Zeitung Heute : Marathon der Gefühle

Malte Lehming

Auch Japhet Kosgei lief am Sonntag mit. Im vergangenen Jahr war der schlaksige Marathonläufer aus Kenia Zweiter geworden. Damals hatte er von der Startlinie aus noch klar und deutlich das World Trade Center sehen können. Denn der New-York-Marathon beginnt traditionell auf einer Brücke in Manhattan. Seine Frau, sagt Kosgei, sei nicht glücklich darüber gewesen, dass er in diesem November wieder teilnimmt. "Doch dann habe ich sie daran erinnert, dass sich Freunde von uns in der US-Botschaft in Nairobi befanden, auf die 1998 ein Terroranschlag verübt worden war. In solchen Momenten muss man zusammenhalten."

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Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Also ist er nach New York gekommen, hat strenge Sicherheitskontrollen erduldet, sich einen Sticker mit dem Motto "United we Run" angeheftet und sich das Bekenntnis "I love NY" auf den Arm tätowieren lassen. Kosgei war einer von knapp 35 000 Läufern, die dem Terror ihr Trotzdem entgegenhielten. Wenige Tage zuvor hatte das FBI gewarnt, sechs große Brücken könnten zwischen dem 2. und 7. November das Ziel weiterer Anschläge sein. Der 32. New-York-Marathon führte über fünf große Brücken. 3000 Polizisten wurden aufgeboten, um die Veranstaltung zu schützen. Der Einsatz hieß "Code Omega". Wieder befand sich New York im Ausnahmezustand.

Es sind extreme Gefühle, die in der Stadt seit dem 11. September fast unablässig produziert werden. Wie viele solcher Gefühle vertragen die Menschen? Auf den offenen, brutalen Terror der radikalislamischen Flugzeugentführer folgte der unsichtbare, anonyme Terror in Form von Milzbrand-Briefen. Wer sie schickt, wie man sich schützt, wer gefährdet ist: Auf die drängendsten Fragen gibt es keine Antworten. Trauer über die Toten, Dankbarkeit für das Mitgefühl, Angst vor einer offenbar nicht enden wollenden Bedrohung, Patriotismus, Wut, Zusammenhalt, Unsicherheit - durch all diese Stadien des Gefühls sind die New Yorker gegangen.

Selbst Ablenkungen beruhigen nicht, sondern strapazieren die ohnehin fragilen Nerven. Wenn Sie diese Zeilen lesen, wird entschieden sein, ob die "Yankees", die in diesen Tagen zum Symbol für die trotzige Lebensfreude der New Yorker geworden sind, auch in diesem Jahr die nationale Baseball-Trophäe erobern konnten. Die ersten beiden Spiele des auf maximal sieben Begegnungen angesetzten Endkampfes hatten sie beschämend verloren, anschließend zwei Spiele knapp gewonnen - und dann kam der vergangene Freitag. Die Worte "Drama", "Wunder", "Sensation", "Wahnsinn" drücken nur vage aus, was in jener Nacht in New York vor 56 000 Zuschauern geschah. In eine deutsche Sportmetapher übersetzt: Das ist ungefähr, wie wenn eine Fußballmannschaft in der 90. Minute mit Null zu Vier zurückliegt und am Ende trotzdem gewinnt. Unmöglich? Nicht in New York. Am Sonnabend sollte dieser Erfolg wiederholt, sollte der Titel gesichert werden. Das Gegenteil passierte. Die "Diamondbacks" aus Arizona deklassierten die "Yankees" in Phoenix mit 15 zu 2. Ein Debakel, das ebenso Geschichte schreiben wird wie der Sieg am Tag zuvor.

In Amerika sind die "Yankees" eigentlich ziemlich unbeliebt. Ihr Ruf gleicht dem von "Bayern München" in Deutschland: arrogante Mannschaft, zu teure Spieler, überhebliche Fans. Seit dem 11. September jedoch gönnt das Land dem New Yorker Team jeden Erfolg. Wer im Stadion offen gegen die "Yankees" ist, fühlt sich nach kurzer Zeit, als würde er auf der israelischen Unabhängigkeitsparade eine Hitler-Maske tragen. Nur in einigen bissigen Aufrufen heißt es, man solle sich den guten, alten Hass auf die "Yankees" gefälligst nicht aus Gefühlsduselei madig machen lassen. Eine neue Liebe zu den "Yankees" hieße, Osama bin Laden hätte es geschafft, die Amerikaner zu verändern. Außerdem habe der Präsident alle Bürger aufgefordert, zur Normalität zurückzukehren. Und normal sei es schließlich, die "Yankees" nicht zu mögen.

Das sieht einer ganz anders. Dieser Fan ist bei fast allen entscheidenden Spielen der "Yankees" dabei, der Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani. Auch die Tragödie am Sonnabend in Phoenix hat er sich nicht erspart. So ist er: Rudy, the Rock, der "Felsbrocken", der Ausnahmebürgermeister, der vor acht Jahren als Republikaner die Metropole der Demokraten gestürmt hatte, der Katholik, der mit der Parole "Zero Tolerance" hart in der multi-ethnischen Stadt durchgriff, dessen Nimbus lange vor dem 11. September jedoch verblasst war, der Schlagzeilen nur noch durch einen Scheidungsskandal machte - und der dann ein Comeback erlebte, das ihn zwischenzeitlich populärer machte als den Präsidenten.

