der 2,5 Millionen „Unreinen“, die von allen gemieden werden. Wer in eine Dienerkaste wie die Dalit geboren wird, wird immer zu dieser Kaste gehören, Prachanda rechnet damit, dass am meisten Opferbereitschaft von den untersten Kasten, den unterdrückten Frauen, aber auch von Minderheiten wie dem Kriegervolk der Magar und der ohne Aussicht auf Aufstieg dahindämmernden Jugend Nepals zu erwarten ist. Ab Anfang der 90er Jahre besuchen seine Agitatoren diese Gruppen, um sie für das zu sensibilisieren, was wie die Chance ihres Lebens klingt.

Die Wahlen 1994 boykottiert er, kündigt stattdessen seinen Gang in den Untergrund an. „Wir sagten den Leuten“, erinnert er sich, „dass sie nichts erwarten könnten von einem Mehrparteiensystem.“ Er kündigt Vorbereitungen für einen Krieg an. „Und als sie uns daraufhin angriffen“ – der Sicherheitsapparat der alarmierten Parteien-Regierung reagiert auf die Ankündigung mit Willkür, Verhaftungen, Tötungen, Misshandlungen -, „da sagten die Leute: Ja, was die Maoisten sagen, stimmt“.

Im Februar 1996 übergibt er, der jetzt erstmals seinen Kampfnamen trägt, der Regierung einen Forderungskatalog. Die Regierung lehnt ab, Prachandas Anhänger überfallen eine Bank, einen Polizeiposten, eine Pepsi-Fabrik. Der Krieg beginnt.

Im 500-Einwohner-Ort Huwash liegen die letzten Straßensperren der Armee 42 Kilometer zurück. In der Dorfkneipe steht Prasad und lächelt, als wir ihn auf ein Bier einladen wollen. „Es tut mir Leid, aber es ist noch nicht Abend“, sagt er. „Und es gibt in der Kneipe kein Bier.“ Das Dorf wird von Kadern Prachandas verwaltet. Wieder gehört der Lehrer zu ihnen. Er erklärt die neuen Regeln: Früher betranken sich die Bauern bis zur Besinnungslosigkeit mit Industriebrandy, heute gibt es nur noch zwei Flaschen Bier am Tag, abends und nur für daheim. Die Männer sind jetzt abends oft zu Hause.

Prasads Tochter: „Früher hat er hier in der Kneipe jeden Abend Karten gespielt um Geld.“ Unter der neuen Macht ist Glücksspiel verboten.

Ein Mann: „Die Unberührbaren sitzen jetzt mit am Tisch, sie können in die Kneipe kommen, wenn sie wollen.“ Eine Frau: „Im Ort hatten wir einen korrupten Bürger. Einen Betrüger und Ausbeuter. Er hat arme Leute um ihr Geld gebracht. Die Maobadi sind gekommen und haben ihn getötet.“

Ein Mädchen berichtet begeistert, Schläge gegen Frauen und Kinder zu Hause seien verboten. Drei Frauen des Ortes haben sich im letzten Jahr scheiden lassen. Früher hätten sie nach einer Trennung mit ihren Kindern allein für den Rest ihres Lebens bleiben müssen. Ihre Familie hätte sie nie zurückgenommen, geschweige denn, hätten sie einen neuen Mann finden können.

Für Frauen in anderen nepalesischen Dörfern ist es das Schlimmste, länger zu leben als ihr Mann. Dann sagt man: Du bist schuld, du hast dich nicht genügend um die Sauberkeit im Haus gekümmert, um die Gesundheit deines Mannes. Noch im 19. Jahrhundert hat man Nepalesinnen nach dem Tod ihres Mannes in vielen Dörfern als Hexen verbrannt. Noch im 20. Jahrhundert haben sich manche lebend mit ihren Männern beerdigen lassen.

„Seit die Guerilla in der Gegend ist“, sagt der Lehrer, „bringen wir den Leuten in diesem Dorf bei, was ein gutes, modernes Leben ist.“

Aus der Tür seines Hauses kommen junge Mädchen. Töchter des Dorfes Huwash, die höher ins Gebirge zu einem Treffen mit der Guerilla gehen. Sie erhalten dort ein ideologisches Training und eine Kampfausbildung für die Miliz der Maobadi, der erste Schritt in die maoistische Armee.

Die Frauenquote der Guerilla beträgt 40 Prozent, im Politbüro, dem obersten Führungsgremium um Prachanda, null Prozent. Auf den unteren Führungsstufen gibt es kaum ein Dutzend Frauen, ähnlich selten sind Angehörige von Minderheiten und unteren Kasten.

Wir begleiten die Mädchen auf dem Weg in das zehn Stunden entfernte Dorf, wo sich hohe Parteifunktionäre aufhalten sollen. Acht Stunden Bergbesteigung in einem unsicheren Gebiet, in dem oft Militärhubschrauber kreisen. Vorbei an unzähligen „Kontaktpunkten“, Bauernjungen, die den richtigen Pfad weisen und unsere Ankunft mit Taschenlampen über die nächtlichen Täler melden.

Nachts kommen wir an. Einer der acht Leibwächter des ranghöchsten anwesenden Parteikaders, Gebietsparteichef der Annapurna Trekking Area, Kampfname Saroj, teilt uns mit: „Der Kommandant muss den Vorsitzenden anrufen. Prachanda wird darüber befinden, ob wir mit euch reden dürfen.“

Der Gebietsparteichef trägt einen dünnen Schnurrbart, es ist der nächste Morgen, er sieht verlegen aus. Eben gab es für die „Genossen aus Europa“ einen Empfang, der halb Volksfest und halb Militärappell war. Kämpfer mit Maschinengewehren salutierten, Milizionärinnen strichen uns, den „Gästen des Volkes“, rote Begrüßungsfarbe in die Gesichter.

„Prachanda“, sagt Rebellenanführer Saroj nun, „möchte nicht, dass wir mit euch reden. Nur bestimmte Kader dürfen das, nur hohe Kader aus der Partei, aus Politbüro und leitendem Komitee.“

Wir sind auf einer Art Versammlungsplatz im Dorf. Neben uns kochen zwei Mädchen Reis für Bauernkinder und Krieger, sie haben gerade das „ideologische Programm“ in der „Halle der zwei Märtyrer“ hinter sich. Wir fangen einfach an mit den Interviews.

„Wofür kämpft ihr?“

„Die Demokratie des 21. Jahrhunderts ist die einzige Hoffnung für die Dritte Welt in diesem Jahrtausend.“

Eines der Milizmädchen erwähnt beim Thema „Vorbilder“ den Namen Pol Pot. Was weiß sie über ihn?

„Er hat das Volk befreit.“

Sie heißt Chandra und ist 16. Weiter hinten flüstern Gebietsparteichef Saroj und Tamu, der Maobadi-Chef mehrerer Gemeindeverwaltungen, über nepalesische Gastfreundschaft und „Direktiven“.

Chandra: „Wir sind Revolutionärinnen. Wir würden unser Leben geben. Wir lernen zum Beispiel die Parteipolitik betreffend der Babys. Wir kämpfen für die Befreiung der ausgebeuteten und entrechteten Frauen und der Armen. Wir sind die Basis der Armee. Zusammen mit unseren Kameraden. Frauen können kämpfen!“

Prachanda hat im Interview mitdem „Revolutionary Worker“ gesagt: „Eine Schwangerschaft ist fatal. Zur Abtreibung können wir mit unseren Kriegerinnen ja nicht ins Krankenhaus. "

Chandra ruft einen Jungen heran, sieben Jahre alt. „Ein Märtyrersohn.“ Prachanda hat in seinem Interview gesagt: „Das Gefühl, das uns ermöglichen wird, alles zu ändern, ist das Gefühl, ein Märtyrer sein zu wollen.“