Giuliani war der Held der Nach-Terror-Tage. Sein Auftreten beruhigte, sein Einsatz stimmte zuversichtlich. An diesem Dienstag allerdings wird sein Nachfolger gewählt. Eine dritte Amtszeit in Folge verbietet die Verfassung. Wieder müssen die New Yorker Abschied nehmen und auf ein Symbol der Stabilität verzichten.

Deshalb liegt Wehmut über diesem Tag. Etwa ein Viertel der Wähler ist noch unentschlossen, welchem der beiden Nachfolgekandidaten es seine Stimme geben soll. Nach den dramatischen letzten Wochen ist die Aufmerksamkeit vielleicht einfach erlahmt. Dabei ist diese Wahl wirklich spannend. Es kämpfen zwei echte Typen um die Macht im "Big Apple", der nach den Terroranschlägen wohl am schwierigsten zu regierenden Metropole der westlichen Welt.

Beide sind weiß, Juden, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, leben auf der Upper East Side, beschreiben sich als liberal, stammen aus der Mittelschicht und haben an der Elite-Universität Harvard studiert. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten auf. Es überwiegen die Unterschiede zwischen dem sozial engagierten Parteiveteranen Mark Green und dem politisch unerfahrenen Medienunternehmer und Multimilliardär Michael Bloomberg.

In den Umfragen hat der 59-jährige Bloomberg in den letzten Wochen rasant aufgeholt. Der Mann mit der leisen Stimme ist ein Unikum. In den neunziger Jahren schuf er einen der größten Medienkonzerne mit dem Schwerpunkt auf Finanz- und Wirtschaftsinformationen. Auf die so genannten "Bloomberg-Terminals", die schnell und umfassend Daten liefern, verzichtet heute keine Börse der Welt. Fast 8000 Mitarbeiter in 100 Ländern umfasst das Imperium, 2400 allein in New York. Bloomberg ist pragmatisch bis zur Selbstverleugnung. Im vergangenen Jahr trat er aus der demokratischen Partei, die er als Mäzen jahrzehntelang unterstützt hatte, aus - und bei den Republikanern ein, weil er bei denen im Kampf um das Bürgermeisteramt gegen weniger markante Kandidaten antreten musste.

In den Debatten schlug sich Bloomberg beachtlich. In seinen Wahlkampf steckte er 41 Millionen Dollar (90 Millionen Mark) aus seinem Privatvermögen. Er führt, sagen seine Strategen in Anspielung auf den Krieg in Afghanistan, gleichzeitig eine Boden- und Luftoffensive. Am Boden, das heißt, dass Zehntausende von Plakaten und Sticker mit seinem Konterfei in der Stadt zu sehen sind. In der Luft beschallt Bloomberg die Radio- und Fernsehkonsumenten ununterbrochen mit zwei Werbungen. In der einen kommt Rudy Giuliani zu Wort, der sich in der vergangenen Woche klar für Bloomberg als seinen Nachfolger ausgesprochen hat, in der anderen zitiert Bloomberg seinen Widersacher Green mit den Worten, er hätte seine Sache nach dem 11. September ebenso gut, "wenn nicht besser als Giuliani" gemacht. Das Zitat spricht für sich selbst - gegen Green und für Bloomberg.

Green nützt es auch nicht viel, dass Ex-Präsident Bill Clinton mit ihm auf Werbetour geht. Das verstärkt eher das Al-Gore-Image des Kandidaten, was in den USA nicht gerade für Erfolg steht. Wie Gore, dem gescheiterten Präsidentschaftskandidaten, liegt dem 56-jährigen Green besonders die Umwelt- und Gesundheitspolitik am Herzen. Zusätzlich setzt er sich für Minderheiten ein, er war Moderator der CNN-Sendung "Crossfire", ist als ursprünglich linker Demokrat zumindest wirtschaftspolitisch in die Mitte gerückt, ist gesellschaftspolitisch jedoch seinen Überzeugungen treu gebleiben. Green unterstützt sowohl die gleichgeschlechtliche Ehe als auch das Recht auf Abtreibung.

An sich dürfte es in New York keine Überraschung geben. Den 2,4 Millionen Demokraten stehen nur 470 000 registrierte Republikaner gegenüber. Und noch liegt Green in den Umfragen knapp vorn. Doch der Abstand zu Bloomberg verringert sich von Tag zu Tag. In einer Stadt, in deren Haushalt ein Vier-Milliarden-Dollar-Defizit klafft und die seit dem 11. September wöchentlich 12 000 neue Arbeitslose zu verbuchen hat, zählt die Parteizugehörigkeit plötzlich weniger als die Hoffnung auf eine Person mit Wirtschaftskompetenz.

Und so rumort und brodelt es vor diesem Dienstag. Einige Auguren wittern bereits ein zweites Wunder - die Wahl des Republikaners Giuliani vor acht Jahren war das erste. Der schillernde Bloomberg, der nie Politiker war, könnte es schaffen. Selbst die "New York Times", die lange Zeit auf Seiten Greens stand, kippt gerade um. Sein Reichtum spreche nicht an sich gegen den Milliardär, schrieb am Sonnabend ein Kommentator.

Amerika schaut an diesem Dienstag wieder auf New York. Die Gefühlslage diesmal: gespannte Erwartung.

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