Märtyrersohn Madhav: „In zwei bis drei Jahren will ich meinen Vater rächen. Wie der Feind es tat, genau so.“

Auch Nanda, ein junger Magar-Kämpfer am Feuer hat einen „Märtyrer" in der Familie. „Sie töteten meinen Bruder.“ Nanda ist 19: „Meine Eltern sind arme Magar-Farmer in Selapaka. Wir hatten drei Büffel und zwölf Kühe, in meiner Kindheit schnitt ich Gras für unser Vieh und ging zur Schule. Meine Eltern waren zufrieden, ich war zufrieden.“

Auf seinem linken Knie liegt eine belgische Maschinenpistole, auf dem rechten ein Radio. Die Maobadi-Partei sendet kommunistische Lieder und Ansprachen des Parteiführers in die Berge. Nanda: „Vor vier Jahren kamen Armeesoldaten in unser Haus. Mein großer Bruder war Maoist. Deshalb erschossen die Feinde ihn.“

Kommandant Saroj hat sich inzwischen für Gastfreundschaft entschieden: zehn Interviewminuten. Das Verbot Prachandas hält er für einen Kommunikationsfehler, er könne sich nicht vorstellen, warum seine Leute nicht öffentlich reden sollten.

Magar-Krieger Nanda: „Am liebsten mag ich kämpfen. Meine Waffe hab ich aus einer Armeekaserne in Beni. Wir waren im Vorteil, eine Übermacht von zwölfhundert gegen tausend, wir griffen um 23 Uhr an und kämpften bis 2 Uhr nachts. Wir waren offensiv, sie hatten Angst, kamen aus der Baracke, verkrochen sich wieder, aber wir kämpften für das Volk, inspiriert durch unsere Philosophie, wir hatten 90 Tote, sie 500. Ich bin seit drei Jahren bei der Guerilla, habe selber zehn bis zwölf Feinde erschossen. Ich kämpfe immer vorne.“

Tamu, 23, Verwaltungschef der umliegenden Dörfer: „Ja, die Gebiete, die wir kontrollieren, verändern wir. Heute entscheiden nicht mehr nur ein oder zwei Leute allein, sondern alle gemeinsam in einer Dorfversammlung. Die einfachen Leute wissen besser Bescheid. Sie sind die Schöpfer der Geschichte. Was immer sie sagen, ist wahr. Gibt es Streit, tagt der Gerichtshof des Volkes. Zum Beispiel bei der Ausbeutung von Frauen. Bessert sich ein mehrmals Verurteilter nicht, kommt er ins Arbeitslager. Wie in Sibirien, weißt du?"

Saroj: „Er wird dort der Partei durch physische Arbeit helfen, zum Beispiel Straßen bauen. Und die Partei wird ihm helfen, ideologisch wieder gesund zu werden. Das musst du dir wie in der Schule vorstellen.“

Tamu: „Wir wollen eine Demokratie aufbauen. Die demokratischen Parteien in unserem Staat werden sich dadurch auszeichnen, dass sie gegen den König sind und gegen die amerikanischen Imperialisten kämpfen. Und gegen alle anderen Kapitalisten und Imperialisten.“

Saroj: „Wirtschaftlich sind wir für ein offenes System mit staatlicher Kontrolle wie in China. Kontrolle heißt, wir werden nicht zulassen, dass amerikanische und indische Imperialisten die Ressourcen des Landes ausbeuten. Am wichtigsten ist die gerechte Verteilung von Technologie. Wir können keine Raketen bauen, wir können keine Bomben bauen. Wir haben nur den Marxismus-Leninismus-Maoismus, die Gedankenwaffe. Und die Menschen. Sie sind unsere Atombombe!"

Tamu: „Noch gehört das Land nicht allen. Aber die Großgrundbesitzer wurden schon enteignet. Karl Marx sagt, die arbeitende Klasse muss durch 15, 20, 50 Jahre Bürgerkrieg gehen, um den Feind zu besiegen - und um sich zu transformieren, sich bereit dafür zu machen, die Macht auszuüben."

„Saroj, Kommunisten haben ihre Macht oft sehr missbraucht."

„Der Vorsitzende Prachanda hat wiederholt Machtmissbräuche verhindert. Ich habe sogar Politbüromitglieder, die sich revisionistisch gezeigt haben, im Arbeitslager oder in unseren „mobilen Gefängnissen“ gesehen, unter der Kontrolle bewaffneter Genossen. Ich habe alles für die Menschen aufgegeben. Ich habe wie viele meiner Kameraden große Opfer für sie gebracht, habe seit 1995 kein Privatleben, kann meine Familie nicht sehen. Ich habe kein eigenes Interesse, ich tue alles fürs Volk. Es ist nicht leicht. Es tut mir Leid, wir müssen abbrechen. Ihr habt noch drei Minuten.“

Letzte Fragen an Kämpfer Nanda.

„War es schwer, Menschen zu töten?“

„Es waren Volksfeinde. Soldaten, Polizisten.“

„Journalisten, Politiker, zu Dutzenden. Andersdenkende Menschen.“

„Spitzel, Volksfeinde. Genosse Prachanda sagt: Jetzt ist Zerstörung Hauptsache. Später werden wir aufbauen.“

Zurück in Katmandu. Madhav Kumar Nepal, Generalsekretär der demokratischen Kommunisten, hält das gegen den König gerichtete Abkommen mit Prachanda für richtig. Madhav Nepal war schon einmal Vizepremier des Landes und ist neben dem neuen Premier Koirala der Sieben-Parteien-Allianz einer der einflussreichsten Politiker des Landes. Vielleicht vollbringt er deshalb das Kunststück, eine klare Sicht auf die Methoden und das Wesen der Guerilla mit der Überzeugung zu verbinden, man könne sich später mit ihr einigen.

Die Morde der Maobadi an seinen Parteimitgliedern und ihre Gräueltaten erwähnt er nebenbei: „Was man so hört, haben sie den Gegnern schon auch die Nasen abgeschnitten. Die Augen ausgestochen, sie an Bäumen aufgehängt. Ob sie das aber seit Abschluss unseres Abkommens immer noch machen, weiß ich nicht.“ Immerhin gibt es gegenwärtig einen Waffenstillstand, dem sich auch die Maobadi angeschlossen haben.

Bei ihrem Geheimtreffen neulich in Delhi sei Herr Prachanda sehr freundlich gewesen. „Nur als ich ihm die Hand gegeben habe, ist mir kurz kalt geworden. Gut, wenn seine Guerilla die Macht übernehmen würde, würde er mich ins Gefängnis stecken, vielleicht sogar foltern oder töten. Aber sie werden nicht die Macht übernehmen. Nachdem wir gemeinsam den König gestürzt haben, werden wir sie bändigen. Der Dschungel macht die Menschen zu Tieren. Aber wenn Herr Prachanda aus dem Dschungel kommen und wieder in der Gesellschaft leben will, wird er das Gesetz des Dschungels hinter sich lassen müssen. Wir machen Demokraten aus ihnen.“

„Mein Antrieb“, erklärt Prachanda im Interview mit der kommunistischen Zeitschrift, „ist der Kampf gegen die Revisionisten. Ich hasse Revisionisten, ich hasse sie wirklich. Und ich werde immer gegen sie kämpfen.“ Prachanda kümmert sich auch um sein Ansehen: „Was wird die Welt sagen? Sie wird sagen, dieser Krieg hat das Land mit dem höchsten Berg der Erde verändert. Es hat aus einem rückständigen Land eines der Helden gemacht, der proletarischen Helden. Mao war nicht unverantwortlich. Es ging ihm nicht darum, dass all die Menschen sterben. Es ging ihm um die neue Welt. Er war beseelt vom Geist der Weltveränderung.“

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